Debatte in Tirol

Suchtkranke Kinder: „Ist klar ein Thema der Zeit“

Tirol
16.11.2023 08:00

Bezüglich suchtgefährdeter Kinder und Jugendliche bewegt sich endlich etwas im Land Tirol. Das zeigte sich am Mittwoch im Tiroler Landtag. LR Eva Pawlata (SPÖ) präsentierte verschiedene Maßnahmen. Zwischenzeitlich herrschte sogar ungewohnte Harmonie unter den Politikern. 

„Es geht um die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen“, sagte LA Christian Kovacevic (SPÖ), der die Mündliche Anfrage an LR Eva Pawlata (SPÖ) eingebracht hat. „Mir läuft es stets kalt den Rücken hinunter“, so FP-Landesparteichef Markus Abwerzer, „in den vergangenen Jahren gab es sieben tödliche Überdosen von Minderjährigen zu beklagen – das jüngste Opfer war 13 Jahre alt.“ 

„47 junge Abhängige mit schwerem Suchtverhalten“
LA Andrea Haselwanter-Schneider, Klubobfrau der Liste Fritz, rief schockierende Zahlen in Erinnerung: „Fünf bis sieben Kinder und Jugendliche mit Überdosen werden pro Woche in die Klinik Innsbruck eingeliefert, rund 47 junge Abhängige mit schwerem Suchtverhalten haben wir laut Experten derzeit in Tirol.“ LA Birgit Obermüller (Neos) wies hingegen auf die Kombination Suchtverhalten und beeinträchtigte Menschen hin. „Im Tiroler Suchtkonzept wird das nicht thematisiert – obwohl Menschen mit Behinderung durchaus gleichermaßen betroffen sind.“

Betreutes Wohnen Intensiv Plus
Im Fokus der Diskussion standen die Maßnahmen im Zusammenhang mit suchtgefährdeten Kindern und Jugendlichen in Tirol. „Seit meinem Antritt beschäftige ich mich mit dieser Thematik, es handelt sich klar um ein Thema der Zeit“, sagt LR Pawlata, „wir erinnern uns an unglückliche Fälle, in denen Kinder und Jugendliche mit einer Sucht gestorben sind, keine adäquate Unterbringungsmöglichkeit vorhanden war. Es gilt nunmehr die Unterbringung im Rahmen des Betreuten Wohnens Intensiv Plus. Diese spricht Jugendliche an, die Drogensucht haben und in das soziale System nicht mehr integriert werden können. Jugendliche, die durch Formen durchgelaufen und keine Hilfe mehr bekommen haben.“

Die sechs Plätze werden um zwei erweitert. 1,3 Millionen Euro werden aufgebracht. „Für diese vulnerable Gruppe muss das möglich sein. “

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Es gilt nunmehr die Unterbringung im Rahmen des Betreuten Wohnens Intensiv Plus.

LR Eva Pawlata

Niederschwelliges Angebot bei Z6
Außerdem thematisierte sie die Z6 Drogenarbeit. „Dort existiert ein niederschwelliges Angebot in Form einer Sprechstunde, die zwei Mediziner abhalten – und zwar zweimal in der Woche zwei Stunden.“ Die Betreuer dort bieten auch das „Drug-Checking“ an, im Zuge dessen mitgebrachte Drogen geprüft werden. Diese Einrichtung erhält laut der Landesrätin ein jährliches Budget in der Höhe von 450.000 Euro.

WG für Mädchen mit Essstörungen kommt 
Und auch auf die WG für Mädchen und junge Frauen mit Essstörungen nahm sie Bezug. Diese wird, wie berichtet, 2024 realisiert – mit insgesamt sechs stationären und zwei ambulanten Plätzen. 570.000 € werden jährlich dafür aufgewendet.

Prinzipiell gebe es sozialpädagogische Wohngruppen mit rund 420 Plätzen, betreute Wohnformen mit rund 100 Plätzen, 35 Krisenplätze und 13 Eltern-Kind-Wohnplätze sowie Pflegeeltern und Pflegestellen und ambulante Hilfen.

„Wir müssen auch die Eltern mit ins Boot holen“
LR Pawlata betont jedoch auch klar: „Es wird nicht reichen, betroffene Kinder und Jugendliche in betreuten Wohnformen unterzubringen. Wir müssen auch die Eltern ins Boot holen. Hier gibt es ebenfalls Initiativen.“

Schützenhilfe kam von LR Cornelia Hagele (ÖVP). Man arbeite „intensiv“ daran, Pflegeeinrichtungen für betroffene Kinder und Jugendliche zu schaffen. Und sie verwies auch auf das Projekt kontakt+co Suchtprävention: „Das setzt in den Volksschulen an. Süchte wie Videospiele sowie Drogen werden thematisiert.“

Kommentar: Ungewöhnlich harmonisch
Dass es sich um ein Thema der Zeit handelt, ist der „Tiroler Krone“ spätestens seit dem tragischen Drogentod einer 13-jährigen (!) Tirolerin im Jahr 2020 bewusst. Mit vielen betroffenen Familien sowie suchtkranken Kindern und Jugendlichen habe ich mich mittlerweile getroffen, ihr unfassbares Leid und die damit einhergehende Problematik aufgezeigt. „Meine Tochter wurde am Straßenrand gefunden“, „Ich rechne jeden Tag mit dem Schlimmsten“, „Musste zusehen, wie sich meine Tochter zerstört“ waren nur einige der traurigen Schlagzeilen. Das „Krone“-Engagement wurde gestern positiv von FP-Landesparteiobmann Markus Abwerzger hervorgehoben.

Er war es auch, der in Richtung LR Eva Pawlata (SPÖ) betonte: „Wir haben mittlerweile eine Situation, mit der ich persönlich fast zufrieden bin.“ Ab und zu sei er mit der Landesrätin unterschiedlicher Meinung. „In Summe möchte ich aber meine Anerkennung für Ihre Bemühungen hiermit zum Ausdruck bringen.“

„Wir erkennen ebenfalls an, was sich bisher getan hat“, sagte Liste Fritz-Parteiobfrau und LA Andrea Haselwanter-Schneider, „Dankbarkeit und Wertschätzung“ gab es auch von LA Zehlia Arslan (Grüne).

Ungewöhnlich harmonisch ging diese Debatte vonstatten. Doch auf dieser Harmonie darf sich die Politik nun keinesfalls ausruhen, denn der Weg bis hierhin war steinig. Außerdem ist die Zahl suchtkranker Kinder und Jugendlicher weiter stark steigend. Alle Verantwortlichen müssen hochgradig alarmiert sein.

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