20.10.2020 06:00 |

„Wildflowers“ extended

Tom Petty: Ein letzter Gruß direkt aus dem Herzen

Der Schmerz bezüglich des Ablebens des großen Tom Petty ist auch kurz nach seinem dritten Todestag evident. Mit „Wildflowers & All The Rest“ gibt es nun Trost in üppig-musikalischer Form. Damit wurde der noch zu Lebzeiten geschmiedete Plan Pettys, sein wichtigste und erfolgreichstes Soloalbum in seiner wahren Ausfertigung zu präsentieren, posthum in die Tat umgesetzt.

Drei Jahre ist es mittlerweile her, als der große Tom Petty diese für ihn viel zu kleine Welt verlassen und damit eine Lücke hinterlassen hat, die nicht einmal im Ansatz zu füllen ist. Zeit seines Lebens hatte man das untrügliche Gefühl, dass der große amerikanische Songwriter immer etwas unter Wert geschlagen wurde und - wie so oft - wird der Genius des ruhigen Blonden erst nach seinem Ableben in seiner ganzen strahlenden Kraft wahrgenommen. Der Autor dieser Zeilen könnte sich beim Gedanken, dem letzten Europa-Auftritt Petty im Londoner Hyde Park an einer lauen Julinacht 2017 eben nicht beigewohnt zu haben, noch immer in den Allerwertesten beißen. Verpasste Chance, verpasstes Glück - nicht einmal drei Monate später erlag er am 2. Oktober im Alter von 66 Jahren einem Herzinfarkt. Nur wenige Tage nach dem Ende einer Nordamerika-Tour und gewiss noch mit vielen Ideen im Kopf, denn Petty war ein Rastloser und Getriebener, der zwar nicht mehr viel neues Material veröffentlichte, aber stets tüftelte und experimentierte.

Blick aufs Wesentliche
Mit seiner Band, den Heartbreakers, schrieb er in mehrfacher Hinsicht Musikgeschichte und revolutionierte die American-, Folk- und Rock-Szene gleichermaßen in beträchtlichem Ausmaß. Besonders prägend waren zwei üppig produzierte Alben namens „Full Moon Fever“ (1989) und „Into The Great Wide Open“ (1991), sein kommerziell größter Erfolg, der ihn schlussendlich schleichend in die Heroinsucht trieb. Nach den zwei von Freund und Guru Jeff Lynne veredelten Prunkalben wollte sich Petty auf das Wesentliche seines Songwritings besinnen und machte sich an die Arbeit zu seinem zweiten Soloalbum „Wildflowers“, das 1994 das Licht der Welt erblickte und entgegen aller Trends des sterbenden Grunge und aufkommenden Britpop zu einem veritablen Überraschungserfolg werden sollte. Der Sonnyboy hatte auch dunkle Zeiten und musste sich eben nicht an die Seite seiner perfekt eingespielten Rock’n’Roll-Truppe stellen, um für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Das reduzierte Singer/Songwriter-Album war damals völlig aus der Zeit gefallen, weshalb man das positive Feedback seitens Fans und Kritiker in der Nachbetrachtung umso höher werten muss. Die extrem persönlichen Songs und die völlig entschlackte Produktion von Rauschebart Rick Rubin, der zur gleichen Zeit Johnny Cashs unglaubliches Spätherbstcomeback mit den „American Recordings“ einleitete, waren in ihrer Machart aber so ehrlich, authentisch und verletzlich, dass niemand mit Herz, Leidenschaft und Rhythmusgefühl an „Wildflowers“ vorbeikam. Die Mitglieder der Heartbreakers waren alle am Album beteiligt, ihre Rolle wurde aber bewusst zurückgeschraubt und mit Songs wie dem Titeltrack, dem Überraschungshit „You Don’t Know How It Feels“, „You Wreck Me“ oder dem berührenden „Don’t Fade On Me“ überraschte Petty in musikalischer wie auch inhaltlicher Hinsicht. „Wildflowers“ war das Manifest eines in eine ungute Schieflage gekommenen Genies, das zu dieser Zeit Opfer seiner eigenen Erfolge und Zugeständnisse wurde.

Komplettierung des Werkes
Natürlich ist der Todestag Anlass für diese Ausgrabungsarbeiten, aber Rubin und Petty hatten schon in der Urversion für „Wildflowers“ genug Tracks für ein Doppelalbum zusammengetragen und Petty selbst sprach einige Monate vor seinem überraschenden Tod mehrmals davon, das Kultprojekt einer Aktualisierung zu unterziehen und damit vielleicht sogar auf Tour zu gehen. All das ist leider weder ihm noch uns vergönnt, die 4-CD-Reihe namens „Wildflowers & All The Rest“ lässt aber keinerlei Wünsche offen. Sessions, Outtakes, Home Recordings und Demo-Aufnahmen - hier bleibt kein Stein auf dem anderen und nichts unberührt. Sämtliche Elemente des „Wildflowers“-Entstehungsprozesses sind hier in ihrer absoluten Natürlichkeit zu erleben und geben damit einen ungemein tiefen Einblick in Wesen und Sein des Künstlers vor mehr als zweieinhalb Dekaden. Das Original wurde nicht wirklich verändert, wodurch Fans des Albums nicht die Angst haben müssen, vor veränderten Tatsachen gestellt zu werden, sondern einfach nur eine massive Komplettierung des Werkes angeboten bekommen.

Einen Song wie „Leave Virginia Alone“ kennt man von Rod Stewart 1995, andere Tracks wie „California“ oder „Hung Up And Overdue“ fanden sich 1996 auf dem Petty-Soundtrack-Album „She’s The One“ wieder, auch wenn die Aufnahmen hier noch einmal überarbeitet wurden. Die Wiederauflage steckt voller musikalischer Höhepunkte, etwa durch das berührende „Something Could Happen“, das enorm finstere, fast schon verängstigende „Confusion Wheel“ oder das pittoreske „Somewhere Under Heaven“. Wie schon auf der Ur-Version, changiert der Künstler zwischen emotionalen, extrem innigen Momenten und einer fröhlich machenden Großspurigkeit, der er sich trotz des konzeptionellen Seelen-Striptease niemals völlig verwehren wollte. Insgesamt bieten die zehn zusätzlich veröffentlichten Songs nun erstmals die Möglichkeit das Schaffen des Tom Petty in seiner persönlich schwersten Krise in vollem Umfang zu erfassen und damit noch einmal einen neuen Blick auf die einst so florierende Karriere des großen Songwriters zu werfen.

Zeitlose Schönheit
Die Home Recordings und bis 2017 nach vor gehenden Live-Versionen unterschiedlicher „Wildflowers“-Songs sind vorwiegend etwas für Petty-Trüffelschweine, geben aber auch dem nicht so tief im Schaffen des Amerikaners verhafteten Gelegenheitshörer die große Gelegenheit, mit Geduld und Konzentration zu einem Hardcore-Fan zu mutieren. Man kann sich tief hineingraben und die Evolution verfolgen, welche die diversen Songs über eine gewisse Zeitspanne genommen haben. Natürlich ist es der Dramatik des Ablebens und den Mechanismen der Unterhaltungsbranche geschuldet, dass ein ohnehin schon großes Album nach dem unvermeidlichen Ende noch mehr Wert erfährt, doch mit dieser simplen Analyse würde man zu kurz greifen. „Wildflowers“ ist auch nach 26 Jahren noch immer ein bahnbrechendes Werk der Ehrlichkeit, Zerbrechlichkeit und des Fallens und Wiederaufstehens eines Menschen, den eigentlich nichts zu Fall bringen konnte. Hier bekommt man endlich die ganze Geschichte erzählt und sie ist von zeitloser Schönheit.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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