11.04.2020 06:00 |

Nichts verpassen!

KW 15 - die wichtigsten Neuerscheinungen der Woche

Musik als Lebenselixier - besonders für das Wochenende, wo man hoffentlich auch Zeit dafür hat. Wir haben für euch wieder die besten Alben und Veröffentlichungen der Woche zusammengesammelt. Quer durch alle Genres ist hier garantiert für jeden was dabei. Viel Spaß dabei!

Benighted - Obscene Repressed
In Frankreich gehen die Uhren manchmal ganz anders. Benighted toben sich dort schon seit einigen Jahren aus und veröffentlichen mit „Obscene Repressed“ ihr neuntes Studioalbum in 20 Jahren. Im Death/Grind-Sektor ist das Kollektiv aus St. Etienne eine nicht wegzudenkende Größe, was mitunter auch an den kruden Themen liegt. Frontmann Julien Truchan - unlängst positiv auf Covid-19 getestet - arbeitet außerhalb der Band in einer Psychiatrie und würzt seine Beobachtungen und Erfahrungen gerne mit allerlei Fiktivem, das nichts für Zartbesaitete ist. Mit dem Album „Asylum Cave“ (2011) haben sich die Sickos sogar einmal konzeptionell um Josef Fritzl gekümmert. „Obscene Repressed“ ist ein akustischer Keulenschlag, der meist im ICE-Hochgeschwindigkeitstempo durch die Gehörgänge rauscht und mit Blastbeats, Doublebass-Salven und Truchans gurgelndem Organ überzeugt. Dazu werden allerlei Abscheulichkeiten gequiekt, gegrunzt und gesampelt. Ein Festschmaus für die Blut-und-Beuschel-Fraktion. 8/10 Kronen

Die Happy - Guess What
Mit Songs wie „Goodbye“, „Big Big Trouble“, „Supersonic Speed“ oder „Not That Kind Of Girl“ zählten Die Happy zur deutschen Rock-Speerspitze rund ums Millennium. Nach insgesamt acht Alben ist es in den letzten Jahren aber sehr ruhig um die Band geworden. „Guess What“ ist nicht nur im Titel ein klares Statement, sondern auch das erste Lebenszeichen der Ulmer seit 2014. Die Stärken von damals hat man sich dabei scheinbar mühelos erhalten: memorable Gitarrenriffs, teilweise bis in den Pop gehende Melodien und die ausdrucksstarke Stimme von Frontfrau Marta Jandová, die sich in der Auszeit von Die Happy zu einer Art tschechischem Celebrity mauserte. Wie schon ihre ewigen Rivalen Guano Apes ziehen auch Die Happy ihre Kraft aus der Zeitlosigkeit der Songs. Nummern wie „Guess What“ oder „Give Me A Break“ kommt heute auch zugute, dass der lange verlachte Crossover mittlerweile wieder salonfähig wurde. Die zwei Balladen „Love Suicide“ und „Letter To A Friend“ stören das Vergnügen nur marginal. Eine schöne Nostalgiereise. 7,5/10 Kronen

Dool - Summerland
In der Hard’n’Heavy-Fachpresse wird mit Superlativen nur so um sich geworfen, wenn es um das zweite Album von Dool geht. Die Rotterdam rekrutieren sich aus der ehemaligen Pop- und Punk-Sängerin Ryanne van Dorst und diversen Musikern der Okkult-Rock-Kultband The Devil’s Blood, die einst ein tragisches Ende fand. Mit dem Debüt „Here Now, There Then“ gelang vor drei Jahren ein veritabler Underground-Erfolg mit der Mischung aus Heavy Metal, Doom, Okkult-Rock und Blue Öyster Cult. Am sinistren Nachfolger „Summerland“ hat man lange gefeilt, weil wohl auch der Band nicht ganz klar war, welchen Weg man einschlagen sollte. In der Gegenwart sind Dool progressiver, balladesker und in allen Bereichen gediegener. Die glasklare Produktion und das filigrane Gitarrenspiel mischen sich mit Ryannes intensiver Stimme. Getragen wird das Ganze vom losen Konzept der Fantasiewelt der Sängerin. In den meist überlangen Songs gibt es zahlreiche Verbeugungen vor den eigenen Idolen und mit „Dust & Shadow“ ist das größte Highlight tatsächlich ans Ende gestellt. Ist das Album nun wirklich ein Meisterwerk oder sträflich überschätzt? Diese Frage kann wohl nur die Zeit beantworten… 8/10 Kronen

The Dream Syndicate - The Universe Inside
In den seligen 80er-Jahren gehörten die heute weithin vergessenen The Dream Syndicate kurz zum „heißesten Scheiß“ des Rock-Business. Mit ihrer herausfordernden Mischung aus Velvet Underground, Neil Young, CCR und diversen Jazz-Größen revolutionierten der auch als Solokünstler bekannte Steve Wynn und Co. die Szene. Das 84er-Werk „The Medicine Show“ genießt noch heute Kultstatus und Touren mit R.E.M. und U2 folgten. 1989 war bei den stets emotionalen Mitgliedern endgültig Schluss seit der Reunion 2012 fristet man ein gemütliches Dasein in Insiderkreisen. „The Universe Inside“ ist schon das dritte Album seit der Wiedervereinigung und fordert mit fünf überlangen Kompositionen zwischen Art-Rock, Lounge-Jazz und Space-Psychedelik wieder ordentlich heraus. Gleich einmal mit einem 20-minütigen Jam („Regulator“) in ein Album zu starten ist gleichermaßen Wahnsinn wie Genialität. Im Endeffekt treffen hier Miles Davis, Soft Machine und Roxy Music aufeinander. Ein Kleinod für die wirklich offenen Geister. 7,5/10 Kronen

Gaytheist - How Long Have I Been On Fire?
In Portland versteht man was von Musik, das ist allgemein bekannt. Die hierzulande fast gänzlich unbekannten Gaytheist veröffentlichen mit „How Long Have I Been On Fire?“ bereits ihr fünftes Album und klingen ungemein frisch, unverbraucht und vor allem mutig. Mit einer herrlichen Respektlosigkeit vermischt das Trio, das sich auf Promobildern schon mal mit einem brennenden Kinderwagen inszeniert, Thin-Lizzy-Riffs mit Sludge-Salven, Punk-Energie und mutigen Pop-Zitaten. Irgendwo zwischen Metal, Hardcore, Punk und Rock finden die Westküstler ihre musikalische Heimat und fürchten sich nicht davor, so grundgegensätzliches wie Mastodon und Black Flag zu einem großen musikalischen Wulst zu vermengen. In gleich 13, meist recht kurzen, Songs pflegt man die anarchische Grundhaltung hochzuhalten und überzeugt mit einer schieren Ungreifbarkeit. Und wer Songs wie „Hashbrownblessed“, „Hornsoggled“ oder „It’s Reigning Men“ benennt, der hat sowieso einen positiven Vogel. Schön verquer, schön überraschend. 7,5/10 Kronen

Inwards - Bright Serpent
Worcestershire kennt man gemeinhin aus zwei Gründen: erstens, weil von dort die berühmte Worcestershiresauce stammt. Zweitens, weil es höchstwahrscheinlich von zehn Befragten elf falsch aussprechen würde. In der Grafschaft westlich von London tummelt sich seit geraumer Zeit aber auch Kristian Shelley, der sich am liebsten in seinem Studio verbarrikadiert und dort Tag und Nach an elektronischen Beats bastelt. Unter dem Namen Inwards hat er sich in der Szene schon länger einen Namen gemacht und schießt mit „Bright Serpent“ jetzt gleich einmal den dritten Rundling in drei Jahren in den Orbit. Für Freunde der entspannten und zurückgelehnten Klänge könnte das Teil zum perfekten Soundtrack für das zwangsverordnete Balkonsitzen werden. Die zehn Songs zielen jedenfalls nicht auf Party ab, sondern vermitteln ein wärmendes Gefühl, das perfekt zum Frühlingsbeginn passt. Am Ende hat man fast vergessen, dass man diesem Album überhaupt Konzentration geschenkt hat, was für den experimentierfreudigen Klangkünstler fast als großes Kompliment dienen könnte. 7/10 Kronen

Pokey LaFarge - Rock Bottom Rhapsody
Was passiert, wenn man vom beschaulichen St. Louis in die Musikmetropole Los Angeles zieht? Im besten Fall durchfährt einen eine ungeahnte Kreativität und man blüht auf, im schlechtesten Fall wird man vom Schmelztiegel besiegt und in seinen Einzelteilen wieder ausgespuckt. So ähnlich ging es dem erfolgreichen Country/Western Swing-Musiker Pokey LaFarge, der diesen Tapetenwechsel vor zwei Jahren vollzog und dabei ungewohnt hart zu Strampeln hatte. „Rock Bottom Rhapsody“ ist somit nichts anderes als eine wehmütige Analyse einer schwierigen persönlichen Umstellungsphase und dokumentiert in Songs wie „Fuck Me Up“, „Fallen Angel“ oder „Lost In The Crowd“ relativ unmissverständlich, gegen welche Dämonen der 36-Jährige anzukämpfen hatte. Doch es wäre keine musikalische Erzählung, würde sie nicht mit Hoffnung und einer Art Wiederauferstehung enden. Die Americana- und Southern-Rock-Referenzen geben dem Dargebotenen einen besonders schönen Anstrich. Ein Glück, dass sich LaFarge hier musikalisch nicht zu sehr im Selbstmitleid suhlt. 6,5/10 Kronen

Laurie - Scientist Of Man
Musikkenner wissen - Polkov war eine der interessantesten, intensivsten und eindringlichsten Bands der heimischen Popmusikszene. Wohl auch gerade deshalb gelang niemals ein wirklich großer Durchbruch. Nach künstlerischen Verwerfungen und Unklarheiten haben sich die Mitglieder mittlerweile weit zerstreut, Frontmann und Bandkopf Laurenz Jandl etwa hat die letzte Zeit genutzt, um sich als Laurie selbstständig zu machen. Sein dazugehöriges Debütwerk „Scientist Of Man“ ist dazu gleich einmal ein hervorstechendes Statement für kreative Emanzipation und Verbeugung vor den großen Helden. Ein bisschen weniger Dreck als Kurt Vile, etwas mehr Gegenwärtigkeit als Tom Petty, etwas weniger Kopfkino als Wilco - irgendwo in dieser Grobverordnung kann man die meist sehr basisch reduzierten und nur selten auftrabenden Songs („Everything Must Go“ etwa) verorten. Aufgenommen in der steirischen Pop-Metropole Judendorf (Opus sind dort daheim, auch Falco war einst auf Studiobesuch) erklängt hier ein junger Mann mit alter Seele, der alles live aufnahm und dabei nicht nach Perfektion suchte. Wunderbar zum Träumen und Schwelgen. 8/10 Kronen

Hamilton Leithauser - The Loves Of Your Life
Wer erinnert sich noch an The Walkmen? Eine der spannendsten, innovativsten aber wohl auch unbeachtetsten Indierock-Bands aus den USA. Frontmann Hamilton Leithauser hat sich längst davon emanzipiert und legt mit „The Loves Of Your Life“ bereits sein drittes Solowerk vor. Dafür hat er bei der Werbeschiene im Vorfeld ordentlich auf Name-Dropping gesetzt und u.a. Ethan Hawke und Maggie Rogers dafür gewinnen können. Frei nach dem immergültigen Motto „große Namen schaden nie“ sollte das die Aufmerksamkeitsspirale aktiv verstärken. In erster Linie ist der 41-jährige Multiinstrumentalist ein begnadeter Alltagsbeobachter und Geschichtenerzähler. Zwischen sanftem Rock, Do-Wop, Soul und Rock’n’Roll berichtet er über das Nichterwachsenwerden, Abhängigkeiten und Unsicherheiten im Leben. Mal aus dem eigenen Fundus, mal geschickt beobachtet oder von nahestehenden Personen erzählt bekommen. So eigenständig und ausdrucksstark klang Leithauser solo noch nie. Temporäres Mitleiden ist unvermeidlich. 8/10 Kronen

Laura Marling - Song For Our Daughter
Sehr früh wurde Laura Marling vor gut zwölf Jahren ins Musikbusiness katapultiert, mit Grammy-Nominierungen und Brit-Awards bedacht und als Heilsbringerin der britischen Neo-Folk-Szene bezeichnet. Über all die Jahre hinweg hat sich die smarte Britin nicht nur mit ihrem Projekt Lump (Album folgt auch in Bälde) emanzipiert, sondern auch versucht sich aus den ihr zugeschriebenen Dogmen zu befreien. „Song For Our Daughter“ kommt jetzt ganz unerwartet und plötzlich, soll den Hörern als Geschenk in der Coronakrise dienen. Während andere Künstler aus marketingtechnischen Gründen ihre Releases verschieben, geht Marling den umgekehrten Weg und berührt mit den persönlichsten, intensivsten und teilweise traurigsten Songs ihres Lebens. Zwischen Beatles-Referenzen, Orchestrierungen und zurückgelehntem Pop gibt es alles, was die Singer/Songwriter-Schule so hergibt. Ein famoses Werk. 9/10 Kronen

Metal Church - From The Vault
Einmal quer durch den üppigen Karrieregarten laden die US-Heavy-Metal-Giganten Metal Church, die in ihren Glanzzeiten - ja, das stimmt wirklich! - fast den Status von Metallica erreicht hätten. Lars Ulrich probte sogar mit den Kaliforniern, bevor er mit Hetfield die größte Metalband der Welt gründete. Metal Church selbst scheiterten an Personalwechseln und schlechten Businessentscheidungen, sind aber im Vorpensionsalter und mit dem alten Sänger Mike Howe nun wieder kräftig unterwegs. „From The Vault“ ist eine schöne Zusammenfassung der alten Howe-Jahre (1988-1995) und beinhaltet neben vielen unveröffentlichten Songs und mehr oder weniger amtlichen Cover-Versionen auch vier brandneue Songs, die von der Sägestimme veredelt wurden. Für Komplettisten und Fans natürlich ein Pflichttermin, Einsteiger sollten aber lieber zu den Kultalben greifen. Definitiv nichts Essenzielles, am Heavy-Metal-Firmament. Ohne Bewertung

Midwife - Forever
Nichts wiegt schwerer als der Schmerz des Verlustes. Das weiß jeder, der selbst einmal mit diesem lähmenden Gefühl konfrontiert wurde. Madeline Johnston aka Midwife hat vor einigen Jahren gleich zwei Eckpfeiler ihres Lebens verloren. Zuerst nach einem Brand und dem Ende staatlicher Unterstützung ihren Platz in einer autarken Kreativschmiede zuhause in Denver, ein knappes Jahr später (2018) ihren Freund und Lebensmenschen Colin Ward - plötzlich und ohne Vorahnung. Die Songs auf ihrem zweiten Album „Forever“, dem melancholisch-traurigen Abgesang auf Colin, hat sie folgerichtig als „Heaven Metal“ tituliert. Monotonie, diffuse Drum-Patterns, repetitive Gitarren im Drone-Modus und Johnston zerbrechliches, vor Schmerz zerfließendes Stimmorgan prägen die langen und ruhigen Songs, die deprimierend und düster wie Frühlingsregen auf den Hörer einprasseln. Purer Schmerz in Klang gegossen. Harter, intensiver Tobak. 7/10 Kronen

Augustus Muller - Machine Learning Experiments
Kann man Sex in der Musik darstellen? Ein hehres Unterfangen, fürwahr, aber wenn jemand nahe dran ist, dann Augustus Muller vom famosen Massachusetts-Electroduo Boy Harsher. Der Klangtüftler hat sich erstmals in seiner Karriere aufs Filmterrain begeben und unter dem Banner „Machine Learning Experiments“ den Score für gleich zwei Kurzfilme geliefert. Einerseits für die Sci-Fi-Fabel „Hydra“, die sich um Invasion und Konsum dreht, andererseits für „Orgone Theory“, indem auf engstem Raum in einer Metallbox sexuelle Szenarien wiedergegeben werden. Die auf Erwachsenenproduktion spezialisierten Briten von Four Chambers haben visualisiert, was Muller zwischen Minimal und DAF-Verbeugung in Ton gegossen hat. Das ergibt neuneinhalb feine Clubsound-Kapitel, die uns gedanklich in eine verführerische Welt entführen, die wir derzeit so vermissen: jene des zügellosen Nachtlebens. Ohne Bewertung

Nightwish - Human II Nature
Im Metalbusiness ist manchmal noch das große Budget daheim. Für die neue Nightwish-Scheibe „Human II Nature“ wurden Journalisten zwischen Finnland und Deutschland quergeflogen, die Sicherheitsvorkehrungen für den Vorab-Stream waren so streng wie sonst für Alben von Kalibern einer Lady Gaga oder Katy Perry. Aber warum auch nicht, gelten die Symphonic-Metal-Legenden doch immer noch als eine der beliebtesten und kommerziell erfolgreichsten Bands des gesamten Genres. Für ihr insgesamt elftes Album und das erste seit gut fünf Jahren haben Mastermind Tuomas Holopainen aber auch keine Kosten und Mühen gescheut. Ohne vorherige Planung entstand ein Doppelalbum, das sich konzeptionell um die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur dreht und dabei über die 80-Minuten-Marke hinausreicht. Neun „menschliche“ Stücke, gesungen von Floor Jansen und Marko Hietala und ein halbstündiger instrumentaler Song, der in acht Unterkapitel verzweigt wurde. Opulenz wird hier neu geschrieben. So viel Kitsch und Pathos muss man aber auch erst einmal verkraften. 7/10 Kronen

Roedelius - Wahre Liebe
Der gebürtige Berliner Hans-Joachim Roedelius war schon immer so bunt und unfassbar wie ein in den Himmel schwebendes Lampion. Mit Cluster und Harmonia prägte er in den 70er-Jahren die experimentelle Elektronik und den Krautrock, er kooperierte mit Brian Eno, arbeitete als Heilmasseur und überstand Nazi-Zeit und Stasi-Spionage. Mit seiner Familie hat er seit vielen Jahren im niederösterreichischen Baden seine Wahlheimat gefunden und arbeitet beharrlich über das normale Pensionsalter hinaus weiter. „Wahre Liebe“ ist das brandneue Klangkonglomerat, dass der immerjunge Arrangeur mit Original-Equipment aus den 70er-Jahren, einer Farfisa-Orgel und diversen anderen Gerätschaften gebraut hat. Wie gewohnt sehr zurückgelehnt, entspannt und fast schon meditativ. Das fast 15-minütige Abschlussstück „Aus weiter Ferne“ beinhaltet eigentlich alles, was man im Grobkosmos über Roedelius anno 2020 wissen muss. 6,5/10 Kronen

Ben Saber - Jolie/Hops gegangen EP
Man kann die Marketingstrategien größere Labels heutzutage durchaus hinterfragen. Zwei Songs rechtfertigen eine EP? War das früher doch noch nicht einmal eine akkurate Single. Egal. Mit Ben Saber konnten sich Sony Music eines der heißesten einheimischen Eisen sichern, schließlich hat man ihn durch die Single „Solidé“ schon vor knapp zwei Jahren als „Rising Star“ beobachtet. Der Wiener mit tunesischen Wurzeln hat seither akribisch an seinen Fertigkeiten gefeilt und präsentiert mit „Jolie“ und „Hops gegangen“ nun zwei weitere Songs, die ihn und sein selbstkreiertes Genre „Soul-Hip-Hop“ möglichst eindeutig widergeben sollten. Dancehall und Reggaeton haben natürlich auch Platz im bunten Treiben, auch wenn die Hose bei weitem nicht so dick ist wie bei RAF Camora. Der Afrobeat mit internationalem Flair macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Ohne Bewertung

Joe Satriani - Shapeshifting
Es mutet manchmal schon etwas befremdlich an, wenn sich bestimmte Musiker aus reinen Instrumentalqualitäten eine veritable Karriere erarbeiten können. Joe Satriani legt mit „Shapeshifting“ sein bereits 18. Album vor, indem es im Prinzip nur um seine ausufernden Fähigkeiten auf der Gitarre geht. Von Gesang keine Spur, sehr wohl aber von Emotion. Denn wer glaubt, es handle sich hier nur um reines Gefrickelt ohne Herz und Seele, der wird schon nach den ersten Tracks eines Besseren belehrt. Während sich andere in ihren eigenen Bestleistungen suhlen, stehen beim New Yorker stehts die Melodie und die Songdienlichkeit im Vordergrund. Sprich: kein Solo der Welt kann so wichtig sein wie ein knackiger Rhythmus. Im Gegensatz zum direkten Vorgänger verlässt der Meister auch die ausgetretenen Rock’n’Roll-Pfade, um versatiler vorzugehen. „Shapeshifting“ hat gleichermaßen 70er-, 80er- und 90er-Referenzen, lässt Platz für Piano und Mandolinen und stellt die Gitarre auch mal zurück. Sehr kurzweilig. 6,5/10 Kronen

The Sleep Eazys - Eays To Buy, Hard To Sell
Die Geschichte des großen und in der internationalen Wahrnehmung doch so kleinen Danny Gatton ist viel zu selten erzählt. Vielen galt er als größter Gitarrist der Welt, ohne jemals Mainstreamsphären erreicht zu habe. 1994 nahm er sich unter schweren Depressionen noch vor seinem 50. Geburtstag das Leben. Den New Yorker Gitarrenwunderwuzzi Joe Bonamassa hat er damals schon persönlich kennengelernt. Ein Vierteljahrhundert später ist Bonamassa einer der prägendsten Gitarristen der Gegenwart und huldigt nun seinem großen und verkannten Idol mit einem ganz neuen Projekt. Unter dem Banner The Sleep Eazys spielt er mit seiner Live-Band auch Klassiker von Größen wie Frank Sinatra oder King Curtis und bleibt dabei ausschließlich in instrumentalen Gefilden verhaften. Mehr denn je wagt sich der New Yorker in Jazz- und Swing-Sphären, behält auf dem rein instrumentalen Werk aber stets seinen Signature-Sound bei. Ein weiteres Beweisstück für seine musikalische Vielseitigkeit und ein sehr würdiges Tribut an einen ganz Großen. 7,5/10 Kronen

Sparta - Trust The River
Gewiss gibt es bessere Zeitpunkte für ein Comeback nach ewiger Abwesenheit, als im Herzen der Coronakrise. Aber das Schicksal lässt sich weder planen, noch verhindern, also muss Sparta-Mastermind Jim Ward das Beste aus der aktuellen Situation herausholen. Auch wenn er sein 2001 gegründetes Lebensprojekt schon zweimal stoppte, ist er schwer darauf erpicht „Trust The River“ nicht als Comebackalbum zu bezeichnen - auch wenn der direkte Vorgänger „Threes“ unglaubliche 14 Jahre auf dem Buckel hat. In der Gegenwart ist das „Abkapsel-Projekt“ seines einstigen Hauptarbeitgebers At The Drive-In noch viel weiter von ebenjenen entfernt, denn je zuvor. Anstatt sich ganz dem Post-Hardcore zu verschreiben, schlägt „Trust The River“ reduziertere, versöhnlichere Töne an. Eine gewisse Grundmelancholie durchzieht die zehn Songs fast kollektiv, kompromisslose Alternative-Ausritte wie auf „Graveyard Luck“ kommen seltener vor als man glaubt. Die Gitarren braten aber trotzdem immer noch (ver)quer, also alles gut! 7/10 Kronen

Three For Silver - Red Moon
So einfach ist es heutzutage nicht mehr, mit etwas Originärem ums Eck zu kommen. Mit Musik, die sich wirklich vom Gros des Mitbewerbs abhebt und dennoch so massentauglich ist, dass sie nicht ausschließlich nur für besonders verschrobene Seelen exerziert werden muss. Aus dem US-Alternative-Hotspot Portland strömt seit acht Jahren eine Band namens Three For Silver aus, um genau diesen Grundsätzen zu entsprechen. Hier lauscht mit diabolischen Folk-Landschaften, weltoffenen Balkan-Sounds, gespenstischen Elektronik-Einflüssen und doomigen Sumpfdeltasounds gleichermaßen und ist nach drei, vier Liedern noch nicht einmal mehr überrascht darüber, dass diese krude anmutende Mischung irgendwie doch einen gewissen Sinn ergibt. Three For Silver klingen so, als ob sich die Tiger Lillies, Hayseed Dixie und Shantel zum heftigen Umtrunk treffen, um über ein King-Dude-Konzert in Mississippi zu referieren. Ganz schräg, aber hochinteressant. 6,5/10 Kronen

Watkins Family Hour - Brother Sister
Die Watkins Family Hour ist an und für sich ein Kollektiv aus talentierten und motivierten Country-, Folk- und Bluegrassmusikern aus Los Angeles und drumherum, die seit knapp 20 Jahren im Dienste der handgemachten Musik stehen und dabei vor allem auf eine erkleckliche Anzahl an Livekonzerten kommen. Für - Nomen est Omen - „Brother Sister“ haben die beiden führenden Köpfe Sara und Sean Watkins aber einmal auf ihre Mitstreiter verzichtet und sich auf die reine Kraft der Familie verlassen. So saßen sie sich im Studio gegenüber, Mikro an Mikro, Instrument an Instrument, und haben die Songs gemeinsam und ohne Einflüsse von außen eingesungen. Die musikalische und lyrische Magie eines Geschwisterduos sollte eingefangen werden - das gelang durchaus famos. Banjo, Fiddle und uramerikanische Roots-Musik muss man dafür schon mögen, sonst sollte man lieber gleich die Finger davonlassen. 7/10 Kronen

Wolfheart - Wolves Of Karelia
Als „Winter-Metaller“ werden Wolfheart gemeinhin bezeichnet. Ob das von ihnen selbst kommt oder so kredenzt wurde, bleibt diffus. Jedenfalls trifft es auf den Sound der Mannen rund um Tuomas Saukkonen zu. Im Land der 1000 Seen, wo harter Metal auch gerne mal die Mainstream-Charts erobert, lässt es sich natürlich auch ungezwungener und befreiter aufspielen. Der Workaholic, der auch in x anderen Projekten steckt, hat mit „Wolves Of Karelia“ eine atmosphärisch dichte Melodic-Death-Metal-Platte gezimmert, deren brachiale Durchschlagskraft sich wunderbar mit ergreifenden Melodien paart und somit auch für jene Geister genießbar ist, die aufgrund der melodischen Schönheit über die harschen Growl-Vocals hinwegsehen können. Das Rad erfindet das muskulöse Kollektiv mit diesem Album nicht, aber wer sich die finnische Geschichte in etwas ruppigerer Form näherbringen lassen möchte, der sollte einen Hörversuch wagen. 7,5/10 Kronen

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Montag, 25. Mai 2020
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