29.11.2020 00:05 |

Martin Grubinger

Ein ganz konkreter Vorschlag

„Wir kämpfen und kämpfen, um jedes Leben, aber es scheint irgendwie zwecklos.“ Als ich am Freitag diesen Bericht einer Krankenschwester gelesen habe, stockte mir der Atem. 1775 Menschen sind in den vergangenen drei Wochen an Covid-19 verstorben! Auf die Gesamtbevölkerungszahl gerechnet, belegen wir in dieser traurigen Statistik derzeit europaweit den ersten Platz.

„Wir sind müde, wir sind ausgelaugt, wir sind wütend und wir sind traurig“, beschreibt die Krankenschwester in „Heute“ den Zustand von täglich mehr als 100 Toten in diesem Land. Die Bilder, die wir aus dem Frühjahr aus Italien kennen, sie spiegeln sich in diesen Tagen und Stunden in unseren Krankenhäusern wieder.

Während die Heldinnen und Helden, ich komme noch auf sie zurück, nonstop an der Corona-Front um jedes Leben kämpfen, diskutiert die österreichische Öffentlichkeit den Nikolo! Man reibt sich die Augen. Es ist absurd, erschreckend und beschämend. Jedes kleinste mediale Stöckchen, dass die offenbar planlose Regierung auswirft, wird munter aufgenommen. Teile der Meinungselite irrlichtert auf Twitter zwischen Ironie, Zynismus und Wahnsinn. Während die völlig belanglose Umbenennung eines österreichischen Ortes (Fucking wird bald Fugging) tagelanges Amüsement auslöst, der Nikolo zu lustigen Wortspielchen verleitet und der „Skikrieg“ in allen Facetten medial ausgeleuchtet wird, finden sich PflegerInnen, Angehörige und Freunde der Verstorbenen, die sich meist ohne Möglichkeit des Abschieds von ihren Liebsten trennen, in einer albtraumatischen Parallelwelt wieder, weil offenbar nicht sein kann, was nicht sein darf.

Wo bleibt ehrliche Anteilnahme? Wo zeigt die Staatsspitze Mitgefühl? Was ist bloß los mit uns? Sind wir schon so abgestumpft, dass wir uns nur noch in Ignoranz, Ironie und Zynismus retten können?

Kein Zweifel, 2020 war ein katastrophales Jahr. Aber versuchen wir für einen Moment ein paar positive Aspekte zu betrachten. Klar scheint: Der Wert unseres Zusammenlebens wird derzeit neu vermessen. Werte wie Solidarität, Loyalität, Menschlichkeit und Gerechtigkeit und das vermeintlich altmodische „aufeinander Schauen“ sind wiederauferstanden. Zeigen wir also zuallererst Solidarität mit jenen, die uns durch dieses Jahr geführt haben. Denn bei aller Trauer brauchen wir doch dringend einen Anker der Hoffnung. Monatelang haben wir nun jene beklatscht, die diesen Staat am Laufen hielten. Jene, die sich nicht im Homeoffice verschanzen oder die heimische Couch zu ihrer Corona-Front ausrufen konnten. Jene, die morgens aufstehen und den direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit schon von Berufs wegen pflegen. Sie kämpfen in unseren Pflegeheimen und Krankenhäusern, in den Schulen und Universitäten, den Werkshallen der Industrie und des produzierenden Gewerbes, an der Supermarktkasse und im Linienbus. Sie beweisen sich gegen Corona in Kindergärten, auf Polizeiposten und im Rettungswagen.

Es ist an der Zeit!

Mit Worten gebauten Denkmälern endlich Taten folgen zu lassen, denn versprochen wurde bereits viel. Betrachtet man die Situation vieler Angestellter in den systemrelevanten Berufen genauer, wurden diese im Kampf für korrekte Löhne und gute Arbeitsbedingungen zu lange ignoriert, viele Menschen im Stich gelassen. Fair und gerecht wäre also eine dringende finanzielle Aufbesserung.

Ein konkreter Vorschlag: Ab 1. Februar 2021 führt die Republik Österreich eine Corona-Sondersteuer ein. Amazon und Co., die seit langer Zeit alle Steuervermeidungstricks nutzen und damit auch heimische Betriebe schädigen, sollen endlich ihren gerechten Beitrag leisten. Die sogenannte Mindeststeuer - sie beträgt ohnehin nur 12,5% und orientiert sich am politisch machbaren Minimalkonsens - bringt laut offiziellen Berechnungen rund 350 Mio € jährlich und würde in meinem Vorschlag zu 100 Prozent all jenen zugute kommen, die unser Land in diesem Jahr geschupft haben. Das wird bei weitem nicht reichen. Aber zumindest ein Anfang ist dann gemacht. Als dringende Geste des Dankes und als Zeichen unserer Verbundenheit.

Und bitte jetzt nicht wieder irgendwelche Ausreden.

 Salzburg-Krone
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