Anna Jermolaewa wird den Österreichpavillon bei der Kunstbiennale 2024 in Venedig gestalten. Ihr Projekt „A Language of Resistance“ ist eine Auseinandersetzung mit gewaltfreiem Widerstand. Das gab Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien bekannt. Kuratorin ist Gabriele Spindler, Leiterin der Abteilung Kunst- und Kulturwissenschaften und Kuratorin für zeitgenössische Kunst der Oberösterreichischen Landes-Kultur GmbH.
Mayer verwies darauf, dass die Kunstbiennale Venedig im vergangenen Jahr nach einer Pandemiepause (und einer Verlängerung der Dauer nach vorne) mit 800.000 Besuchern ein Rekordergebnis und einen Anstieg um 35 Prozent im Vergleich zu 2019 eingefahren habe. Sie sei weiter „einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte der Kunstwelt“ und leiste nach wie vor „einen ungemein wichtigen Beitrag zum ästhetischen, politischen und Kunstdiskurs. Es ist gut und wichtig, dass Österreich auf dieser Biennale stark vertreten ist.“
„Votum war einstimmig“
Die Konzeptsuche erfolgte über einen öffentlichen Wettbewerb. Von 37 Bewerbungen gelangten in einem dreistufigen Auswahlverfahren schließlich drei Projekte auf die Shortlist, über die Mayer gemeinsam mit der Jury befand. „Das Votum für Anna Jermolaewa war einstimmig.“ Das Projektbudget des Ministeriums wurde von 460.000 auf 550.000 Euro erhöht. „Dafür sind wir froh und dankbar, aber es wird vermutlich nicht ganz ausreichen“, sagte Spindler. Man werde sich wie praktisch alle Vorgängerprojekte um zusätzliche Sponsorengelder bemühen, aber „Anna ist sehr erfinderisch, wenn es um geringe Budgets geht“.
Künstlerin floh aus der Sowejtunion
Anna Jermolaewa wurde 1970 im damaligen Leningrad (heute: St. Petersburg) geboren. Als Mitbegründerin der ersten Oppositionspartei und Mitherausgeberin einer regierungskritischen Zeitung floh sie aus der Sowjetunion und erhielt in Österreich politisches Asyl. Seit 1989 lebt sie in Österreich und studierte in den 1990er Jahren Kunstgeschichte an der Universität Wien und Malerei & Neue Medien bei Peter Kogler an der Akademie der bildenden Künste, Wien. „Mein größter Wunsch war, Kunst zu studieren, 25 Jahre später stehe ich da: sprachlos“, bedankte sich die Künstlerin für die „unglaubliche Ehre und Verantwortung“ der Biennale-Einladung.
2006 bis 2011 war Jermolaewa Professorin für Medienkunst am Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, 2016 bis 2017 war sie Gastprofessorin für Kunst in zeitgenössischen Kontexten an der Kunsthochschule Kassel. Seit 2019 ist sie Professorin für Experimentelle Gestaltung an der Linzer Kunstuniversität. In Linz ist bis 5. März im Schlossmuseum eine von Spindler kuratierte Werkschau zu sehen („Number Two“), von der eventuell das eine oder andere Werk auch in Venedig gezeigt werden könnte. Im MAK, wo heute die Pressekonferenz stattfand, war im März 2022 ihr Projekt „Chernobyl Safari“ zu sehen.
„Das künstlerische Werk von Anna Jermolaewa zeichnet sich durch genaue Beobachtungsgabe, gesellschaftspolitisches Interesse, konzeptuell-serielle Verfahrensweisen, Leichtfüßigkeit und Witz und die Beherrschung sowie einer Vielzahl von künstlerischen Mitteln wie Video, Fotografie und Installation aus“, zitiert Andrea Mayer aus der Jurybegründung. „Ich halte sie für eine der pointiertesten und relevantesten Positionen der österreichischen Gegenwartskunst“, sagte Kuratorin Spindler. Sie untersuche in ihrer Arbeit die gesellschaftliche und politischen Voraussetzungen des Zusammenlebens. „Was ihr Werk auszeichnet ist, dass es zugleich politisch und poetisch ist.“ Es besitze hohe Aktualität und hohe gesellschaftliche Relevanz gleichermaßen.
Gewaltfreier Widerstand als Projektthema
Das Venedig-Projekt „A Language of Resistance“ werde eine Auseinandersetzung mit gewaltfreiem Widerstand sein, „ein Thema, das kaum aktueller sein könnte“. Es werde dabei aber auch um den Anpassungsdruck des Individuums in der Gruppe gehen. Für konkrete Ausformungen wird man sich noch etwas Zeit lassen: „Wir wollen mit Projekt flexibel bleiben.“ Von der APA zu den Klebe- und Schütt-Aktionen von Klimaaktivistinnen und -aktivisten befragt, meinte Anna Jermolaewa: „Ich werde sie auf jeden Fall aufnehmen in meinem Beitrag, denn als Sprache ist es interessant.“ Sie persönlich sei jedoch dagegen, dass man Bilder für zivilen Widerstand benütze.
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