Immer mehr junge Menschen wollen nicht mehr eindeutig als Frauen oder Männer leben, sagt die Eisenstädter Sexualtherapeutin Jutta Mikats-Judex. Was steckt dahinter? Wie geht man damit um? Und was hat der Nationalsozialismus damit zu tun?
„Es gibt da ein neues Phänomen, das mir meiner Praxis auffällig oft begegnet. Mich kontaktieren immer mehr junge Menschen, die unter dem diffusen Gefühl leiden, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Sie meisten leiden auch unter einer depressiven Symptomatik, Ängsten und Schlafstörungen“, sagt Psycho- und Sexualtherapeutin Jutta Mikats-Judex aus Eisenstadt, die Gründerin des Instituts „Die rote Couch“. Die allermeisten dieser Klienten seien zwischen 14 und 30 Jahren alt und gehörten der Generation Z an. Damit sind Jahrgänge gemeint, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden.
Konflikt mit Rollenzuschreibungen
Viele fühlen sich orientierungs- und ziellos, auch die älteren unter ihnen, die längst mit beiden Beinen im Leben stehen. „Im Zuge der Therapiesitzungen kristallisiert sich heraus, dass sie sich nicht darauf festlegen können, in welcher sozialen Geschlechterrolle sie leben möchten. Ihre Geschlechtsidentität ist in Bewegung und ändert sich fließend - zum Beispiel von männlich zu weiblich oder auch von weiblich zu non-binär. Deshalb spricht man hier von genderfluiden Menschen“, erklärt Mikats-Judex. Dabei gehe es nicht um eine sexuelle Orientierung wie Hetero-, Homo- oder Bisexualität, sondern um einen tiefgreifenden inneren Konflikt, ausgelöst durch klassische Rollenzuschreibungen, so die Therapeutin.
Manche meiner Patientinnen und Patienten stehen in der Früh auf und fragen sich: Fühle ich mich heute männlich oder weiblich? Ziehe ich einen Rock an oder eine Hose? Lackiere ich meine Nägel oder nicht? Diese Fragen stellen sie sich völlig unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht.
Sexualtherapeutin Jutta Mikats-Judex
Keine Modererscheinung
Ihre Genderfluidität drücken Betroffene aber nicht nur durch geschlechtsneutrale Kleidung aus, sondern auch durch eine non-binäre, geschlechtssensible Sprache: „Betroffene wollen nicht als ‚sie‘ oder ‚er‘ bezeichnet werden, sondern als ‚sie/er‘ oder als ‚X‘. So etwa nennen sie sich bei einer veganen Ernährungsweise Veganerix.“ Auch wenn Genderfluidität für die Mehrheitsgesellschaft wie eine befremdliche Modererscheinung wirken mag, sei es keine.
„Frühere Generationen haben Rollenbilder nicht hinterfragt und meist unreflektiert von Eltern und Großeltern übernommen. Wenn Betroffene spürten, dass sich zugeschriebene Rollen für sie nicht hundertprozentig stimmig anfühlten, unterdrückten sie oft, weil es vor 50, 60, 70 oder 80 Jahren kaum Spielräume gab und ein starker Gruppenzwang bestand, der Sicherheit, Zugehörigkeit, Solidarität und Halt versprach.“ In Folge wurden Neigungen versteckt gelebt - wie etwa Homosexualität.
In unserer heutigen individualisierten Gesellschaft sei dieser Konformitätsdruck nicht mehr so ausgeprägt. Die jungen Leute hätten mehr Möglichkeiten, zu experimentieren und ihre Eigenart zu leben. „Sie achten mehr darauf, was sie in ihrem Inneren wahrnehmen, und erlauben sich, diese Empfindungen auch nach außen zu tragen anstatt einem Bild zu entsprechen oder in eine soziale Rolle zu schlüpfen, die nur Fassade ist.“
Mit Genderfluidität drücken Betroffene ihre Wesenheit aus und nutzen diese fließenden Grenzen auch als Ventil, um Stress und dem enormen Leistungs- und Erfolgsdruck unserer Zeit zu entkommen
Sexualtherapeutin Jutta Mikats-Judex
Forschungen wurden in der NS-Zeit vernichtet
Das Phänomen sei jedenfalls kein Neues und komme auch in anderen Ethnien vor, weiß Mikats-Judex: „Auch hierzulande gab es immer schon genderfluide Menschen. Doch alle Forschungen zu dem Thema wurden im Zuge der Säuberungswellen im Nationalsozialismus vernichtet und die Rollen von Männern und Frauen extrem determiniert.“ So entstand der Begriff des „Vaterlandes“ und der Mutterkult, der nur gebärdende Frauen hochschätzte, weil diese für die Entwicklung des deutschen Volkes und der Aufwertung der arischen Rasse wichtig waren. Für Mikats-Judex ist Genderfluidität daher „ein Sinnbild für das Aufbrechen der Gesellschaft und dem Ablegen bisheriger Vorgaben“.
Der individuelle Erziehungsstil dürfte dabei ein entscheidender Faktor sein. Manche von Mikats-Judex‘ Klienten wuchsen mit Eltern auf, die unbewusst oder bewusst ihre Aufgabe als Erziehungsinstanz verweigerten und lieber als Freund und Partner auftraten. Sie setzten ihrem Nachwuchs kaum Grenzen und vermittelten ihm: „Ihr könnt alles sein und werden, was ihr wollt“. Andere wiederum wurden mit strengen Regeln, Normen und Rollenbildern in konservativen Elternhäusern groß und hatten irgendwann den Wunsch, dieses Korsett zu sprengen.
Im Rahmen der Therapie schaffe ich mit meinen Klienten ein Fundament, damit sie fest im Leben stehen können. Das stärkt ihren Selbstwert und das Selbstvertrauen.
Sexualtherapeutin Jutta Mikats-Judex
Wie Eltern reagieren sollten
Was also empfiehlt die Expertin, wenn etwa ein kleiner Bub den Wunsch äußert im rosa Tüllrock in den Kindergarten oder in die Schule zu gehen? „Eine schwierige Frage! Eltern möchten ja nicht, dass ihr Sohn gemobbt wird. Dennoch ist es wichtig, dass er sich ausprobieren darf, um herausfinden zu können, wie sich etwas anfühlt. Wird ihm diese Möglichkeit verwehrt, wird er spätestens in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter seine Wahrheit leben wollen, um sich selbst akzeptieren zu können.“ Ein guter Mittelweg sei daher sinnvoll.
„Wenn ein Bub unbedingt Kleider oder Röcke tragen will, sollte er das in den eigenen vier Wänden tun dürfen. Meist handelt es sich nur um eine Phase, die vorübergeht. Dauert sie an, sollten Eltern ihr Kind in seiner Einzigartigkeit anerkennen und unterstützen. Denn nur wer stimmig und wahrhaftig lebt, erfährt eine grundlegende Lebenszufriedenheit und entwickelt das nötige Verständnis für die Andersartigkeit anderer. Dann ist in unserer Gesellschaft ein echtes Miteinander möglich.“
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