10.10.2021 09:25 |

Sehr erfahren

Blick für die Schoko-Seite der Menschen

Mit 86 Jahren zählt die Lustenauerin Ingeborg Entringer zu den ältesten Unternehmerinnen in Vorarlberg - seit 1949 arbeitet sie im Fotogeschäft „Nipp“ in der Rosseggerstraße.

Gut erinnern an ihren ersten Arbeitstag kann sich Ingeborg Entringer: „Das war der 7. Juli 1949, ein Montag. Am Freitag war die Schule zu Ende. Zu Wochenbeginn habe ich im Fotogeschäft meiner Eltern mit der Lehre begonnen“, erzählt sie. Ein anderer Beruf als Fotografin stand damals gar nicht zur Diskussion. „Und selbst wenn ich heute wählen könnte, würde ich mich wieder dafür entscheiden.“

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Wenn ich heute wählen könnte, würde ich mich wieder dafür entscheiden.

Ingeborg Entringer

Mit 86 Jahren ist die rüstige Lustenauerin eine der ältesten Unternehmerinnen Vorarlbergs. Ihr Geschäft, Foto Nipp in der Roseggerstraße, hat sie vor gut drei Jahren von ihrem Sohn übernommen. „Er hat immer gesagt: Mama, wir gehen zusammen in Pension. Als es bei ihm so weit gewesen ist, habe ich gesagt: Ich mache weiter“, erzählt sie und lacht. Nicht nur die Tatsache, dass damals zwei Jahre später das 100-Jahr-Jubiläum anstand, bewegte Ingeborg Entringer 2018 zum Weitermachen. „Auch viele Kunden haben zu mir gesagt, dass ich nicht aufhören darf. Solche, deren Eltern zu früh in Pension gegangen sind und dann schnell abgebaut haben.“

Fitter Geist und Körper
Die Arbeit - davon ist die Lustenauerin überzeugt - hält sie geistig und körperlich fit. „Außer ein paar Tabletten gegen hohen Blutdruck nehme ich keine Medikamente ein.“ Vor drei Jahren, im Alter von 83 Jahren, stand die passionierte Skifahrerin noch auf den Brettern. „Damals wollte ich mit dem Lift nach oben fahren, als ein paar Verrückte herunter gebrettert kamen. Da habe ich beschlossen, dass es an der Zeit ist, aufzuhören und bin lieber ins Gasthaus gegangen.“

Fakten

Im Jahr 1920 gründete Josef Nipp zusammen mit seiner Frau Maria das gleichnamige Fotogeschäft in der Lustenauer Roseggerstraße. Ihre Töchter Ingeborg und Ruth absolvierten beide eine Lehre zur Fotografin. Von 1961 bis 1979 lenkten dann Ingeborg Entringer und ihr Mann Rudolf die Geschicke des Unternehmens. Ab 1979 übernahm ihr Sohn Robert das Geschäft und führte dieses bis 2018. Dann übernahm Ingeborg Entringer wieder die Verantwortung.

Eher unwahrscheinlich ist, dass Ingeborg Entringer die Lust am Fotografieren verliert. Es sei denn, die Technik versagt ihren Dienst und fuchst sie. Denn Tage, an denen nicht einmal die Herren von der Servicestelle ihre Passbild-Maschine wieder zum Laufen bringen können, sind ein Graus für die 86-Jährige, die das Handwerk noch von der Pike auf erlernt hat. Die Arbeitstage zu Beginn der 1950er seien lang gewesen - und natürlich ganz anders als heute.

„Zwischen acht und 19 Uhr habe ich die meiste Zeit in der Dunkelkammer verbracht. Mit einer kurzen Mittagspause zwischendurch.“ Selbst in ihren kühnsten Träumen kamen damals weder Speicherkarten noch Drucker vor. Im Gegenteil: „Mein Vater hat die Chemikalien, die er für das Entwickeln der Filme gebraucht hat, noch in der Apotheke geholt“, erinnert sich Ingeborg Entringer. Erst später habe die Firma Agfa einen Entwickler auf den Markt gebracht. Glücklicherweise sei ihr Vater, Firmengründer Josef Nipp, recht fortschrittlich gewesen. „Er hat immer das Neueste gekauft und so konnten wir unter besten Bedingungen arbeiten.“

Die Annehmlichkeiten, die moderne Technik mit sich bringt, weiß die Lustenauerin durchaus zu schätzen. Trotz aller Herausforderungen wie etwa bei der Umstellung auf digitale Fotografie. „Damals konnte mir kaum vorstellen, dass so etwas möglich ist. So hatte ich schon ein paar schlaflose Nächte.“ Mit ihrer modernen Nikon kommt die passionierte Fotografin bestens zurecht - und hat nicht nur Spaß am Fotografieren, sondern auch an den Gesprächen mit großen und kleinen Kunden. „Vor kurzem war ein Kind da, das seine Mutter gefragt hat, ob das Mädchen die Fotos mache. Damit hat sie mich gemeint“, erzählt die 86-Jährige.

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Damals konnte mir kaum vorstellen, dass so etwas möglich ist. So hatte ich schon ein paar schlaflose Nächte.

Ingeborg Entringer

Was braucht ein Fotograf neben den handwerklichen Fertigkeiten? Vor allem den richtigen Blick auf die Schönheit, die jedem Menschen innewohnt und die auf das Foto gebannt werden muss. Diese Fähigkeit hat die voll im Leben stehende Seniorin. Sie lock aus jedem die „Schokoladenseite“ hervor. Sie zeigt ein paar Fotos. „Bei mir geht niemand hinaus, der an einem anderen Ort ein schöneres Passfoto bekommt!“ 

 Vorarlberg-Krone
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