27.08.2020 11:46 |

„Krone“-Interview

5 Jahre A4-Drama: „Schlimmster Tag meines Lebens“

27. August 2015. Gemeinsam mussten sie eine der schlimmsten Tragödien der Nachkriegszeit öffentlich machen: Johanna Mikl-Leitner - sie war damals Innenministerin - und Hans Peter Doskozil, feinfühliger Polizeichef des Burgenlandes. Fünf Jahre später begegnen sie sich auf Augenhöhe. Im „Krone“-Interview schildern die beiden Landeshauptleute die Stunden und Tage nach der Tragödie um 71 Tote auf der A4. Was folgte, war eine Flut an Flüchtlingen, die halb Europa komplett auf den Kopf stellte.

Noch im Urlaub in Deutschland ist Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil. Gut in Erinnerung ist ihm die Flüchtlingskrise vor fünf Jahren. Aktuell sieht er Handlungsbedarf der EU.

„Krone“: Herr Landeshauptmann, wann haben Sie von den 71 Toten im Kühl-Lkw auf der A4 bei Parndorf erfahren?
Hans Peter Doskozil: An dem Tag war ich als Polizeidirektor mit der damaligen Innenministerin Mikl-Leitner an der Grenze Nickelsdorf, der ersten Anlaufstelle für Flüchtlinge. Die tragische Meldung erreichte uns im österreichisch-ungarischen Kontaktbüro. Die Ministerin war sichtlich schwer getroffen.

Wie haben Sie reagiert?
Die genaue Opferzahl stand anfangs nicht fest. Es war aber klar, dass es erschreckend viele sind. Ich habe sofort überlegt, was aus Sicht der Behörden zu tun ist. Von A bis Z ging ich ein mögliches Konzept im Kopf durch. Die Bestürzung über das menschliche Leid folgte etwas später in einem ruhigeren Augenblick.

Wie haben Sie den ersten Flüchtlingsansturm erlebt?
Wir hatten Glück. In jener Nacht Anfang September hatten wir zufällig eine landesweite Schwerpunktaktion der Verkehrsabteilung. Ich war ab 22.30 Uhr in Nickelsdorf vor Ort. Nach drei Uhr ging es dann richtig los.

Woher kamen die Flüchtlinge?
Ungarn hatte die Lager geöffnet. Gleichzeitig verkehrten 120 Linienbusse, voll besetzt mit Flüchtlingen, zwischen Budapest und unserer Staatsgrenze.

War das zu erwarten?
Nein! Die Reaktion unseres Nachbarstaates war gar nicht absehbar. Ungarn hatte zuvor eine Informationssperre.

Wie ging es weiter?
Die Flüchtlingsströme bekamen eine Eigendynamik. Bis zu 20.000 Männer, Frauen und Kinder passierten an Spitzentagen die Grenze im Burgenland. Viele davon sind über die Türkei nach Europa gelangt. Sieben Wochen dauerte die Massenbewegung an, bis es einen Schwenk in der Flüchtlingspolitik gab.

Wie ist der Status quo?
Entgegen der Behauptung von Kanzler Kurz war die Balkanroute noch nie geschlossen. Von dort kommen zwei Drittel der Migranten, die in Österreich aufgegriffen werden. In der EU tun die Politiker so, als ob die Flüchtlingskrise ein neues Phänomen wäre. Ihre Themen sind nahezu dieselben wie 2015.

Interview: Karl Grammer, Kronen Zeitung

Während des Telefoninterviews weilt Johanna Mikl-Leitner bei einem Arbeitsbesuch in Tschechien. Die Erinnerungen an die Tragödie von vor exakt fünf Jahren hat sie aber mit im Gepäck.

„Krone“: Frau Landeshauptfrau, was schießt Ihnen als Erstes in den Kopf, wenn Sie an den verhängnisvollen 27. August 2015 zurückdenken?
Johanna Mikl-Leitner: Ich war - wie wir alle - natürlich fassungslos. Fassungslos und gleichzeitig auch wütend. Es war aber wichtig, trotz dieser grauenvollen Fakten, trotz dieser Tragödie die Kontrolle zu behalten. Diese Momente werde ich allerdings nie wieder vergessen.

Wut auf wen? Die Schlepper oder die europäische Politik, die ohnmächtig zugesehen hat?
Ich war wütend ob der Situation, dass Schlepper hier um jeden Preis ihr Geschäft gemacht haben. Wo 71 Menschen ihr Leben verloren haben und man sich nicht einmal irgendwie vorstellen kann, welch tragisches Schicksal sie erleiden mussten. Entsetzlich! Das war Massenmord mit 71 Toten. Mir war aber klar, dass der Kampf gegen Schlepper mit aller Härte und null Toleranz fortgesetzt werden muss.

Ihnen wurde ein Bild aus dem Inneren des Lastwagens gezeigt: Was haben Sie dabei gefühlt?
Ein Schock. Wir haben sofort die Sitzung abgebrochen und den Krisenstab zusammengerufen. Ich kann mir gar nicht ausmalen, was die Kolleginnen und Kollegen der Polizei dort mitgemacht haben. Jene, die den Lkw entdeckt haben, jene, die später die Obduktionen machen mussten. Es war wahrscheinlich der schlimmste Tag in meinem Leben.

Hans Peter Doskozil war damals Ihr Polizeichef im Burgenland. Wie haben Sie ihn in der Krise erlebt?
Professionell und gleichzeitig ringend um Fassung, um die Kontrolle über die Gefühle zu behalten. Die Schlepper haben Unmenschlichkeit an den Tag gelegt. Aber er hat höchst professionell agiert - nur so konnten schon am nächsten Tag die ersten Täter gestellt werden.

Wenige Tage nach der Katastrophe sprach Angela Merkel ihren Satz: „Wir schaffen das!“ Das war der Auftakt für eine gigantische Flüchtlingsbewegung nach Westeuropa. Waren Sie damals damit einverstanden?
Das war ein völlig falsches Signal. Und die Merkel-Faymann-Vereinbarung, die Tore unkontrolliert zu öffnen, hat die Flüchtlingskrise zusätzlich beschleunigt. Stattdessen muss der Kampf gegen Schlepper und der Schutz der EU-Außengrenze an erster Stelle stehen. Die Tragödie von Parndorf hätte das jedem bewusst machen müssen.

Interview: Oliver Papacek, Kronen Zeitung

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