50+1-Regel in Gefahr

Schlägt nach Corona die Stunde der Investoren?

Klub- und Liga-Bosse finden drastische Worte. Die Corona-bedingten Wirtschaftsschäden im internationalen Fußball werden enorm sein. Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma: Investoren den roten Teppich auszurollen. In Deutschland wird über die Lockerung der berüchtigten 50+1-Regel nicht mehr ausschließlich hinter vorgehaltener Hand nachgedacht.

Hans Joachim Watzke beweist verbalen Zug zum Tor. „Die (deutsche, Anm.) Bundesliga in ihrer bisherigen Form wird nicht mehr existieren, wenn wir nicht bald wieder anfangen und die Saison zu Ende bringen. Die Insolvenzszenarien werden - wie in vielen Branchen - massiv sein“, lässt sich der Vorstandsvorsitzende von Borussia Dortmund von der „FAZ“ zitieren. Watzke sieht drei Szenarien: die möglichst baldige Wiederaufnahme des Spielbetriebs, das Ende der deutschen Bundesliga - oder das Kippen der 50+1-Regel.

„Mich rufen seit Jahren Leute an, die viele hundert Millionen Euro zahlen wollen, wenn wir denn nur die 50+1-Regel abschaffen - damit sie dann die Mehrheit übernehmen können. Beim BVB ist das komplett ausgeschlossen. Aber je mehr Vereine unter existenziellen Druck kommen, desto eher wird das passieren“, zitiert die „Bild“ aus besagtem Interview.

Symbol-Sündenbock Hopp
Die kontrovers diskutierte Regel verbietet in Deutschland Investoren, einen Klub komplett zu übernehmen. Der Verein muss zumindest 51 Prozent der Stimmanteile halten, Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Klub soll so die Entscheidungshoheit behalten. In der deutsch(sprachig)en Ultra-Szene war genau deswegen zuletzt Hoffenheim-Macher Dietmar Hopp zum Ziel massiver Anfeindungen geworden. Die Vorstellung, dass potente Konzerne bald das internationale Fußballgeschehen (noch mehr) diktieren und sich im Staccato Klubs einverleiben - eine Horrorvorstellung für die Verfechter der Anti-Kommerz-Diktion. „Wir haben jetzt in der deutschen Bundesliga einen Chemie-Konzern (Bayer, Anm.), einen Brause-Konzern (Red Bull, Anm.), einen Auto-Konzern (Wolfsburg, Anm.), dann noch ‘Hoppenheims‘ SAP (Hoffenheim, Anm.) - lauter zwielichtige Sachen, durch die angestammte Traditionsvereine rausgekickt werden“, hatte Steffen Andritzke schon in einem krone.tv-Interview 2018 bekrittelt. Er ist aktiver Borussia-Mönchengladbach-Fan und Buchautor. Das ganze Interview sehen Sie hier.

„Regel wird‘s nicht mehr geben“
Aber nach Corona könnten die Karten aus wirtschaftlichen Kalamitäten heraus gänzlich neu gemischt werden. Erlöse durch Ticketverkauf werden längere Zeit ausbleiben. Wie‘s nach der Krise um die Liquidität von Sponsoren, TV- und Medienpartnern bestellt ist, lässt sich auch kaum abschätzen. Vor allem kleinere Vereine, jenseits der „Too big to fail“-Kategorie, müssen sich wohl ernsthaft Gedanken machen. Da könnte die Modifizierung, womöglich gar das Kippen der 50+1-Regel gerade recht kommen. Und das Szenario scheint auch nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. „Die 50+1-Regel, wie wir sie momentan haben, wird es in dieser Form wahrscheinlich nicht mehr geben, aber sie ist auch ein wesentlicher Bestandteil der Fußballkultur in Deutschland“, meint etwa der deutsche Wirtschaftsprofessor Henning Zülch via „Focus“.

Zülch forciert nicht die komplette Abschaffung der Regel, macht sich allerdings für deren Adaptierung stark, „um strategische Investoren in den Markt zu holen, die positiv wirken und beispielsweise in Infrastruktur eines Vereins investieren“. 

Austria sucht Investor
Um einen ebensolchen strategischen Partner bemüht sich - Wechselpass nach Österreich - etwa die Wiener Austria schon seit geraumer Zeit. „Es gibt auch Interessenten“, bestätigte Vorstandsvorsitzender Markus Kraetschmer vor einigen Wochen im krone.at-Skype-Interview. Die finanzielle Situation war bei Violett schon vor der Krise angespannt. Die Dienste eines Investors werden nach Corona wohl besser denn je zu verwerten sein.

Was macht Rapid?
Aus der Liebäugelei mit einem Investor machte die Austria nie ein Hehl. Aber selbst Erzrivale Rapid scheint sich dem Thema dieser Tage feinfühliger zu nähern als sonst. Für den SCR, traditionell ein auf starke Mitglieder und Fankultur ausgerichteter Verein mit ausgeprägter Anti-Kommerz-Attitüde, ist das Schlagwort Investor üblicherweise tabu. Im krone.at-Skype-Interview, mitten in der Corona-Krise, näherte sich Geschäftsführer Christoph Peschek dem Thema aber wie folgt: „Bei allen Entscheidungsträgern bei Rapid ist eine gemeinsame, klare Linie vorhanden: Rapid gehört seinen Mitgliedern, seinen Fans. Die Eigenständigkeit bzw. die Unabhängigkeit ist für uns ein sehr, sehr hohes Gut. Demzufolge wollen wir das (einen Investor an Bord lassen, Anm.) nicht. Wenn du aber den Druck hast, dass möglicherweise der Fortbestand des Klubs in Frage gestellt ist, dann wird man möglicherweise auch eine solche Diskussion lostreten wollen.“

Also doch ein Investor, bevor Rapid zusperren muss? „Es wird wichtig sein, den Fortbestand des österreichischen Fußballs zu sichern, damit solche Maßnahmen gar nicht erst notwendig sind.“ Unmittelbar heißt das - für Österreich genauso wie für Deutschland: Geisterspiele, sofern irgendwie möglich. „Weil sonst die ganze Liga absäuft“, wie Dortmund-Chef Watzke für Deutschland prophezeit. Watzke ist überzeugt: „Falls die Saison abgebrochen werden muss, wird das zur großen Stunde der 50+1-Kritiker, die dann alles versuchen werden, um den deutschen Fußball auch nach angelsächsischem Vorbild zu organisieren. Die Entwicklung kann man schon riechen.“

„In Krisen System hinterfragen“
Etwa bei Horst Heldt. Er ist seit Winter 2019 Sportchef des Traditionsvereins 1. FC Köln. „Ich bleibe Fußballromantiker“, sagte er vor Kurzem dem „Kicker“: Er sei aber auch davon überzeugt, „dass es sinnvoll ist, in Krisen das ganze System zu hinterfragen“. Ob Fußball-Fans sich noch wundern werden, was alles möglich ist?

Michael Fally
Michael Fally
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