10.01.2012 16:23 |

"Nur" Durchschuss

Staatsanwalt: "Wurde bei Suizid-Versuch abgelenkt"

Der polnische Militär-Staatsanwalt Mikolaj Przybyl hat sich erstmals zu seinem Selbstmordversuch am Montag geäußert. Er bestätigte am Dienstag in einer Erklärung gegenüber dem polnischen Sender "Radio Zet", dass er Selbstmord begehen wollte. Dazu habe er sich den Lauf seiner Pistole in den Mund gesteckt. Er sei aber erschrocken, als jemand die Tür zum Saal der Pressekonferenz, die Przybyl zuvor abgehalten hatte, öffnen habe wollen. Deshalb habe er nur die Wange durchschossen.

Die Pressekonferenz von Przybyl hatte den Absturz eines polnischen Regierungsflugzeugs im April 2010 betroffen, bei dem neben dem damaligen Präsidenten Lech Kaczynski alle 96 weitere Passagiere gestorben waren. Aus der Erklärung des Staatsanwalts vom Dienstag geht jedoch hervor, dass diese Ermittlungen und die damit verbundenen Vorwürfe gegen die Militär-Staatsanwaltschaft nicht der Hauptgrund für sein Vorgehen waren.

"Offener Konflikt" in Staatsanwaltschaft
Der Staatsanwalt erklärte, durch den Selbstmord habe er auf die Bedeutung der Militär-Staatsanwaltschaft hinweisen wollen. Denn die Forderungen, diese aufzulösen, hätten ihre Ursache in seinen Ermittlungen über die Finanzierung der polnischen Armee. "Ich weiß, dass auf meinen Kopf deshalb eine Million Zloty (220.000 Euro) ausgesetzt war", erklärte Przybyl, ohne zu sagen, wer sein Leben bedrohe oder um welche Vorwürfe es bei seinen Ermittlungen geht.

Oppositionschef Jaroslaw Kaczynski von der rechtskonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" sprach von einer "Krise im Justizsystem". In der Staatsanwaltschaft gebe es einen "offenen Konflikt", kommentierte er den Selbstmordversuch. Der Ex-Ministerpräsident rief zur Abschaffung der Militär-Staatsanwaltschaft auf. "Das ist ein Anachronismus", so der Politiker. Ihre Aufgaben sollten von der zivilen Staatsanwaltschaft übernommen werden. Gleichzeitig kritisierte Kaczynski Ministerpräsident Donald Tusk dafür, dass dieser seinen Urlaub nicht abgebrochen habe. "Ich fordere ihn dazu auf, dass er seinen Pflichten nachkommt", so Kaczynski bei einer Pressekonferenz.

Reaktion der Journalisten "erschütternd"
Journalisten diskutierten indessen am Dienstag über das Verhalten der Kameraleute und Kollegen unmittelbar nach dem Schuss. Nachdem sie den Konferenzsaal betreten hatten, filmten und dokumentierten sie die Situation, ohne dem am Boden liegenden Verletzten zu helfen. "Das ist erschütternd", erklärte Andrzej Stankiewicz, Journalist des Nachrichtenmagazins "Newsweek Polska". Michal Szuldrzynski von der Zeitung "Rzeczpospolita" sprach von einer "dramatischen Situation", in der sich die Journalisten befunden hätten.

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