Opfer schämen sich

Immer mehr Gewalt in den eigenen vier Wänden

Kärnten
15.02.2022 05:55

Drohungen, Stalking und Schläge innerhalb der eigenen Familie haben vergangenes Jahr in Kärnten erschreckend zugenommen.

"Nachdem wir im September 1999 in Klagenfurt eröffnet hatten, zählten wir im ersten Jahr 263 Gewaltopfer, die wir beraten haben. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl aber bereits auf 1219 Personen erhöht„, erzählt Roswitha Bucher, Gründerin und Leiterin des Gewaltschutzzentrums Kärnten und ergänzt: „Die Gewaltbereitschaft hat sich deutlich gesteigert, vor allem seit Beginn der Pandemie."

Ein wesentlicher Grund dafür sei die erhöhte Abhängigkeit innerhalb der Partnerschaft. „Durch Corona haben viele ihren Job verloren oder mit Einkommenseinbußen in Kurzarbeit zu kämpfen. Existenzängste und Unsicherheit machen sich breit. Hinzu kommt noch die räumliche Enge durch diverse Maßnahmen und schon wird das Aggressionspotenzial geschürt.“

Nicht nur Frauen, auch Männer betroffen
Der Großteil der Gewalttäter sei im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, gefolgt von den 40- bis 50-Jährigen. Die meisten Gewalttätigkeiten passieren nach wie vor in Partnerschaften, wobei zu 95 Prozent die Frauen Opfer sind. Von der häuslichen Gewalt sind aber auch Männer zu 20 Prozent betroffen. „Hier kommt es aber eher zwischen Brüdern oder Vätern und Söhnen zu Gewalt“, sagt Bucher und betont: „Gewalt fängt nicht erst bei Schlägen an. Bereits Drohungen oder Stalking sind Formen davon!“

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Das älteste Gewaltopfer, das wir im Vorjahr betreut haben, war knappe 90. Das Jüngste war gerade einmal ein paar Wochen alt.

Roswitha Bucher, Gewaltschutzzentrum

Gesellschaft müsse offener und direkter mit Thema umgehen
Die Gesellschaft müsse endlich offener und direkter mit dem Thema umgehen, fordert die Expertin, die sich gemeinsam mit zwölf Mitarbeiterinnen – Psychologinnen, Psychotherapeutinnen und Juristinnen – um die Gewaltopfer kümmert und ihnen beratend und auch unterstützend zur Seite steht – was aber nicht immer einfach ist. „Viele Opfer schämen sich nämlich für die Gewalttaten und scheuen sich deshalb, Hilfe zu suchen.“

Dabei wird im Gewaltschutzzentrum mit den Betroffenen ein Gefahrenmanagement und ein individueller Sicherheitsplan erstellt, der das Umfeld beleuchtet und mögliche Schritte, die gesetzt werden können, aufzeigt. „Wir vertreten nämlich den Ansatz, dass nicht das Opfer flüchten, sondern der Täter gehen muss.“ Deshalb erhalten die Opfer auch Begleitung bei Prozessen und bekommen, wenn nötig, einen Anwalt zu Verfügung gestellt.

Die Dauer der Beratungstätigkeiten sei ganz unterschiedlich
Während manche nach ein bis zwei Terminen für sich eine Entscheidung gefasst haben, brauchten andere mehrere Jahre.

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