07.10.2021 12:51 |

Vinzi-Pfarrer Pucher

„Österreich muss frei von Obdachlosigkeit werden!“

Eine Antwort auf übersehene Not - dafür stehen die VinziWerke seit nunmehr 31 Jahren und allen voran der Grazer „Armenpfarrer“ Wolfgang Pucher. Einblicke vom Gründer zum verspäteten Jubiläum.

„Krone“: Hätten Sie 1990 gedacht, so etwas Großes zu schaffen?
Wolfgang Pucher: Undenkbar. Ich habe erst mit 50 richtig Gas gegeben, bis dahin war ich ein ganz normaler Pfarrer.

Was brachte Sie dazu, „richtig Gas zu geben“?
Die Begegnung mit einem 19-Jährigen in Lyon. Schon vorher in der Pfarre fiel mir auf, dass es neben dem klassischen Helfen auch Dinge gibt, die nicht in vorhandene Schemata passen und auf Menschen vergessen wird. Auf einer Reise auf den Spuren des Heiligen Vinzenz, der schon mit 19 Jahren zum Priester geweiht wurde, traf ich im Bus drei junge Leute aus der Pfarre – einer davon auch 19 Jahre alt. Zufall? Er und die beiden anderen willigten ein, bei einer Gruppe junger Leute mitzuwirken. Am 18. Jänner 1990 kam es dann zur Geburtsstunde der Jugend-Vinzenzgemeinschaft Eggenberg: Ein erstes Treffen mit circa zwölf Mitwirkenden. Wir wollten klein anfangen – damals mit dem Besuch eines Häftlings.

Wie schafften Sie es insgesamt, 40 Werke aufzubauen?
Geht nicht, gibt’s bei mir nicht! Eine gute Idee sollte man nicht hinschmeißen, nur weil es Schwierigkeiten gibt. All unsere Werke waren mit großen Schwierigkeiten verbunden. Und alles was bei uns entstanden ist, ist ohne Geld, ohne Konzept und ohne Ressourcen entstanden. Wir hatten nur eine Vision, hinter der sich Emotion verbarg. Ich habe als Motor dahinter gestanden und nie aufgegeben.

Was nehmen Sie aus 30 Jahren VinziWerken mit?
Erstens: Als gut situierter Bürger hat man kein Recht, an der Not anderer vorüberzugehen. Zweitens: Es ist mehr möglich, als man glaubt. Man muss nur mutig vorangehen. Kommt man selbst nicht mehr weiter, hilft eine höhere Instanz. Drittens: Wenn etwas notwendig ist, kommen auch Menschen, finanzielle Ressourcen und politische Unterstützung – selbst wenn es lange dauert.

Worauf sind Sie stolz?
Mit unseren Einrichtungen haben wir die Obdachlosigkeit in Graz überwunden.

Zweifelten Sie auch mal daran, weiterzumachen?
Als wir auf der Suche nach einem Platz für die Container von Obdachlosen in Graz waren, wollte ich alles hinschmeißen. Bei einer der Versammlungen saß ich wie ein Angeklagter auf der Bank und wurde nach kaum drei Sätzen niedergeschrien. Ein damaliger Journalist sagte dann mir: „Ich wollte sehen, wie sie den Pfarrer Pucher blutig hinaustragen.“ So viel Hass habe er noch nie erlebt. Schlussendlich haben wir doch ein Stück Friedhof in St. Leonhard erhalten und sind auch heute noch dort.

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Ein damaliger Journalist sagte dann mir: ,Ich wollte sehen, wie sie den Pfarrer Pucher blutig hinaustragen.` So viel Hass habe er noch nie erlebt.

Wolfgang Pucher

Wie hat die Pandemie die VinziWerke beeinflusst?
Auffällig ist, dass wir viele neue Gesichter aus der Mittelschicht seit Herbst letzten Jahres bei den VinziMärkten sehen – alleinverdienende Frauen, aber auch Pensionsbezieher. Corona-Fälle gab es bei den Notschlafstellen kaum. Ein paar ältere Mitarbeiter sind aus Angst vor Ansteckung weggeblieben, dafür sind junge eingesprungen. Nun haben wir sogar 100 Ehrenamtliche mehr. Die bettelnden Menschen spürten, dass weniger Passanten auf der Straße unterwegs waren.

Wohin geht die Zukunft der VinziWerke?
Was geschehen muss, weiß ich, nur noch nicht wie. Wir haben wenig Kapazitäten, uns auszuweiten. Jemand muss aber bei den abgelehnten Asylwerbern, die nicht in die Heimat zurückkehren, angreifen. Ich möchte die Initialzündung für eine große Bewegung sein und bemühe mich schon um einen Einzelfall. Außerdem ist eine meiner Visionen, Österreich frei von Obdachlosigkeit zu machen.

Christina Koppelhuber
Christina Koppelhuber
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