14.10.2020 06:00 |

Interview & Album

Kommando Elefant: Keine Angst vor der großen Geste

Das sechste Album seiner Band Kommando Elefant ist gleichzeitig das erste nach seinem kurzen Ausflug in die Welt des Schlagers - Frontmann Alf Peherstorfer vermischt auf „Seltene Elemente“ beide Welten so schön, dass jeder seine Freude haben kann. Im Interview ließ er uns stärker hinter seine vielen Geschmäcker und breiten Gedanken blicken.

Man kann den Schlager lieben, ohne sich komplett dafür verkaufen zu müssen. Was? Das klingt nach massivem Widerspruch? Jein. Alfred „Alf“ Peherstorfer hat vor etwa zwei Jahren das Gegenteil bewiesen. Der Vorstand der über die engen Landesgrenzen hinaus bekannten und geliebten Indiepop-Band Kommando Elefant hat sich - schlicht - als Alf mit dem Song „Amore Amore Amore“ in die Herzen der schunkelnden Bierzeltliebhaber gesäuselt und dabei auch noch ein Ticket in der prestigeträchtigen Sendung von Grinsekatze Florian Silbereisen ergattert. Wirklich geworden ist daraus aber nichts. Weder eine große Tour, noch das antizipierte Album haben sich bewahrheitet, zurück bleibt die Frage, warum es nicht hat sollen sein. Zu wenig Einsatz? Zu viel Wanda-Nähe durch die Lederjacke und den inflationären Gebrauch des Terminus „Amore“? Zu wenig stimmliche Gabalier-Huldigung, wie man sie etwa von Ben Zucker gewohnt ist? Wer weiß das schon. Zurück bliebt ein Karrierekapitel, das ganz und gar ohne Groll beendet - oder eben nur unterbrochen ist.

Aufgeweichte Schubladen
„Die Grenzen verschwimmen ja schon länger“, sagt uns der sympathische Musiker bei einer Melange im kultigen Café Jelinek, „ein Song wie ,Marie‘ von Alle Achtung taucht in den Schlagercharts auf und wird von Ö3 gespielt. Das hätte es früher nicht gegeben. Es gibt auch Bands, die im ,Fernsehgarten‘ spielen und im Formatradio vorkommen. Ein Sasha tritt bei Florian Silbereisen auf. Es ist gut, dass diese Schubladisierungen aufgeweicht werden, denn viele Künstler trauen sich nicht wirklich drüber.“ Im Indie-Bereich tätig zu sein und so offen zu Schlager zu stehen, das ist auch in Zeiten der Streaming-Kultur und immer offener werdender Geschmäcker selten. Neben Peherstorfer, der nach wie vor Songs für Schlagerkünstler schreibt, macht das in dieser Offenheit wohl nur Fuzzman aka Herwig Zamernik. „Es gibt schon Kollegen, die gerne mal Schlager machen möchten, aber je leichter etwas klingt, umso schwieriger ist es in der Entstehung. Ich habe großen Respekt vor Songs wie ,Atemlos‘ oder ,Ein Stern‘. In diesem Segment ist alles sehr professionell und hochklassig.“

Nach dem Ausflug in fremde Gefilde war es nun wieder an der Zeit, den Teufel bei den Hörnern zu packen. „Seltene Elemente“ ist das sechste Album von Kommando Elefant und kokettiert nicht ganz zufällig mehr denn je mit den großen Melodien. „Ich war schon im Indie-Sektor immer im poppigen Bereich verhaftet“, erklärt Peherstorfer, „Kommando Elefant wurden schon öfters als Schlageresk bezeichnet. Wenn ich mich ans Klavier setze, dann kommen diese großen Melodien ganz von selbst. Ich mag das Epische, Hymnische und Tanzbare. Ich finde es gut, wenn man eine Melodie mitpfeift und ein Song zum Ohrwurm wird. Natürlich ist diese Band aber trotzdem sperriger als im Schlager.“ Auch wenn die Rock’n’Roll-Grundausstattung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug immer noch federführend ist, werden die elektronischen Synthie-Anleihen von Album zu Album raufgeschraubt. Das geht soweit, dass ein Song wie der Titeltrack in seiner Ohrwurmtauglichkeit Anklänge an „Blinding Lights“ von The Weeknd hat oder „In Frieden, für immer“, im Schlussdrittel einen astreinen 90s-Technobeat á la Gigi D’Agostino aufbietet.

Keine Angst vor Trends
„Ich liebe Gigi“, lacht der Frontmann, „er war jetzt sicher nicht die bewusste Referenz, aber der Sound geht sicher auf die 90er-Jahre zurück. Ich hätte in dem Fall aber wohl eher an Hot Chip gedacht.“ Die interpretierbare Offenheit der Kommando Elefant-Songs kommen dem Songwriter zugute. Schließlich ist es immer ein Ziel, persönliche Erlebnisse und Gedanken mit Fiktionalem so kongruent zu vermischen, dass sich der Rezipient am Ende seine eigene Sound- und Inhaltssuppe kochen kann. Dass „Seltene Elemente“ aufgrund der klanglichen Ausrichtung und wegen des strahlend-roten Diamanten am Album-Cover stark an die 80s erinnert, ist durchaus einem gewissen Trend geschuldet, der in den letzten Monaten und Jahren auch Weltstars wie Dua Lipa, Lady Gaga oder auch Katy Perry erfasst hat. „Ich produziere außerhalb der Band viel Musik und schon allein deshalb ist mir wichtig zu schauen, was gerade en vogue ist. Was geht in der Jugendkultur ab, was wird angenommen? Es schadet nicht, wenn man sich auch nach vielen Jahren im Musikgeschäft mit Trap-Beats und einem Yung Hurn auseinandersetzt.“

Eklektisch zu klingen ist deshalb auch gar kein so prägnanter Vorsatz für die Wiener mit Linzer Background - denn die Melodie steht stets über der Coolness und das ist ein in diesen Zeiten ein vielleicht nicht sonderlich populärer, aber grundehrlicher und sympathischer Gedanke. Vor allem, weil sich „Seltene Elemente“ so schön unpeinlich um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens dreht, oder wie Peherstorfer es gerne mehrmals betont, „um die großen Fragen, auf die man eh keine Antworten hat.“ Bedeutet: Liebe und Zweisamkeit auf der einen, Entwicklung und Vergänglichkeit auf der anderen Seite. „Da ich früher Physik auf Lehramt studiert hab, ist das der Albumtitel für mich auch sinnbildlich für den Menschen an sich. Wenn wir so weitermachen, werden wir nämlich nur kurz auf diesem Planeten gewesen sein.“ Die Musik ist für den Oberösterreicher das treibende Transportmittel für die bittersüßen Botschaften. In einem Song wie „Ich will mit dir alt werden“ geht es profan um genau diesen Wunsch. „Und um die Realität. Natürlich wünscht man sich vielleicht die schöne Dachgeschosswohnung. Es lässt sich aber auch schön zusammenleben, wenn sie sich nicht ausgeht.“

Andere Definition
„Seltene Elemente“ haben Kommando Elefant selbst geschrieben, selbst eingespielt und selbst produziert. Eine bewusste Entscheidung die Zügel stets in der Hand zu halten, um den eigenen Visionen keinen Riegel vorschieben zu müssen. „Wir sind jetzt als Band zwölf Jahre mit dabei. Wir haben vorher nicht lange überlegt, wie wir was machen können, sondern tun einfach, was wir für richtig halten. Mittlerweile werfen wir ein Album in die Runde und schauen halt, was passiert.“ Nur auf das Politische, das den 2017er-Vorgänger „Herz und Anarchie“ stark durchzogen hat, verzichtet die Band anno 2020 völlig. „Ich hatte noch nicht mal politische Ideen für dieses Album. Wir spielen sicher wieder Benefizkonzerte und machen Karitatives, aber es war nicht nötig, Songs darüber zu schreiben.“ Dann lieber ein schlagereskes, wundervolles Liebeslied wie „Über Wien“, das von Peherstorfers urbanen Sehnsuchtsort Am Himmel in Döbling handelt. „Ich bin sehr gerne und oft dort. Wien ist schon eine unfassbar lebenswerte Stadt, das muss man sich immer vor Augen halten.“ Da lässt es sich dann auch viel leichter traumtänzerische-melodische Pop-Hymnen schreiben, die „Indie“ eben anders definieren, als es die Szenepolizei so gerne macht.

Release-Show in Wien
Kommando Elefant spielen am Donnerstag, 15. Oktober, ihre Release-Show im Wiener Chelsea. Alle Infos und Karten gibt es unter www.chelsea.co.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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