28.11.2021 18:10 |

„Wettlauf gegen Zeit“

Verschleppt: Mehr Zwangsehen durch Lockdowns

Die Pandemie begünstigt die Fälle, in denen junge Frauen zwecks Vermählung ins Ausland verschleppt werden. Gegen dieses Phänomen kämpft bei uns auch der Verein „Orient Express“.

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Gespannt sieht Meltem Weiland vom Verein „Orient Express“ in Wien auf ihr Handy, sie leitet die bundesweite Koordinationsstelle gegen Verschleppung und Zwangsheirat. Derzeit sind einige Fälle besonders heikel, in denen es gilt, junge Frauen nach Österreich zu holen. Das Außenministerium ist eingeschaltet.

Die Fälle ähneln sich: Ziel ist es, die Tochter im Ausland zu verheiraten. So dachte eine 19-Jährige, Ausbildung und Job würden ihr dies ersparen. Mit der Ausrede eines Heimaturlaubs lockte der Vater die Familie weg. Dort wurde die Tochter eingesperrt und ihr der Pass abgenommen. Die Hochzeit musste so schnell wie möglich stattfinden. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, weiß Weiland.

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Die Opfer brauchen die Möglichkeit, Zufluchtsorte aufzusuchen, in denen sie Schutz finden und in Sicherheit leben können.

Karl Nehammer, Innenminister

Sobald die Ehe geschlossen ist, auch wenn dies nur rituell ist, darf der Mann mit der Frau Geschlechtsverkehr haben, und die Chancen, sie freizubekommen, sind vorbei. Meist sind die Mütter Mittäterinnen oder machtlos. Dabei geht es nicht darum, ob die Tochter jemanden heiratet, der dieselbe Religion hat wie sie, sondern ob es ein Mann aus dem Dorf der Familie ist.

Schließlich will man von der neuen Verwandtschaft wissen, ob sie frei von Schande ist.

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Für mich war es selbstverständlich, dass wir den ,Orient Express‘ absichern und die finanziellen Mittel aufstocken.

Susanne Raab, Frauenministerin

In Wien kam der Verein „Orient Express“ während der Corona-Pandemie in finanzielle Nöte, sodass der Erhalt dieser Einrichtung nicht mehr gesichert war. Konkret ging es um Zahlungsausfälle (Taggelder) durch die Stadt Wien aufgrund der wegen des Lockdowns nicht mehr stattfindenden Beratungen bzw. Übernachtungen.

Frauenministerin und Innenminister springen ein und erhöhen ab 2022 die Gelder für die Notwohnungen von „Orient Express“, die den von Zwangsehe betroffenen Mädchen zur Verfügung gestellt werden, um unter neuer Identität gefahrlos leben zu können.

Martina Münzer-Greier
Martina Münzer-Greier
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