02.10.2020 17:15 |

Schweine, Puten ...

Welches Fleisch auf unseren Tellern landet

Ist „bio“ nur ein Wort? krone.tv besuchte mit Tierschützer Martin Balluch arme Schweine und begleitete die Nachhaltigkeitsexpertin Sarah Wiener auf eine Farm der glücklichen Tiere am Biohof Krautgartner. Die krone.tv-Reportage über unser Fleisch und dessen Herkunft.

Mit seinem Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld: 65 kg Fleisch verzehren wir im Durchschnitt pro Jahr. Bereits knapp 900.000 Österreicher verzichten auf den Fleischkonsum und ernähren sich entweder vegan oder vegetarisch. Schnitzel, Schweinsbraten & Co: Gibt es einen Unterschied zwischen Bio- und Nicht-Bio-Fleisch? Wie sieht artgerechte Tierhaltung aus und wie nicht?

Wir treffen Martin Balluch, berühmt-berüchtigter Tierschützer und stolzer Veganer seit 1989, bei der Alten Donau. Es ist bereits 20 Uhr, als seine Aktion startet. Wie so oft wurde dem Gründer des „Vereins gegen Tierfabriken“ eine Schweinemast gemeldet, bei der angeblich gegen das Gesetz und gegen die Würde der Tiere verstoßen wird. Die genaue Adresse wird selbst unserem Kamerateam verschwiegen.

Bis heute prägend für Balluch: die „Tierschutzcausa“ 2008. 150 Tage saß er in Untersuchungshaft. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Bildung einer kriminellen Organisation. Eine verdeckte Ermittlerin wurde eingeschleust, Balluchs Auto wurde mit einem Peilsender ausgestattet und fünf Monate lang von drei Ermittlungsteams auf Schritt und Tritt verfolgt. Telefonate wurden mitgehört, E-Mails untersucht und, wie er sagt, „uminterpretiert“. Auch ein Buch schrieb der heute 55-Jährige über seine Tortur. Die langjährige Arbeit, gekrönt von stückweisen Verbesserungen für Tiere, hat ihn gelassen gemacht.

Junge Veganer sind beim Tierschutz zu ungeduldig
„Junge Leute, die gerade eben ihr Ernährungsverhalten geändert haben, glauben dann, es müssen jetzt alle so leben wie sie. Wenn es dann nicht passiert, sind sie sehr ungeduldig. Als älterer Mensch ist man natürlich ein bisschen weiser geworden. Man weiß, dass sich nichts von heute auf morgen ändert. Man muss Geduld haben und die Tierschutzarbeit so einrichten, dass man es lange durchhält. Es ist eine Frage des Durchhaltevermögens. Wir haben Vollspaltenböden vor 20 Jahren öffentlich gemacht - 1994 - und sind noch immer dran.“

Vermummt und ohne Handy in der Schweinemast
Kein Wunder, dass Balluch rechts ranfährt, um den Autos hinter ihm Vorrang zu geben. „Schalten Sie jetzt ihr Handy aus“, bittet er. Es scheint, als hätten seine Erfahrungen ihn zur Übervorsicht bewegt. Das Navi führt zu geheimem GPS-Koordinaten, Luftbilder helfen bei der Suche nach dem vereinbarten Treffpunkt. Kurz verirrt sich Balluch. Oder ist es das Navi? Um Kontakt mit den Begleitern beim Treffpunkt herzustellen, fährt er vorsichtshalber in die nächste Ortschaft und verbindet sich dann mit dem Mobilnetz. Betonierte Straßen mit Namen werden zu nicht eingezeichneten Wegen mitten im Maisfeld.

Punkt Mitternacht kommen wir an. Unser Guide ist dick vermummt. Wir bekommen einen schwarzen Kapuzenpullover und eine Einführung über das Heranschleichen bei Nacht. „Wenn ein Laster vorbeifährt, mit dem Gesicht nach vorne auf den Bauch legen und still bleiben, bis er wegfährt.“ Jegliche Bewegungen werden durch einen zusätzlichen Aufpasser vor der Schweinemast durchgefunkt. Ganzkörperschutzanzüge und Schuhschutz werden angezogen, damit keine Keime von außen ins Innere der Mast gelangen können.

Maden, Fäkalien und hustende Tiere im Dunkeln
Die Tür geht auf, ein konstantes Brummen schallt wie ein schwerer Bass durch den Flur. Es ist das Geräusch der Belüftungsanlagen in vollkommener Dunkelheit. Der beißende Geruch von Ammoniak ist omnipräsent. Außerdem: überpickte Milchglas-Fenster. „Das ist total illegal. Damit sie ja kein Licht haben ...“, regt sich Balluch auf. „Der Grund ist, sie sind aggressiv zueinander, weil sie nichts zu tun haben, kein Stroh haben, solange es düster ist, tun sie sich weniger an und sind nicht so aktiv, da beißen sie sich weniger.“ Fäkalien bedecken die Vollspaltenböden, Platz für die Schweine gibt es kaum.

Manche Tiere husten: „45 Prozent haben eine Lungenentzündung, also jedes zweite Schwein hat eine Lungenentzündung. Und man merkt es ja, hier brennt es im Hals, es gibt keine gescheite Luft.“ In einer Rinne sammelt sich alles, ein Paradies für Maden. Davon ernähren sich die Tiere. „Weil es salziger ist als ihre Futtermischung, dass nach nichts schmeckt“, so die Begleitperson. Der Anblick ist furchtbar.

Schweine haben Geschwüre, totes Ferkel rausgeschleift
Einige Tiere scheinen unter Darmbruch zu leiden, ballförmige Geschwüre baumeln vor ihren Bäuchen. Einen Raum weiter führen Schleifspuren zu einem toten Ferkel, befallen von einem Fliegenschwarm. Balluch dokumentiert das tote Tier und macht Fotos. Plötzlich herrscht Stille im Raum. Wir gehen zurück in den Flur. „Ich bin immer entsetzt, wenn ich so was sehe. Die Schweine in diesem Zustand zu sehen, ein Leben lang in diesem Gestank, fensterlos, nie raus können ins Freie, keine Pflanzen, Sonne, Wind. Überall Parasiten, Fliegen, Spulwürmer. Vollgekackte Tiere und der Boden voll. Die liegen mehr aufeinander als nebeneinander. Man quetscht sie hinein, damit man möglichst viel Geld aus ihnen herausholt. Das Wohlbefinden der Tiere zählt einfach nichts. Jedes Mal, wenn man das sieht, zweifelt man an der Menschheit.“ Es gehe aber sogar noch schlimmer, so Balluch: „Die Tiere haben hier vergleichsweise wenig Bissspuren.“

Szenenwechsel: der Biohof „Krautgartner“ im steirischen Vorau. Gemeinsam mästen Patrick Krautgartner und seine Frau hier ihre „Glücksputen“. Über einen Online-Shop vertreibt er die selbst geschlachteten und produzierten Fleisch- und Wurstprodukte seiner Truthahn-Vögel in ganz Österreich. Hier gibt es viel Platz für die Tiere, sie wachsen ganz aus, der Auslauf ist gegeben. 2017 fing der junge Biobauer mit fünf Tieren an. Jetzt sind es bald 1000: Und trotzdem gibt es genügend Platz. Ganze 9000 Quadratmeter Wiesengrün als Freilauffläche für die Puten. Zu futtern gibt es ausschließlich Bio-Getreide, Plfanzeneiweiß, zum Trinken bietet der Bauer seinen Tieren frisches Quellwasser an.

„Auswärts bin ich Vegetarier, obwohl wir eine Fleischerei haben“
Patrick Krautgartner gibt seinen Truthähnen fast viermal mehr Platz als im EU-Durchschnitt üblich. „Ich vergleiche das immer so: Wenn man mehrere Menschen in den Keller einsperrt, kommt das gleiche raus. Man tut sich irgendwann was. Das ist bei Tieren genauso. Ich habe deshalb aufgehört, außer Haus Fleisch zu essen, auswärts bin ich Vegetarier, obwohl wir daheim eine eigene Fleischerei haben und schlachten.“

„Kinder sollen wieder lernen, wie man mit Fleisch umgeht und arbeitet“
Für Krautgartner ist die Gesamthaltung, vom Futter bis zur Schlacht, von hoher Bedeutung. „Die Haltung muss passen, das Futter muss passen, dann muss das Schlachten auch passen. Für mich ist ein stressfreies Schlachten total wichtig.“ So wie auch die ehrliche Auseinandersetzung mit Kindern zum Thema Fleisch. „Wir haben hier oft Führungen mit Volkschulgruppen. „Es ist so wichtig, dass Kinder wieder lernen, wie man mit Fleisch umgeht und arbeitet. Manche vergessen, dass das Lebewesen sind. Alle kennen zum Beispiel die lila Kuh, aber keiner weiß, wie sie wirklich aussieht. Die Bewusstseinsbildung muss schon stärker forciert werden.“

Heute ist auch Sarah Wiener vor Ort. Am Beispiel des Biohofs möchte die EU-Politikerin einen Mindeststandard für Truthahn-Haltung innerhalb Europas einführen. „Wenn’s darum geht, etwas zu verbessern für die Tiere, dann ist der konventionelle Puten-Standard in Österreich das Nonplusultra der EU. Wenigstens der Mindeststandard in Österreich muss gefördert und gesetzliche Vorlage für Europa werden." Unser Mindeststandard sei zumindest ein Anfang.

Wiener betont, sie sei keine „spinnende Bio-Tante“, die „zu viel fordert“, denn der Mindeststandard von uns wäre für Europa „ein großer Fortschritt für die Puten“. Vorsichtig zieht sich Wiener den Schuhschutz an. „Das Tolle ist, Patrick hat hier ein symbiotisches, ökologisches System. Hier sind nicht nur Puten, sondern auch Schafe, die halten das Gras kurz. Das wiederum mögen die Puten, weil dann können sich nicht so viele Krankheitskeime unter niedergelegtem Gras und der Feuchtigkeit bilden. Auch große alte Streu-Obstbäume gibt es hier. Die Puten picken die Würmer und die Larven von den Bäumen, auch das Obst ist dann gesünder, so muss man sich das vorstellen, die Natur hilft sich gegenseitig und wird gestärkt.“ Dann begrüßt sie die Tiere: „Dodelgodelgodel!“ Die Truthähne „grüßen“ zurück. Patrick Krautgartner begleitet sie.

„Bleibe auf meiner Linie, auch wenn es wirtschaftlich anders besser wäre“
Ob das Schlachten dem Biobauern schwerfällt? „Das fällt mir nicht schwer, das ist mir wichtig, weil ich ganz genau weiß, wie das Tier bis zum Schluss gelebt hat. Die meisten Bio-Betriebe führen die Puten zum konventionellen Schlachthof. Bei uns bleibt das zumindest am Hof. Ich mag keine Kompromisse, das ist ganz wichtig. Ich bleibe auf meiner Linie, auch wenn es wirtschaftlich anders besser wäre. Sobald es um die Tiere geht, schau ich nicht aufs Geld, ich spare lieber bei der Vermarktung ein. Die Tiere sind an erster Stelle.“ 

Wiener verabschiedet sich von ihrer Tour: „Es war so spannend. Ich weiß, dass man Puten auch anders halten kann. Dass man ihre Schnäbel nicht kürzen muss, dass man sie auch zum Teil das ganze Jahr draußen halten kann, dass sie sich mit Schafen gut verstehen. In der EU werde ich schauen, dass wir österreichische Mindestrichtlinien einführen.“ Die Familie Krautgartner winkt Wiener auf Wiedersehen. Auch Schweine gibt es hier. Sie vegetieren nicht auf Vollspaltenböden dahin, sondern rekeln sich im frischen Stroh.

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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