12.10.2020 06:00 |

„Krone“-Interview

Culk: „Aufzeigen, ohne mit dem Finger zu wedeln“

Mit ihrem selbstbetitelten Debüt haben die Wiener Culk Anfang 2019 für Aufsehen gesorgt. Die Mischung aus Shoegaze, Post-Punk und sperrigem Alternative-Rock hat man am Nachfolger „Zerstreuen über euch“ mit noch mehr Poesie und Inhalt verstärkt. Frontfrau Sophie Löw und ihre Mitstreiter beackern wichtige Gesellschaftsfelder wie Gleichberechtigung, Patriarchatsdenken und Feminismus, ohne dabei belehren zu wollen. Löw und Schlagzeuger Christoph Kuhn gaben der „Krone“ im Interview mehr Einblick hinter Sein und Wesen der mysteriösen Band.

„Krone“: Sophie, Christoph, euer zweites Album „Zerstreuen über euch“ erscheint nur eineinhalb Jahre nach dem selbstbetitelten Debütwerk. Standen die Songs schon vor der Corona-Pandemie?
Christoph Kuhn:
Geplant war, dass wir das Album im Februar aufnehmen, die Songs standen schon vorher. Die Veröffentlichung war aber immer für Oktober geplant.
Sophie Löw: Wir haben die Aufnahmen verschoben. Wir haben lange abgewartet, ob wir uns vor Ostern ins Studio nach Graz trauen und am Ende war es uns zu heikel.
Kuhn: Den Kreativfluss hat Corona nicht gestört. Es war sogar gut, weil wir das Material noch einmal sichten und überarbeiten konnten.

Habt ihr dann noch viel verändert? Das ist ja auch ein Risiko, weil es den Ursprungscharakter verwässert.
Löw:
Es ist nicht so, dass wir nicht aufhören können. Damit haben andere Künstler sicher stärker zu kämpfen. Loslassen können wir ab einem gewissen Zeitpunkt schon.
Kuhn: Uns nervt eher der Prozess des zu viel Drübergehens.

Das Debüt kam bei Kritikern und Fans sehr gut an. War es das Ziel, mit dem neuen Album daran anzuknüpfen oder wolltet ihr bewusst Dinge verändern?
Löw:
Die Musik haben wir natürlich entstehen lassen. Auch die Texte ergaben sich im Laufe der Zeit. Es gibt Phasen, wo ich länger keinen Text schreibe, in anderen Phasen sprudelt es nur so aus mir raus. Wir taten uns deshalb auch so schwer, uns in ein Genre einzuordnen. Wir denken nicht viel darüber nach in welche Richtung wir gehen wollen. Bei uns ist nichts geplant. Wenn wir zusammen jammen und die Songs erspielen, dann sind wir vier die einzigen, die sagen, ob es passt oder nicht.

Musikalisch seid ihr sehr zeitlos, ihr folgt zumindest keinen Trends und scheint nicht zwingend den Zeitgeist erwischen zu wollen.
Kuhn:
Es ist nicht unsere Ambition, sagen wir so. Wir wollten einfach kontrollierter sein als am Debüt. Wir haben Sophie und ihren Texten instrumental mehr Raum gegeben. Texte und Stimme brauchen diesen Raum bei uns auch und das war wohl die größte Veränderung im Vergleich zum Debüt. Alles klingt fokussierter.
Löw: Beim ersten Album war unser Credo, alles, was wir aufnahmen, auch live spielen zu können. In diese Richtung hin wollten wir offener werden.

Sophie, die Texte, die du alleine schreibst, sind extrem wichtig für das ganze Projekt Culk. Hast du auf „Zerstreuen über euch“ noch mehr Fokus daraufgelegt?
Löw:
Bei diesem Album wusste ich schon besser, wie ich die Sprache einsetze. Mir persönlich war es wichtiger, eine konkrete Aussage in den Songs zu treffen. Gleichzeitig wollte ich aber auch einen „lyrischen Aspekt“ mitliefern. Es war nicht immer leicht, diese beiden Pole zu vereinen, aber darauf habe ich sehr viel Wert gelegt. Ich wusste einfach genauer, was ich will.

Im Gegensatz zum Debüt sind alle Texte von dir auf Deutsch eingesungen. War das schwierigere Weg, weil man in der Muttersprache normalerweise mehr Hemmungen hat?
Löw:
Ich kann nicht wirklich bewerten, was leichter oder schwerer ist und wir werden ganz sicher wieder englische Songs haben. Wir ließen uns das im Schreibprozess auch immer offen, aber ich habe tatsächlich gar keinen englischen Text geschrieben. Nach Fertigstellen des Albums ging es damit wieder los und vielleicht kommen diese Texte dann auf das nächste Album.

Bezüglich der Konkretisierung der Texte - inwiefern wusstest du, wo du hinwillst? Gab es einen roten Faden, an dem du dich entlanggehangelt hast?
Löw:
Der rote Faden entstand eher zufällig. Die Themen auf dem Album haben uns alle beschäftigt. Es war total spannend, diesen Weg zusammen zu gehen. Ich habe normal immer ein Überthema, das mich zeitweise Wochen bis Jahre begleitet und von dort aus weiß ich, wo ich mit den einzelnen Texten ungefähr hin will. Wir haben uns in der Band gegenseitig angesteckt, weil uns die Themen alle betroffen haben. Wir haben uns auch selbst durch das Album verändert.
Kuhn: Es gab sehr viel Dialog über die Themen, die in den Texten stecken. Wir sind gut befreundet, reden viel und diskutieren außerhalb der Band. So etwas prägt einen nachhaltig.

Wenn wir von den Themen reden geht es bei euch um Gleichberechtigung, gendergerechte Sprache, Machtverhältnisse und das Patriarchat.
Löw:
Gleichberechtigung und Feminismus sind sicher die Überthemen. Im Zuge dieses Albums haben wir uns quasi selbst analysiert. Was macht das, wenn ich die einzige Frau bin? Auch in einer Band gibt es viele Machtsysteme, so auch in Freundschaften - und bei uns treffen beide Dinge zu. Wenn man sich so intensiv etwas zusammen erarbeiten will, spielt ein solches Thema eine noch größere Rolle, als wäre man einfach nur befreundet.
Kuhn: Man muss viel mehr aufpassen, wie man etwas sagt und was man sagt. Es geht um das richtige Fingerspitzengefühl.
Löw: Durch die Texte haben wir schon Dinge hinterfragt. Warum wird etwas wie entschieden und was passiert, wenn ich etwas will und die anderen nicht?

Songs wie „Dichterin“ oder „Nacht“ sind sehr doppelbödig, verstecken sich aber nicht sonderlich groß hinter Metaphern. Was bewegt dich dazu, so zu texten und in diese Richtung zu gehen?
Löw:
„Dichterin“ war der erste Text, den ich für das Album schrieb. Der Prozess mit geschlechtergerechter Sprache und die Tatsache, dass wir uns in der Musik sehr viel mit Sprache auseinandersetzen, machte das zu einem großen und wichtigen Thema für uns. Der Text steht schon fast zwei Jahre und wir alle haben unsere Sprache geschlechtergerecht verändert. Zu einem großen Teil passierte das durch das Lied. Wenn wir darüber singen, dann können wir auch nicht mehr anders sprechen - was auch gut so ist. Ich wusste schon sehr lange, dass ich über dieses Thema schreiben will, es schien anfangs nur unmöglich, geschlechtergerechte Sprache in ein Lied zu verpacken.

Sprache lebt und verändert sich, die Sprache verändert auch die Zugänge von Menschen. Viele Menschen beharren auf alten Dogmen - bist du deshalb auf dieses Thema gekommen?
Löw:
Bei mir gab es einen Punkt, wo ich einfach verstanden habe, wie diese Sprache entstand und was das für die einzelnen Leben auslöst. Wenn man das einmal versteht, gibt es kein Zurück mehr. Auch im Journalismus finde ich spannend zu sehen, wie sich Dinge ändern und wandeln. Es gibt meiner Meinung nach aber noch sehr viel zu tun.

Ist es dir wichtig, in deinen Texten bewusst etwas zu sagen, ohne zu moralisierend zu sein?
Löw:
Das ist richtig. Manche Leute hören stärker auf die Texte, anderer weniger stark. Was bislang von den Medien an Feedback zurückkam zeigt mir, dass wir besser verstanden werden. Beim Debüt war alles versteckter und stärker in Metaphern verpackt, das haben wir dieses Mal verhindert. Wir wollen auf jeden Fall etwas sagen. Aufzeigen, aber nicht mit dem Finger wedeln.

In „Nacht“ geht es um das bei allen Frauen bekannte Problem, wie man nachts sicher nach Hause kommt. Ist es schwierig, an so einen Text möglichst neutral und unbefangen ranzugehen, nicht zu viel Wut zu transportieren?
Löw:
Ich habe kein Problem mit der Wut, weil der Song so etwas wie ein Ventil für mich ist. Ich habe teilweise selbst persönliche Erfahrungen damit gemacht und das zieht mich bei den gemeinsamen Proben oft schwer runter. Die Inhalte, die ich transportiere, sind schwer. Bei einem Konzert ist es etwas anders, weil jedes Lied nur einmal vorkommt, aber bei Proben wiederholt man sich oft stundenlang und dann nagt das auch an mir.
Kuhn: Wenn man sich so intensiv mit Songs beschäftigt und wie Sophie und diese Texte dauernd singen muss, ist das nicht leicht.

Wie weit gehst du ins Persönliche? Wo ziehst du die Grenze?
Löw:
Das passiert im Prinzip intuitiv. Manchmal verschwimmen die Grenzen innerhalb eines Songs. Als Hörer weiß man nicht, wo das Private beginnt und wo es endet und das ist mir momentan Schutz genug. Es ist vieles unklar und das ist mir sehr wichtig.

Wie ist der Albumtitel „Zerstreuen über euch“ zu interpretieren? Ist das musikalische Zerstreuen eine Prämisse für euch als Künstler?
Löw:
In diesen drei Wörtern steckt sehr viel drinnen. Einerseits ist vieles nicht konkret und andererseits fassen die Wörter die ganzen Themen, die über uns kommen, gut zusammen. Ich muss mit diesen Themen etwas machen und so geht es wohl auch der Gesellschaft. Ich finde es persönlich wichtig, das in der Musik zu verarbeiten, weil ich von manchen Menschen mitbekomme, dass sie sich nicht mit diesen Themen befassen wollen. Man will oft etwas verändern und kann es in der Praxis nicht. In der Musik will ich etwas klar ansprechen und nicht wegschauen.

Zwingst du den Hörer dazu, auf bestimmte Themen zu achten?
Löw:
Finde ich nicht, denn wenn man Musik hört, muss man sich nicht mit den Texten auseinandersetzen. Um etwas zu verstehen oder zu erahnen, muss man Lieder sehr oft hören.

Die „Helle Kammer“ beleuchtet auch ein bisschen die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Wie hat sie sich für dich verändert?
Löw:
Vor ein paar Jahren, wo ich das Gefühl hatte, dass ich noch kein richtiges Bewusstsein dafür hatte, hätte ich wahrscheinlich viele Dinge für gegeben hingenommen und sie einfach abgenickt. Je genauer man hinschaut, umso mehr bemerkt man aber, dass vieles einfach nicht stimmt. Der Ursprung des Songs liegt im Film „Blow Up“ verortet. Es ist ein Klassiker aus den 60er-Jahren, der sich um einen Fotografen dreht. Es gibt eine berühmte Szene von einem Fotoshooting, wo er das Model inszeniert und ich habe Texte teilweise 1:1 aus den Filmzitaten übernommen. Die Szene ist ein bisschen eine Metapher von gewalttätigem Sex.
Kuhn: Von klar dargestellten, hierarchischen Positionen innerhalb verschiedener Geschlechter im Bezug auf die Sexualität.
Löw: Das war der Ausgangspunkt. Als Hörer kriegt man das nicht gleich mit, aber dadurch, dass man das Shooting als Metapher verwenden kann, haben die wenigen Wörter alleine auch schon eine immense Wirkung. Man kann die Wörter über alle möglichen Situationen stülpen und hinterfragen, ob man dieses oder jenes so wahrgenommen wird.

Seid ihr als Band im Alltag und auf Tour stark mit Sexismus konfrontiert?
Löw:
Solche Sachen vergisst man wieder unheimlich schnell, was eigentlich auch arg ist.
Kuhn: Es gab sicher die eine oder andere Situation, wo man Sophie Dinge erklären wollte, die eh klar sind.
Löw: Zu 98 Prozent arbeiten in allen Locations Männer. Es sind auch vorwiegend Musiker, die man kennenlernt. In Deutschland haben wir öfter etwas ältere Männer im Publikum, weil sie uns immer mit Joy Division assoziieren und da fühle ich mich manchmal unwohl. Sie verstehen nicht immer, worüber wir singen und manchmal ist der Vibe dann komisch. Wir hören auch von anderen Bands genug Geschichten, die nicht okay sind. Es ist noch viel schlimmer, wenn man eine Band ist, in der nur Frauen mitspielen.

Ausgehend vom Joy Division-Vergleich der alten deutschen Männer - was sind eure aktiven Inspirationsquellen?
Kuhn:
Das ist von Person zu Person unterschiedlich.
Löw: Wir gehen der Frage immer ein bisschen aus dem Weg. (lacht) Bei mir ändert sich das dauernd und wenn man es zu sehr zulässt, dass man sich von einer Band oder einer Person inspirieren lässt, dann ist das für die eigene Musik nicht gut. Ich finde es sogar toll, dass wir diese Frage nicht beantworten können.
Kuhn: Wenn man viel Musik hört, die in einer gewissen Zeitspanne in eine gewisse Richtung geht, lässt man sich natürlich beeinflussen, aber ich könnte nicht sagen, welcher Einfluss zu welcher Idee geführt hat.

Gibt es auch keine textlichen Inspirationsquellen? Etwa die Rrriot-Girl-Bewegung aus den 90ern wie L7 oder Bikini Kill, die feministische Vorreiterinnen in der Rockmusik waren.
Löw:
Für „Zerstreuen über euch“ haben mich am meisten zwei Podcasts inspiriert. Einerseits „Große Töchter“ von Beatrice Frasl und „Darf sie das“ von Nicole Schöndorfer. Diese Themen, die dort angesprochen wurden, haben uns sehr beschäftigt. Die Idee zum Song „Dichterin“ kam direkt durch das Hören der Podcasts.

Inwiefern habt ihr euch als Band und Personen in den letzten zwei Jahren verändert?
Kuhn:
Das ist schwer zu sagen. Wir haben uns zwischenmenschlich und musikalisch stark entwickelt. Wir gehen anders an die Musik heran und interagieren total anderes miteinander. Wir haben sehr viele Phasen im Miteinander durchlaufen, die sich auch aufs Songwriting ausschlug.
Löw: Es ist ein Geschenk, wenn man gerne Musik macht und einer Band ist, in der man auch noch miteinander befreundet ist. Man kommt in seiner Persönlichkeit weiter, weil man ständig miteinander konfrontiert ist. Alle haben verschiedene Vorstellungen, sind aber mit dem Herzblut dabei und wir alle wollen etwas erreichen. In einer Band lernt man viele Dinge, die einem sonst wohl verwehrt bleiben würden.

Ist die Band nach dem guten Feedback zum Debüt und den Erfolgen in den letzten Monaten wichtiger geworden?
Löw:
Das sicher auch. Jede Band, der die Möglichkeit einer Plattform gegeben wird, lernt sehr viel daraus.
Kuhn: Wir merken vor allem jetzt, wo wir nicht live spielen können, wie viel Energie uns diese Band gibt und wie toll es ist, gemeinsam musizieren zu können.

Die Live-Situation ist derzeit schwierig - wie sieht es da bei euch aus?
Löw:
Unsere Album-Release-Show am 30. Oktober im Wiener WUK hält vorerst noch. Es wird ein Sitzkonzert und wir hoffen, es klappt so. Die Tour ist vorerst einmal auf 2021 verschoben, aber mehr kann man derzeit auch nicht sagen. // Alle weiteren Infos und Tickets zum Konzert gibt es unter www.wuk.at

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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