15.10.2020 06:00 |

„Krone“-Interview

Tommy Lee: Mit der Neugierde eines Teenagers

Abseits der welterfolgreichen Mötley Crüe war Drummer und Lebemann Tommy Lee schon immer grenzenlos unterwegs. Das hat sich auch auf „Andro“, seinem ersten Soloalbum nach 15 Jahren, nicht geändert. Darauf verquickt er modernen Rap mit Heavy Metal, Hard Rock und Trap-Anleihen. Keine leichte Kost. Zweifel sind dem sympathischen Vollblutmusiker aber ohnehin egal, wie er der „Krone“ im Interview verriet.

„Krone“: Tommy, was hast du eigentlich in den ersten Corona-Monaten so alles getrieben?
Tommy Lee:
Ich habe viel gekocht, mich mit Tik Tok gespielt und Musik gemacht. Ehrlich gesagt hat sich im Vergleich zu früher nicht sonderlich viel geändert. (lacht)

„Andro“ ist dein erstes Soloalbum seit „Tommyland: The Ride“ vor exakt 15 Jahren. Du hast ziemlich lange an dem Werk gearbeitet und dir als inhaltliche Basis das Thema Androgynität ausgesucht.
Der Titel war so nie wirklich geplant. Als das Album fertig war, habe ich die Songs so angeordnet, wie sie mir richtig vorkamen und bin dann draufgekommen, dass es beim Durchhören viel zu sperrig klingt. Irgendwas hat nicht gepasst. Also habe ich dann die Songs, die von Männern gesungen wurden auf eine Hälfte gegeben und die von Frauen gesungenen auf die andere. Das war die Lösung, plötzlich machte alles Sinn Das Album hat zwei verschiedene, ganz klar hervorstechende Energien. Ich musste nur beiden Sparten ausreichend Raum geben, dann hat alles perfekt funktioniert. Eine Freundin von mir hat mir dann „Andro“ als perfekten Titel vorgeschlagen und ich war sofort begeistert.

Gibt es eigentlich so etwas wie einen bestimmten inhaltlichen Spannungsbogen, der sich durch all die Songs zieht?
Es ist definitiv kein Konzeptalbum, jeder Song ist sein eigenes Tier.

Du hast dir für den Sängerposten eine Menge junger Künstler ausgesucht, die man noch nicht so gut kennt wie Killvein, Lukas Rossi, Plya oder King Elle Noir. Wie kam es dazu?
Ich habe schon oft mit großen Namen gearbeitet, was mir auch immer großen Spaß gemacht hat. Es war immer speziell mit Leuten zu arbeiten, die ich selbst bewundert habe. Einmal nahm ich mir aber die Zeit mich hinzusetzen und die Namen niederzuschreiben, die mir für meine Songs perfekt vorkamen. Da gab es zum Beispiel eine Nummer wie „Knock Me Down“, die perfekt zu Killvein passte. Ich habe ihn einfach auf Instagram angeschrieben und ihm den Track vorgespielt. Er hat mir später erzählt, dass er sich verarscht vorkam, weil er nicht glauben konnte, dass ihn der echte Tommy Lee kontaktieren würde. (lacht) Als er dann recherchierte fielen ihm die Augen aus dem Kopf. Es gibt so viele talentierte Künstler da draußen und ich höre mir gerne all ihre Songs an. Ich frage mich oft, wie es möglich ist, dass gewisse Sänger so unbekannt sind, aber es ist eben so viel am Markt, dass viele wahrscheinlich gar nie wirklich gehört werden. Das ist eine ziemlich traurige Sache. Dieses Album ist vielleicht meine Art, anderen ein bisschen unter die Arme zu greifen und ihnen die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie verdienen.

Natürlich wird man dich in erster Linie immer als den Drummer von Mötley Crüe sehen, aber abseits davon bist du schon vor fast 30 Jahren neue Pfade gegangen. Deine Soloalben gleichen sich nie und erforschen immer neue klangliche Territorien. Ist es dir wichtig, nicht nur die Hörer, sondern auch dich selbst zu überraschen?
Absolut. Wenn etwas nur ansatzweise so klingt wie ein Sound, den ich schon mal hatte, dann wird es sofort in den Kübel geworfen. Vielleicht ist das gut oder schlecht, da bin ich mir selbst nicht so sicher, aber die Fans meiner Musik erwarten immer etwas Neues. Jeder weiß, dass ich mich nicht wiederhole, sondern nach etwas Coolem suche, das es noch nicht gibt. Ich habe auch viele Songs geschrieben, die nicht auf „Andro“ passten, aber vielleicht ein anderes Mal auftauchen werden.

Du hast in Interviews bereits gesagt, dass du während des Corona-Lockdowns fleißig Songs geschrieben hast. Es wird also in absehbarer Zeit weitere neue Musik von dir geben?
Mann, ich habe fast ein ganzes neues Album, auf dem ich gerade sitze. Mein Manager hat mich schon davor gewarnt einen Schnellschuss zu machen, nachdem ja „Andro“ noch nicht einmal wirklich im Umlauf ist. (lacht) Die Pandemie hat mich in einigen Bereichen angenehm ausgebremst, mir aber beim Arbeitsprozess Flügel verliehen. Eine Zeit lang konnte man kaum etwas anderes machen und so sitze ich jetzt hier mit einem neuen Album in der Hand und einem fast kompletten weiteren im Köcher. Vielleicht veröffentliche ich Mitte 2021 dann das nächste.

Der Sound und das Songwriting auf „Andro“ sind sehr zeitgeistig geraten. Ist es dir wichtig, dass du mit den aktuellen Trends gehst?
Darauf achte ich schon. Am Ende des Tages will ich einfach all meine Einfälle nach außen stülpen. Ich bin ein Riesenfan unterschiedlichster Musikstile und manchmal klingt etwas sehr zeitgeistig, ohne dass ich das bewusst so plane. Es liegt einfach daran, dass ich etwas Neues machen will und große Freude dabei verspüre. Zeitgemäß zu sein ist mir schon wichtig.

Ist „Andro“ in gewisser Weise auch autobiografisch? Ein Song wie „Demon Bitches“ könnte inhaltlich deinen wildesten Zeiten bei Mötley Crüe entlehnt sein.
(lacht) Das bleibt nicht ganz aus. Ich bin aber für die Musik zuständig und gebe die Texte in die Hände der jeweiligen Sänger. Ich habe immer mal ein Gitarrenriff oder einen Drum-Beat im Kopf, nachdem ich dann plötzlich einen geplanten Song veränderte. Es ist bei mir nicht so, dass ich jeden Song zuerst am Klavier beginne. Ich schreibe total wild. Was auch immer mich gerade motiviert oder inspiriert, das wird auch umgesetzt. Textlich gäbe es für mich nichts Schlimmeres, als wenn ich jemandem etwas auf den Leib schreibe, das gar nicht zu ihm passt. Ich will auch keinen dazu zwingen, bestimmte Wörter wiederzugeben. Die Sänger müssen etwas singen und auch so meinen.

Gibt es manchmal beim Songschreiben doch versteckte Einflüsse von den großen Mötley Crüe oder versuchst du diese Gedanken so schnell wie möglich auszusortieren?
Manchmal dringt das schon durch, vor allem dann, wenn die Songs härter werden. Diese große Bestie ist immer irgendwo im Raum und strahlt etwas aus, aber im Prinzip versuche ich mich schon bewusst davon zu lösen. Ich bin schon immer leicht von meiner eigenen Vergangenheit beeinflusst, andererseits versuche ich diese Vergangenheit aber bewusst auszublenden. Das was dort passiert, machten wir ja sowieso schon - warum brauche ich es also hier und jetzt? Mein Manager kam unlängst auf mich zu und meinte, ich solle auf YouTube zu den Singles die Kommentare lesen, was ich eigentlich nie mache. Es ging um den Track mit Post Malone und der erste Kommentar von einem Vollidioten war „ganz cool, aber das klingt nicht wie Mötley Crüe“. Wie soll der Song auch danach klingen, wenn außer mir keiner aus dieser Band darauf zu hören ist? Wo ist da der Sinn?

Noch nicht einmal deine alten, rockigeren Solosongs hatten viel mit Mötley Crüe zu tun.
Exakt. Ich finde es sehr dumm und unreflektiert, wenn jemand so etwas schreibt. Es erinnert mich aber dann wieder daran, dass es keine Möglichkeit für mich gibt, dass ich zu jeder Zeit jeden zufriedenstellen kann. Es wird immer Leute geben, die es nicht kapieren werden. Schön und gut, aber dann schalte den Track halt aus und verschwinde.

Du hast in den letzten Jahren sehr viel mit EDM-Künstlern wie Skrillex oder Deadmau5 gearbeitet. Haben sie deine Perspektive auf Musik fundamental verändert bzw. modernisiert?
Beide sind großartige Typen und sehr innovative Musiker. Als mir Skrillex damals vor der Veröffentlichung sein erstes Album vorspielte, riss es mich fast vom Sessel. Das war verrückt. Er hat einen Rock-Background und kanalisierte das mit der Elektronik, die er darauf verwendete. Diese Energie und Kraft des Heavy Rock und Metal gemischt mit der elektronischen Innovation war einzigartig. Das hat mich nachhaltig geprägt. Diese Jungs geben sich auch nie mit etwas zufrieden, sondern suchen immer nach etwas Neuem. Sie wollen vorwärtsgehen.

Wirst du mit „Andro“, sofern es irgendwann bald die Möglichkeit dazu gibt, auch auf Tour gehen?
Ich würde unheimlich gerne auf Tour gehen, das würde viel Spaß machen. Ich habe keine Ahnung, ob diese „alte Normalität“ aber jemals wieder eintreten wird. Wir werden sehen. Mit Mötley Crüe haben wir die große Stadiontour derzeit um genau ein Jahr auf Juni 2021 verschoben. Vielleicht geht es sich danach aus oder ich kann noch ein paar Konzerte davor reinquetschen. Es ist alles nicht so leicht.

Du bist ein unfassbar passionierter Mensch. Du hast nicht nur eine große Leidenschaft für die Musik, sondern auch für große Autos, für das Kochen oder für Social Media. Wie geht sich das alles neben dem Familienleben noch aus?
Ich weiß es selbst noch nicht einmal, aber irgendwie geht es sich immer aus. Es ist Teil meiner DNA. Wenn ich nicht gerade im Studio sitze und arbeite, dann verbringe ich die Zeit mit meiner Frau, meinen Kids oder in der Küche. Vielleicht liegt es daran, dass ich so leidenschaftlich und getrieben bin. Ich stehe die meiste Zeit immer komplett unter Strom.

Wie viel Schlaf kriegst du pro Tag?
Das ist eine wirklich gute Frage, denn die habe ich mir unlängst selbst gestellt. Ich schlafe nur fünf bis sechs Stunden pro Nacht. Unlängst bin ich um ungefähr 3 Uhr morgens ins Bett gegangen und war um 7 wieder wach. Gib mir eine Tasse Kaffee am Morgen und ich bin für alle Schandtaten bereit. (lacht)

Du selbst bist bekanntermaßen ein großer Fan unterschiedlichster Künstler wie George Clinton, Prince oder den Beastie Boys. All diese Einflüsse paarst du mit modernen, zeitgemäßen Klängen. Doch was kommt als nächstes? Hast du manchmal Angst, dass du in eine kreative Sackgasse kommst?
Nein, darüber mache ich mir keine Gedanken. Schon gar nicht, weil ich quasi ein komplettes weiteres Album kurz vor der Fertigstellung habe. Durch die moderne Technologie, neue Software-Programme und Klangmöglichkeiten höre ich im Prinzip täglich etwas, das mich begeistert oder dazu animiert, mich dabei auszuprobieren. Entweder ist das ein Synth, ein krudes Schlagzeug oder ein elektronisches Programm, das mir bislang unbekannt war. Ich verbringe sehr viel Zeit mit dem Hören von neuer Musik. Es passiert so viel, dass ich mich weiterbilden und mit den Trends Schritt halten möchte. Ich hatte aber definitiv noch nie die Angst, dass mir irgendwann einmal die Ideen ausgehen könnten.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Montag, 26. Oktober 2020
Wetter Symbol