08.08.2021 12:17 |

Quergedacht

Klimaschock: Zurück in die Steinzeit?

In den letzten 45 Jahren hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt und der Energieverbrauch verdreifacht. Die Lösungskompetenz der Politik schrumpft im selben Maß wie ihre Autorität und Glaubwürdigkeit.

„Ich bin nicht der Meinung, dass unser Weg zurück in die Steinzeit führen sollte“, so Kanzler Kurz. Nicht vom Neolithikum war die Rede, sondern vom Zeitpunkt, da die Erderwärmung massiv einsetzte - Mitte der Siebzigerjahre. „Der einzig richtige Zugang ist, auf Innovation und Technologie zu setzen.“ So werde man auf nichts verzichten müssen. Darauf postwendend die Grünen: „Altes Denken und Politik von gestern!“ Der Ex-Rektor der TU Graz, Hans Sünkel, pflichtete bei und pochte zu Recht auf den „Verzicht auf Verzichtbares“ - Lebensmittel, die den Erdball umrunden, Kreuzfahrten mit Monsterschiffen, Shoppingtrips nach New York etc.

Die Misere reicht aber viel tiefer und umfasst unsere gesamte Existenz. Seit 1975 hat sich die Erdbevölkerung verdoppelt, der Energieverbrauch verdreifacht.

Die Zahl der Autos erreichte 1,3 Mrd., das Heer der Flugpassagiere versechsfachte sich. Ähnliches bei der Produktion von TV-Geräten, Geschirrspülern, Waschmaschinen. Von Milliarden Handys, Laptops, PCs und dem Verpackungswahn ganz zu schweigen. All das wird für kurze Zeit benutzt, dann deponiert, verbrannt, recycelt oder weltweit herumgekarrt. Zur selben Zeit wuchs die Anzahl der Arbeitsplätze, Bankkonten, Schulden, Rentenfonds, Anleihen und Aktiendepots. Die durchschnittliche Temperatur stieg um fast 1°C Celsius. Dürren, Stürme, Feuersbrünste und Überschwemmungen nahmen auch in gemäßigten Klimazonen zu. Der Weltklimarat mahnt: „Es muss dringend etwas geschehen.“ Man höre!

Alle reden von Verkehr und Industrie ...
Alle Pläne konzentrieren sich nun auf Energie, Verkehr und Industrie. Bevölkerungsexplosion, Wachstum der Nachfrage, des Konsums und Abfalls kommen zu kurz. Durch Emissionshandel sollen auch diese Faktoren gelenkt werden - aber mit welchen Nebenwirkungen? In Deutschland sind pro emittierter Tonne CO2 25 Euro zu bezahlen, bis 2025 soll der Preis für den Ablasshandel auf 55 Euro steigen.

Wird dieser Dirigismus ungewollt auch zu gewaltigen ökonomischen Verwerfungen führen, die Suppe teurer als das Fleisch werden? Der renommierte Volkswirtschafter Hans-Werner Sinn warnt vor einer Wiederkunft der Planwirtschaft.

Millionen Menschen im Westen fühlen sich durch die geplanten Einschränkungen bedroht. Zwei Drittel der Menschheit wiederum wollen zu uns Verschwendern aufschließen.

Zweifel an der Durchsetzbarkeit der verordneten Revolution sind angebracht: Das Problem erinnert an die Quadratur des Kreises, die weder Thales von Milet noch Anaxagoras oder Leonardo da Vinci gelang.

Erreicht man die gesteckten CO2-Ziele nicht, wird sich die Erwärmung der Atmosphäre verstärken. Setzt man, andererseits, die geplanten Maßnahmen rücksichtslos um, muss mit unwägbaren Reaktionen des Weltwirtschaftssystems gerechnet werden. Dieses ist schon in den jetzigen Strukturen reichlich instabil. Das gelobte Allheilmittel „Innovation“ wiederum braucht Zeit und kostet Unsummen. Viele Staaten werden sich klammheimlich um ihre Verpflichtungen drücken, soziale Auseinandersetzungen den Ablauf des Projekts hemmen. Ergebnis: Die geplanten Bremsmanöver verdampfen erst einmal wie der Tropfen auf den heißen Stein.

Wann der Rückgang wirksam wird, steht in den Sternen
Um die Zunahme der globalen Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, müssten die Emissionen bis 2030 um 25% sinken. Bis dahin wird die Weltbevölkerung um 740 Millionen zugenommen haben. Diese verlangen nach Arbeit und Brot und werden dabei ihren Beitrag zum Schadstoffausstoß leisten. Wenn es nicht gelingt, innerhalb kürzester Zeit - 9 Jahre sind nichts! - die Produktionsstrukturen der Menschheit auf eine neue Basis zu stellen, wird das Ziel nicht einmal annähernd erreicht.

Stellt man in Rechnung, wie hilflos die Regierungen der westlichen Welt allein dem Migrationsthema gegenüberstehen, kann man sich ausmalen, wie die Auseinandersetzung zwischen den Vorkämpfern massiver Einschränkungen und Millionen dadurch Betroffener ausgehen wird: Es wird alles viel länger dauern als geplant. Jüngstes Beispiel: Bei einem Treffen in Neapel konnten sich die Fachminister der G20-Staaten für Umwelt und Klima wieder einmal nicht einigen.

Die Problemlösungskompetenz der Politik schrumpft im selben Maße wie ihre Autorität und Glaubwürdigkeit. Hierzulande belagern die Vertreter der Wirtschaft die unbeugsame Umweltministerin, welche ihre Mission wie eine geweihte Monstranz vor sich herträgt. Die beiden Lager verheddern sich in das übliche parteipolitische Hickhack, anstatt gemeinsam Lösungswege zu suchen. Caroline Bosbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag: „Es geht darum, die Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales auszubalancieren.“ Das schafften jene nicht, welche bloß radikale Ideologien (hierzulande: „Das Beste aus beiden Welten“) umsetzen wollen. Nebenbei: Der Beitrag unseres Landes zum weltweiten Kohlendioxidausstoß beträgt ganze 0,2%. Hielte sich auch nur eine einzige mittelgroße Weltmetropole nicht an die Regeln, wären unsere Bemühungen zunichtegemacht. Ob Genosse Franciscus Cornelis Gerardus Maria „Frans“ Timmermans, Literaturwissenschafter und Klimaschutz-Kommissar, da durchblickt?

Man wird gut daran tun, einen wesentlichen Teil der Green-Deal-Schulden für Maßnahmen vorzusehen, welche unmittelbar vor Sturm, Dürre und Überschwemmung schützen. Nicht nur die CO2-Operation ist unvermeidbar, auch die begleitenden Schmerzmittel darf man nicht vergessen: Wann der Rückgang der CO2-Emissionen wirksam wird, steht nämlich in den Sternen.

Klaus Woltron, Kronen Zeitung

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