FIS-Materialreform

Ab 2012/13 wird “wie zu Hinterseers Zeiten” skigefahren

Sport
19.07.2011 09:43
Seit Jahren versucht der Internationale Skiverband FIS, der vielen Verletzungen im Alpin-Rennsport Herr zu werden. Nachdem Langzeit-Untersuchungen Kurssetzung, Schneeverhältnisse und Ausrüstung als die drei Hauptproblemfaktoren zutage gefördert haben, ist man nun auch auf dem Materialsektor zu einem Schluss gekommen: Die Weltcup-Rennski werden ab der Saison 2012/2013 länger, schmaler und weniger stark tailliert. Da fühlt sich so mancher Experte in "Hansi Hinterseers Zeiten" zurückversetzt.

Vor allem die radikalen Änderungen im Riesentorlauf werden von der Industrie scharf kritisiert. Denn während die Anpassungen auf dem Abfahrts- und Super-G-Sektor relativ "mild" verlaufen und der Slalom-Ski komplett unangetastet bleibt, wird die Kerndisziplin Riesentorlauf im Weltcup-Bereich "revolutioniert". Die Mindestlänge soll künftig 1,95 Meter bei den Herren (bisher 1,85 Meter) bzw. 1,88 Meter bei den Damen (bisher 1,80 Meter) betragen.

Entscheidend ist aber, dass der Ski vor der Bindung nur noch höchstens 95 Millimeter breit sein darf und der Radius, der die Kurvenlänge entscheidend beeinflusst, von 27 gleich auf 40 Meter bzw. bei den Damen von 23 auf 35 Meter vergrößert wird.

"Wie Mitte der 1990er-Jahre"
"Das ist dann wieder Skirennfahren wie zu Zeiten eines Hansi Hinterseers", mokierte sich Ex-Rennläufer Siegi Voglreiter, Rennchef bei der Skifirma Fischer. Rudi Huber von Atomic sieht das nicht ganz so krass. "Das sind zwar tatsächlich Werte, wie wir sie Mitte der 1990er-Jahre hatten, aber auch die Athletik ist seither besser geworden. Viel hängt auch von der Kurssetzung ab", so der Salzburger. "Es geht um Sicherheit und die Reduzierung der Fliehkräfte. Man musste darauf reagieren."

Beschlossen werden die neuen Regeln zwar erst beim Herbst-Kongress der FIS - die Industrie ist aber aus Produktionsgründen bereits jetzt bei einem Meeting in Salzburg informiert worden. "Es war letztlich aber nur ein informelles Meeting, wir wurden mit vollendeten Tatsachen konfrontiert", kritisierte Voglreiter. Am Montag wurden alle FIS-Partner dann per Mail von den Beschlüssen informiert.

Unter den Rennläufern herrscht Uneinigkeit
Seit 2006 gibt es das Verletzungsüberwachungssystem ISS. Die aktuelle FIS-Arbeitsgruppe wird vom Österreicher Toni Giger geleitet, auch die Uni Salzburg und eine ÖSV-Arbeitsgruppe hatten sich zuletzt intensiv an den Ursachenforschungen beteiligt. Vergangenen Winter waren mehrere Ski-Prototypen von ehemaligen Rennläufern getestet worden. Aber schon bei den Rennläufern war meist Schluss mit der Einigkeit gewesen. Während die einen die Beibehaltung des aktuellen Reglements forcierten, weil sie ihre Skitechnik bevorteilte, waren andere dagegen.

Zumindest die Änderungen im Speedbereich werden aber auch von der Industrie begrüßt. "Da muss der Speed raus. Abfahrt und Super-G sind absolut gefährlich, Stürze enden meist mit Schwerverletzten", gibt auch Voglreiter zu. Die Radikalität im Riesentorlauf-Bereich versteht er aber nicht. "Erstens passiert im Riesentorlauf nicht so viel und zweitens reden wir hier ja von Spitzensport", so der Salzburger.

"Das Carven wird wieder abgeschafft"
Die Änderung auf dem Riesentorlauf-Sektor stellt die Industrie vor zwei Probleme. Zum einen vor logistische: "Mit der Reform können wir nach dem kommenden Weltcupfinale in Schladming alle Ski wegschmeißen", so Voglreiter. Zum zweiten vor sportliche, "weil das Carven damit nach 15 Jahren praktisch wieder abgeschafft wird. Das aber war die Rettung für das Skifahren, hat die Menschen vom Snowboard wieder zum Skifahren gebracht", bemängelte Voglreiter.

Der Rennleiter kann nicht nachvollziehen, warum man die Slalomski unverändert lässt, jene im Riesentorlauf aber offenbar praktisch als "Mordwaffe" betrachtet. Verlangt wird deshalb eine längere Übergangszeit. "Derzeit entwickeln wir doppelt. Einerseits für den kommenden Winter, parallel dazu aber auch schon für die Saison darauf. Das Problem: "Niemand zieht die neuen Ski an. Die Rennläufer konzentrieren sich ganz auf die kommende Saison", so Voglreiter.

Bleibt das Problem des Breitensports. Es ist vorstellbar, dass die Ski-Industrie neben den speziellen Rennski auch weiterhin Carver für den sportlichen Normalskifahrer entwickelt. Denn als Normalverbraucher mit den neuen Brettern zu fahren, wäre laut Voglreiter so, als ob ein Radfahrer künftig den Großglockner mit einem Waffenrad statt einer hochmodernen Rennmaschine hinauffahren müsste.

Dass im Nachwuchsbereich künftig die bisherigen Damen-Slalomski verwendet werden dürfen, erheitert Vogelreiter ebenfalls. "Der Nachwuchs fährt also plötzlich Formel 1, ganz oben aber wird künftig nur noch mit Formel-3-Autos gefahren."

Auch Benni Raich machte sich für Materialreform stark
Auf jeden Fall hat die FIS nun auch in diesem Bereich auf die vielen Verletzungen reagiert, indem man das aggressive Potenzial aus dem Ski herausgenommen hat. Eine Forderung, die u.a. auch Österreichs Topstar Benjamin Raich immer wieder erhoben hatte. Ob man im Riesentorlauf-Bereich im Feilschen um die letztlich gültigen Maße noch Kompromisse findet, war vorerst nicht zu klären.

"Die Regel mit dem Radius 40 im Riesentorlauf hat sich als wissenschaftlich fundiert ergeben", erklärte FIS-Renndirektor Günter Hujara gegenüber Ö3. Dass die Firmen natürlich nicht glücklich sind, ist dem Deutschen bewusst. "Das geht ganz weit weg vom Verkaufsski."

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Sport
19.07.2011 09:43
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

KMM
Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung