03.10.2021 11:45 |

Altes Handwerk

„Qualität ist das einzige Kriterium, das zählt“

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Jüngst hat er den Holzschuhmacher Daniel Devich besucht.

Dass sich modernste CNC-Steuerungstechnik und altes Handwerk nicht widersprechen, im Gegenteil, sogar ergänzen, zeigt auf anschauliche Weise der Betrieb von Daniel Devich (30) in Hittisau. Er ist Holzschuhmacher in der vierten Generation. Sein Urgroßvater stammt aus Südtirol und kam nach dem Ersten Weltkrieg nach Bezau, wo er eine kleine Schuhmacherwerkstatt eröffnete.

„Das mit der Holzschuhmacherei ergab sich ganz zufällig“, erzählt der sehr aufgeweckte Juniorchef Daniel. „Die Bauern sind mit ihren selbstgeschnitzten Knoschpa zum Urgroßvater gekommen und haben gesagt: „Mach mir da ein Leder drauf. So hat das Ganze angefangen.“

In früherer Zeit waren das natürlich nur mit dem Zugmesser geschnitzte Holzkloben. Von einem Aushöhlen des Fußbettes mit Löffelmessern oder einem Feinschliff konnte nicht die Rede sein. „Mein Opa, der die Werkstatt dann übernahm, hatte einen Senkfuß. Anstatt orthopädische Einlagen zu tragen, überlegte er, die betreffende Form doch gleich in das Fußbett zu übertragen, und so war der ergonomische Holzschuh geboren, bevor es diese Bezeichnung überhaupt gab.“

Das habe sich über Bezau hinaus herumgesprochen, fährt Daniel fort. Der kleine Betrieb florierte. „Das Geld, das der Opa verdient hat, hat er sofort wieder in die Werkstatt investiert, obwohl die Oma jammerte, sie möchte endlich eine neue Stube.“

Innovativ und tüchtig
Auch Daniels Vater Anton schien diese Fähigkeit zu besitzen, Geschäftstüchtigkeit mit Mut zur Innovation zu verbinden, denn schon im Jahr 1998 schaffte er die erste CNC-Maschine für den Betrieb an. Damals ein riskantes Unterfangen. Das sprichwörtliche „Schaffa, schaffa“ scheint auch Daniel im Blut zu liegen, denn er hat, weil die Firma mehr Platz brauchte, 2016 in Hittisau ein ultramodernes Unternehmen mit großzügigem Verkaufsraum aufgebaut, weil die Nachfrage aus dem Ausland inzwischen so groß geworden war.

Er ist ein Tüftler. In der Werkstatt demonstriert er mir anhand des Computers, wie er das CNC-Programm selbst modifiziert, um Arbeitsschritte zu optimieren. Denn Zeit ist Geld. Von der automatischen Ablängung der Holzklötze, die auf ein Förderband kommen, über den Roboterarm, der den Rohling erfasst und in die CNC-Maschine führt, wo er gefräst wird, über die Gussstation, wo die Sohle gefertigt wird, bis zum abschließenden Feinschliff, den auch wieder ein Roboterarm erledigt.

„Im Prinzip hat sich nichts geändert“, sagte Daniel mit Understatement und einem verschmitzten Lächeln. „Ein wirklich guter Handwerker hat zu allen Zeiten nur das beste Werkzeug verwendet. War es damals halt ein Schnitzmesser der besten Qualität, ist es heute eben die Präzision computergesteuerter Maschinen.“

Tradition und Design
Aber die Devichs machen nicht nur Holzschuhe in allen erdenklichen Varianten. Ein ganz wichtiges Segment sind seit 2008 die hochmodischen Stiefel aus Rindsfell, die Daniel gemeinsam mit einem Geschäftspartner aus Kärnten herstellt. Jeder Stiefel ist ein Unikat. Es gibt ihn aufgrund der Zeichnung des Fells kein zweites Mal, was dem Anspruch auf Individualität entgegenkommt und sich deshalb auch zu einem Verkaufsschlager entwickelt hat.

Ein Perfektionist
Er sucht die Felle höchstpersönlich in den Gerbereien aus, reist deshalb alle zwei Jahre nach Brasilien und mehrmals im Jahr nach Italien. „Das Wichtigste ist, dass die Rinder das ganze Jahr im Freien sind. Auch die Zeichnung der Felle spielt eine ganz besondere Rolle. Die Felle sind ja eigentlich ein Nebenprodukt der Fleischindustrie. Die Tiere werden nicht der Felle wegen gezüchtet. Wir experimentieren auch mit Rindersorten aus dem Bregenzerwald, aber da haben wir noch nicht jene Solidität, die meinen Ansprüchen genügen würde. Grundsätzlich möchte ich natürlich so nah wie möglich einkaufen, andererseits gehe ich so weit wie nötig. Die Qualität ist das einzige Kriterium, das zählt. Do bin i hoaklig.“

Daniel breitet ein rötlich-weiß gemustertes Rindsfell auf dem Tisch aus, legt mit großem Geschick und blitzschnell die Stanzformen darauf, die dann den Schuhrücken der Holzschuhe ergeben, wobei er sehr darauf bedacht ist, so wenig wie möglich zu verschwenden.

„Hatte die freie Wahl“
Ob er freiwillig die väterliche Werkstatt übernommen habe oder sanft dazu gezwungen worden sei, will ich wissen. „Mein Vater hat mir immer freie Wahl gelassen und gesagt: Du kannst tun und lassen, was du willst. Eigentlich wollte ich Polizist werden, aber der Schuh an sich, die vielfältigen Abläufe und Aufgaben in der Firma haben mir immer schon sehr viel Spaß gemacht, also brauchte es da gar keine Überredungskunst. Ich lebe hier wirklich voll auf.“

Er sagt es irgendwie ganz nüchtern, und ich glaube es ihm aufs Wort. Er ist stolz auf das, was seine Familie erreicht hat und sieht sich ganz in der Tradition, die er fortführen möchte. Draußen vor dem Firmengelände, das von sanften Wiesen umgeben ist, geht sein Blick hinüber auf das Nachbargrundstück. „Ein Holzlager müsste ich noch haben, hier in der Nähe. Dann wäre eigentlich alles perfekt.“

Robert Schneider
Robert Schneider
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