16.04.2021 06:00 |

„Krone“-Kommentar

Afghanistan-Abzug: Die Kapitulation des Westens

Afghanistan ist sehr weit weg für einen Amerikaner. Luftlinie sind Kabul und Washington mehr als 11.100 Kilometer voneinander entfernt. Die Al-Kaida-Anschläge 9/11 in New York und Washington aber haben das Land am Hindukusch von einem Moment auf den anderen ins Zentrum amerikanischen Interesses gebombt. Der Befehl zu den Attentaten war schließlich von Osama bin Laden gekommen, aus einem Terrorcamp in Afghanistan.

Was folgte, waren fast 20 Jahre Krieg gegen Al-Kaida und deren islamistische Schutzmacht, die Taliban. Es gab Zeiten, da waren fast 100.000 US-Soldaten in Afghanistan stationiert, unterstützt von Truppen der NATO und anderer Verbündeter - auch Österreich.

Der längste Krieg, in den die USA je verwickelt waren, hat fast 2400 US-Soldaten das Leben gekostet und sagenhafte 2000 Milliarden Dollar verschlungen. Ohne jegliche Aussicht, das Land dauerhaft befrieden oder wirklich demokratisieren zu können.

Man kann die Amerikaner und deren Präsident Joe Biden durchaus verstehen, wenn sie nichts als rauswollen aus Afghanistan. Also hat Washington jetzt kapituliert. Und damit die NATO und alle anderen Verbündeten. Biden sagt, die USA hätten ihr Kriegsziel erreicht: Es sei sichergestellt, dass kein Terrorist aus Afghanistan mehr die USA angreifen könne. So kann man es sehen.

Alles, was sonst noch erreicht wurde an gesellschaftlicher Öffnung, Frauenrechten und vielem mehr, wird wohl bald wieder der Vergangenheit angehören. Denn die offiziellen Sicherheitskräfte sind zu schwach, um den Taliban auf Dauer die Stirn bieten zu können. Einschätzungen der US-Geheimdienste zufolge könnten die Islamisten das Land schon in zwei bis drei Jahren wieder komplett beherrschen.

Die Taliban haben also gewonnen. Und so benehmen sie sich auch. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein. Was das für die Menschen in Afghanistan und in der Folge für Europa bedeutet, wird sich an den Flüchtlingszahlen zeigen. Für die USA aber wird Afghanistan schon bald wieder sehr weit weg sein.

Christian Hauenstein
Christian Hauenstein
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