06.01.2021 06:30 |

Priester im Interview

„Der Tod lässt sich nicht regulieren“

In seiner Interviewreihe „Das alte Tier“ spricht der Autor Robert Schneider mit ganz unterschiedlichen Menschen über „Corona“. Zum Abschluss der Serie hat er sich mit dem Priester Ernst Ritter getroffen.

Herr Ritter, wir sind im dritten Lockdown. Eine tiefe Ratlosigkeit und Resignation erfüllt die Herzen der Menschen. Haben wir den Kampf gegen Corona verloren?

Die Pandemie führt uns eindrücklich vor Augen, dass weder die Medizin, noch die Politik, noch die Behörden, noch jeder einzelne von uns das Leben im Griff hat. Wir bleiben dem Leben Ausgesetzte und werden schmerzlich an die Vergänglichkeit des Daseins erinnert. Was uns alle so trifft, ist die Erkenntnis, dass das Leben unverfügbar ist.

Was meinen Sie mit „unverfügbar“?

Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa hat einen schönen Essay geschrieben, in dem er darlegt, dass wir alle Prozesse des Lebens letztlich nicht im Griff haben, nicht bewältigen können, wenn Sie so wollen ...

... da werden Politiker und Mediziner aber vehement widersprechen, weil sie doch alles auf den neuen Impfstoff setzen.

Vermutlich. Die Anstrengungen sind fast schon verzweifelt zu nennen, und zwar auf allen Ebenen. Regularien, behördliche Vorschriften, Kurven und Zahlen, fieberhafte medizinische Forschung, usw.. Jetzt passiert aber Folgendes: Je mehr die Anstrengung wächst, die Krankheit strukturell in den Griff zu bekommen, desto größer wird die Ohnmacht. Es entsteht nämlich genau das Gegenteil von dem, was man will. Verursacht wird Ohnmacht, nicht Beherrschbarkeit. Diese Krise zeigt, dass sich der Tod nicht regulieren lässt. Die Angst wurde nicht weniger, sie nahm zu.

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Das Problem ist, dass die Angst teilweise instrumentalisiert wurde.

Pfarrer Ernst Ritter

Als katholischer Priester sind Sie naturgemäß mit Ohnmachtserfahrungen konfrontiert. Wie nimmt die Kirche ihre Aufgabe in der aktuellen Krise wahr? Sie hält sich ja sehr bedeckt.

Die Aufgabe der Religion wäre es, Resonanzräume zu schaffen, Begegnungen mit dem Unverfügbaren. Einen Ort, an dem der Mensch spricht, angesprochen ist und sich selbst antworten kann. Die Politik sagt ja nur, wenn ihr das oder jenes macht, dann seid ihr geschützt. Das Problem ist, dass die Angst teilweise instrumentalisiert wurde.

Mit Drohgebärden hat die Kirche auch so ihre Erfahrung. Wenn ihr nicht tut, was wir sagen, schmort ihr in die Hölle. Wo ist der Unterschied?

Das ist ein Vorwurf, den man der Kirche zu Recht machen kann. Aber sie hat sich entwickelt in den vergangenen Jahrzehnten. Sie hat gelernt, nicht mehr mit der Angst zu operieren, sondern Orte zu schaffen, die genau das zulassen, was die Politik eben nicht zulassen kann - die Erkenntnis, dass nicht alles kalkulier- und beherrschbar ist. Ich sehe meine Aufgabe als Priester darin, dem Mysterium des Daseins einen Raum zu geben, mit existenziellen Erfahrungen das Leben zu gestalten und zu bemeistern. Ich lebe in einer Talschaft, dem Klostertal, wo die Menschen früherer Generationen ihrer Existenz auf eine Art und Weise ausgesetzt waren, wie wir uns das gar nicht mehr vorstellen können. Sie mussten sich den Lebensraum buchstäblich von der Natur abpressen. Dieses Ringen hat tiefe Spuren hinterlassen. Das Unverfügbare war eine selbstverständliche Alltagserfahrung. Der Tod war überall. Aber auch das Leben war überall. Das war kein Widerspruch.

Ich habe in dieser Krise die Stimmen großer religiöser Autoritäten vermisst. Die Stimme eines Dalai-Lama, eines Papst Franziskus. Wäre es nicht ihre Aufgabe gewesen, den Politikern dieser Welt moderierend beizustehen? Auch kritisch?

Vielleicht. Jedenfalls braucht es beide Dinge. Einerseits die Kirchen, die Resonanzräume öffnen, andererseits die Politik und die politischen Vorgänge. Da hätte ich mir - gerade am Anfang - eine Art Übergang gewünscht, nämlich zu schauen, wie weit man mit Eigenverantwortlichkeit kommt. Man muss die Eigenverantwortung auch fördern, und das geschah nicht. Ein Kernproblem bestand darin, dass der Umgang mit Corona in den Menschen auch viel Misstrauen ausgelöst hat. Misstrauen zum Beispiel gegenüber wissenschaftlichen Expertisen, gegenüber Statistiken. Kein Mensch wusste, welche Zahl was bedeutet. Und natürlich steht hinter jeder Statistik ein kenntnisleitendes Interesse. Das war oder ist die gesellschaftliche Grundspannung, mit der wir leben müssen. Diese Spannung kann und darf auch nicht gelöst werden. Damit müssen wir umgehen lernen.

Wie hat das vergangene Jahr aus Ihrer Sicht unser Miteinander verändert?

Eine Sache ist die enorme soziale Vereinsamung vieler Menschen, besonders der älteren Generation, die ja paradoxerweise geschützt werden sollte. Das hat sich unglaublich verschärft. Der andere Punkt ist die finanzielle Verarmung vieler, die jetzt in Not geraten sind. Nun sage ich etwas, das wie ein Widerspruch scheint: Was wäre das für ein Zeichen, zu sagen, wir alle müssen zwar mit dieser Krise ringen, dennoch geben wir 100 Flüchtlingen eine Chance und holen sie zu uns. Wir reagieren nicht mit Abschottung, sondern zeigen, dass wir gemeinsam eine Krise bewältigen können. Was wäre das für ein Zeichen!

Können Sie als Priester die Menschen noch trösten?

Es ist nicht meine Aufgabe, die Menschen zu trösten, sondern bei ihnen zu bleiben. Auch wenn ich weiß, dass ich dich nicht trösten kann, bleibe ich da, gehe mit dir mit und halte bei dir aus. So verstehe ich auch das Wort Demut. Für mich bedeutet es, mutig zu sich selber zu stehen und sich dem Leben anzuvertrauen. Darin können wir uns im Privaten wie im Gesellschaftlichen nur immer wieder bestärken.

Das Interview führte Robert Schneider

 Vorarlberg-Krone
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