29.04.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Die sozio-ökonomischen Bedingungen von Sexualität

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller dazu, warum intime Beziehungen ökonomisch relevant sind. 

Wie viele andere gesellschaftliche Bereiche ist Sexualität von Ökonomie und sozio-ökonomischer Benachteiligung geprägt. Soziale Ungerechtigkeit ist nicht nur eine Frage der Arbeitsverhältnisse, sondern auch der intimen Beziehungen. Fortpflanzung und private Beziehungsarbeit etwa halten die Arbeitsgesellschaft am Laufen. Und wie Sexualität gelebt werden kann, ist auch eine Frage des Geldes. Gesprochen wird über die Ökonomie der Liebe und Sexualität allerdings nur selten, am ehesten noch bei der Porno-Industrie und Sexarbeit. Es gibt aber auch andere Beispiele.

Heterosexuelle Männer mit geringem Einkommen haben es beispielsweise schwer am Partnermarkt. Sie können ihre anvisierte Partnerin oft nicht zum Essen oder auf ein Getränk einladen. Vielleicht verdienen sie ihr Geld auch mit gesellschaftlich wenig angesehenen Jobs, bei denen man sich „schmutzig“ macht. Frauen wünschen sich häufig immer noch einen Partner mit hohem sozialen Status. Für Männer mit geringem Einkommen ist das schwierig, weil Frauen zunehmend selbst gute Bildungsabschlüsse und Jobs haben. Statistisch gesehen haben sozioökonomisch benachteiligte Männer daher die geringsten Chancen, beim Dating erfolgreich zu sein

Anderes Beispiel: Wenn man kein Geld hat, leidet auch die sexuelle Selbstbestimmung. Menstruationsprodukte und Verhütung sind ein Milliardengeschäft und oft kaum zu finanzieren für Menschen, die von Armut betroffen sind. Obwohl es beispielsweise in Wien für Frauen in einer Notlage finanzielle Unterstützungen gibt, ist auch ein Schwangerschaftsabbruch eine Kostenfrage: Rund 600 Euro muss man sich erst einmal leisten können. Aktuell verschieben Menschen ihren Kinderwunsch unter anderem deswegen, weil sie in der Pandemie finanzielle Sorgen haben und nicht sicher sind, ob sie sich ein Kind in Zukunft leisten werden können.

Was generell gilt, gilt noch mehr in sexueller Hinsicht: Ein sicherer Job und ein gutes Einkommen ermöglichen Freiheiten, die andere sich erst vom Mund absparen müssen. Dazu zählt auch die Freiheit, sich für oder gegen ein (weiteres) Kind zu entscheiden. Aber auch eine Trennung bzw. Scheidung kann für Menschen ohne eigenem Einkommen eine existenzielle Bedrohung werden. Finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen war für Frauen daher historisch wichtig, um sich aus schwierigen Partnerschaften lösen zu können (wenn sie das denn wollten).

Sexualitätspolitiken und Verteilungsfragen sind also kein Widerspruch, im Gegenteil. Sich für sexuelle Selbstbestimmung und gegen die Diskriminierung von sexuellen Minderheiten zu engagieren macht auch dann Sinn, wenn einem die soziale Frage wirklich wichtig ist - und umgekehrt. Die Moralisierung politischer Debatten wird aktuell kritisiert. In Zukunft könnte man sich über die ökonomischen Bedingungen von Intimität und Sexualität unterhalten, anstatt so zu tun, als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun. Und das wird auch nötig sein, denn wie ökonomische Krisen und intime Beziehungen zusammenhängen, wird uns nach der Pandemie noch beschäftigen.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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