24.04.2021 13:40 |

Vor Mai-Öffnungen

Experte: „Hoffe, wir verlieren diese Wette nicht“

Durchaus mit Skepsis betrachten Gesundheitsexperten die von der Regierung am Freitag angekündigten Öffnungsschritte für den Mai. Ampel-Kommissionsvorsitzender Ulrich Herzog ortet „Parallelen zur Situation im Herbst“, weshalb man eigentlich zu verschärften Maßnahmen in allen Bundesländern geraten habe. Gerald Gartlehner, Experte für Evidenzbasierte Medizin von der Donau-Universität Krems, ging sogar noch weiter: „Die gute Ausgangslage, von der der Kanzler gesprochen hat und die wir nicht verspielen dürfen, sehe ich jetzt eigentlich nicht. Die müssen wir uns noch schaffen.“ 

Das interne Protokoll der Ampel-Kommission aus der Sitzung diese Woche gibt einen Einblick in die Haltung der Experten. Denn dort war man eher nicht auf Öffnungskurs unterwegs. So meinte der Vorsitzende Herzog, dass die aktuelle Situation durchaus Parallelen zu jener im Herbst aufweise. Es wird darauf verwiesen, dass in mehreren Empfehlungen der Kommission dazu geraten worden sei, die verschärften Maßnahmen der Ostregion auch in anderen Bundesländern zu verhängen.

„Hoch angesetzte Wette gegen Impffortschritt“
„Unter dieser Voraussetzung wäre die Ausgangssituation für die geplante Öffnung wohl eine deutlich bessere gewesen“, heißt es. Nun stelle sich die Lage so dar, dass die Erfolge der Ostregion auf Bundesebene durch die Anstiege im Westen ausgeglichen würden. Herzog fasste demnach zusammen, „dass die geplante Vorgehensweise eine hoch angesetzte Wette gegen den Impffortschritt ist“. Es sei zu hoffen, „dass man diese Wette nicht verliert“.

„Bis zum 19. Mai kann noch viel passieren“
In dasselbe Horn stößt Epidemologe Gerald Gartlehner, der wie weitere Experten zwar „grundsätzlich optimistisch“ in Richtung Sommer blickt: „Dennoch kann bis zum 19. Mai epidemiologisch noch sehr viel passieren.“ Natürlich sei es wichtig, Perspektiven zu bieten und über Öffnungsschritte nachzudenken: „Die Voraussetzungen dafür müssen wir uns aber erst schaffen in den nächsten Wochen. Das wird für manche Bundesländer schwerer werden als für andere. Der größte Fehler wäre allerdings, am 19. Mai bedingungslos alles zu öffnen, ohne auf die Intensivbetten und das Infektionsgeschehen zu blicken.“

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Der größte Fehler wäre allerdings, am 19. Mai bedingungslos alles zu öffnen, ohne auf die Intensivbetten und das Infektionsgeschehen zu blicken.“

Epidemiologe Gerald Gartlehner

Kurz: Lage beobachten und gegebenenfalls wieder bremsen
Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hatte am Freitagnachmittag bei der Bekanntgabe des Öffnungs-Fahrplans für den Mai gesagt, es sehe gut aus, man werde die Lage aber genau beobachten und gegebenenfalls wieder bremsen. Bundesländer können eigenmächtig die Regeln wieder einschränken, sofern sich die Situation wieder verschlechtert.


Österreich setzt auf drei G - geimpft, genesen, getestet

Dass nun ein „Grüner Pass“ für Geimpfte, Genesene und Getestete als Eintrittsvoraussetzung für viele der angekündigten Lockerungsschritte, wie die Teilnahme an Kultur- oder Sportveranstaltungen, gelten soll, sei „grundsätzlich eine gute Sache“, so Gartlehner gegenüber Ö1. Er gehe mit der Position der Bioethikkommission d‘accord, dass es hier nicht um das Zugestehen von Privilegien, sondern um die Rückgabe der Grundrechte geht. „Stellt jemand keine wesentliche Infektionsgefahr dar, dann darf man ihm die Grundrechte nicht nehmen.“

„Geimpfte oder Genesene zu testen, macht keinen Sinn“
Außerdem mache es aus ressourcentechnisch-pragmatischen Gründen keinen Sinn, Geimpfte oder Genesene vor einem Friseurbesuch zu testen, sagte Gartlehner. Bezüglich dieses „Grünen Passes“ habe sich auch europaweit eine Dynamik entwickelt, „wo wir als Österreich einfach mit müssen. Wenn wir das nicht auch machen, dann bleiben wir außen vor - und die Österreicher zu Hause“, spielt der Experte auf die kommende Urlaubssaison an.

Ab 19. Mai sollen auch ausländische Gäste hierzulande wieder willkommen sein, hieß es bei der Pressekonferenz am Freitagnachmittag zudem. Eine Einreise ohne „Grünen Pass“ sollte aber dann nur möglich sein, wenn „Quarantäne wirklich auch rigoros durchgesetzt wird“. Gerade in Großbritannien sehe man, dass es etwa große Probleme mit Rückkehrern aus Indien gebe, wo derzeit eine große Covid-19-Welle durchläuft, betonte Gartlehner. Dagegen müsse sich Österreich auch zu dem Preis schützen, dass vielleicht weniger Touristen kommen werden. „Hier müssen wir auch vom letzten Jahr lernen.“

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