Zustellung boomt

Lieferdienste machen Supermärkten Konkurrenz

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05.06.2021 06:00

Die Angreifer haben Apps, sie verfügen über dezentrale Lagerräume und eilen auf Rennrädern, mit Elektrorollern oder eigens entwickelten Elektro-Lieferwagen über die Straßen. Ihr Ziel: Sie wollen den mächtigen Lebensmittelhändlern Kunden abjagen. Und dabei kommen sie in der Pandemie gut voran. Auch in Österreich boomt seit Beginn der Coronapandemie die Lebensmittelzustellung. Vor allem in Wien sind immer mehr Anbieter aktiv.

Neben den großen Supermarktketten Billa und Interspar kämpfen Alfies, Gurkerl.at, Hausfreund und Mjam in Wien um Marktanteile. Österreichweit stellt derzeit nur Billa Lebensmittel zu, Unimarkt kann rund 80 Prozent der Haushalte abdecken und Interspar liefert im Großraum Wien sowie Salzburg Stadt und Umgebung. Der Lebensmitteldiskonter Hofer prüft Konzepte für die Lebensmittelzustellung, hat aber noch keine Entscheidung getroffen.

In Deutschland wuchs der Online-Handel mit Lebensmitteln von 2019 bis 2020 um knapp 60 Prozent, so der Einzelhandelsverband HDE. Damit legte er deutlich schneller zu als andere Bereiche des ohnehin boomenden Handels über das Internet. Doch noch ist die Basis klein: Gerade einmal zwei Prozent des 204 Milliarden Euro schweren deutschen Einzelhandels mit Lebensmitteln wurden online abgewickelt.

Inzwischen zweifelt kaum jemand in der Branche daran, dass dieser Anteil am Kuchen größer wird. „Die Pandemie hat die Akzeptanz für Lieferdienste in der Gesellschaft weiter beschleunigt“, sagt Flink-Sprecher Simon Birkenfeld, dessen Lieferdienst die Gunst der Stunde für eine Finanzierungsrunde in Höhe von 240 Millionen US-Dollar nutzte und mit der deutschen Billa-Mutter Rewe kooperiert. Der Handelskonzern ist mit einer Minderheitsbeteiligung bei Flink eingestiegen und beliefert den Dienst nun mit Waren.

(Bild: ©SFIO CRACHO - stock.adobe.com)

Ende des klassischen Wochenendeinkaufs?
Manche Akteure sehen bereits das Ende des klassischen Wochenendeinkaufs im Supermarkt eingeläutet. Der Gründer und Chef des inzwischen mit einer Milliarde Dollar bewerteten Blitzlieferdienstes Gorillas, Kagan Sümer, rechnet damit, dass der Trend zum Online-Einkaufen erst nach der Corona-Krise richtig Fahrt aufnimmt: „Die Menschen werden wieder weniger Zeit haben und noch mehr Lebensmittel online bestellen.“

Das im März 2020 gegründete Start-up ist in sechs Ländern aktiv und radelt in mehr als 30 europäischen Großstädten sowie New York mit Anbietern wie Flink, Dija, Getir oder Weezy um die Wette, um den Einkauf innerhalb von Minuten nach der Order an die Haustür zu bringen. Gorillas will auch nach Österreich expandieren und war Mitte Mai auf der Suche nach einem „Head of Expansion“.

Die langen Lieferzeiten seien bisher die größte Hürde gewesen, um online Lebensmittel zu kaufen, sagt Ben Kaminski vom Finanzinvestor Target Global, der unter anderem in Flink investiert hat. Die neuen Anbieter zielten darauf ab, Kunden möglichst täglich mit Produkten vergleichbar zum lokalen Supermarkt zu bedienen - und das so schnell wie möglich - mithilfe von über die Innenstädte verteilten Mini-Lagern.

Hohe Personalkosten, niedrige Margen
Ein Problem teilen die Dienste jedoch. Sie müssen eine Antwort auf die Frage finden, wie sie mit ihrem Geschäft angesichts hoher Personalkosten und niedriger Margen im Lebensmittelhandel Geld verdienen. Gorillas-Chef Sümer ist zuversichtlich, das Rezept gefunden zu haben: „Wir sehen einen klaren Pfad hin zu Profitabilität. Alles hängt vom Wachstum und den Produkten ab.“ Investoren jedenfalls stehen mit dicken Portemonnaies hinter der Strategie und befeuern den Trend mit viel Geld. Investor Kaminski sagt: „Wir glauben, dass Blitzlieferdienste das Potenzial haben, den Lebensmitteleinkauf zu verändern.“

Für den gleichen Einkauf zahlt man in Deutschland deutlich weniger als in Tirol. (Bild: ©Maksym Yemelyanov - stock.adobe.com)
Für den gleichen Einkauf zahlt man in Deutschland deutlich weniger als in Tirol.

Ergänzung statt Ersatz
Experten gehen indes davon aus, dass die Lieferdienste auf absehbare Zeit den großen Supermarktketten im hart umkämpften und von Kampfpreisen geprägten Lebensmittelhandel nicht ernsthaft das Wasser abgraben können: „Aus Kundensicht ist es eine Ergänzung“, sagt etwa Lars Hofacker, Leiter des Forschungsbereichs E-Commerce am Kölner EHI-Institut: „Wenn die Verbraucher ganz schnell etwas brauchen - und das ist dann nicht der Wochen-Einkauf - gibt es Gorillas & Co.“, analysiert er. „Die neuen Dienste ersetzen noch keine Supermärkte, sie ergänzen sie vielmehr“, prognostiziert Hofacker: „Ich sehe es aktuell nicht als Gefahr für den traditionellen Einzelhandel mit Lebensmitteln.“

Und dieser könnte andererseits sogar vom Ende der Corona-Krise profitieren. „Die digitale Covid-Dividende hat ihren Höhepunkt erreicht. Vielen sehnen sich nach physischer Nähe und werden - zumindest teilweise - wieder zu ihren bevorzugten analogen Kanälen zurückkehren“, fasst Gerard Richter von McKinsey die Ergebnisse einer Digital-Studie zusammen.

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