16.03.2020 13:00 |

Interview

„Jede Katastrophe hat zwei Seiten“

Mit ihrem Flugunternehmen InterSky stieg Renate Moser in luftige Höhen auf. Bis es dann 2015 zum Absturz kam. Der Konkurs zwang Moser aber nur kurzfristig in die Knie. Heute steht sie wieder ihre Frau.

Was ist das erste Bild in Ihrem Leben, das Ihnen noch präsent ist?

Ich war ein Kriegskind aus Wien. Mein erster bleibender Eindruck ist der Luftschutzkeller. Ich hab das wunderschön gefunden. Wenn alle bei Sirenengeheul in den Keller hinuntergestiegen sind, haben sie mir immer etwas zum Naschen mitgebracht. Ich war ihre kleine Prinzessin und bin dann glücklich auf mindestens zwei Menschen eingeschlafen. „Fliegeralarm“ war eines meiner ersten Wörter. Für mich als dreijähriges Mädchen war der Luftschutzkeller herrlich, so tragisch es in Wirklichkeit war.

Erinnern Sie sich an eine Kränkung aus Kindertagen? Wie sind Sie damit umgegangen?

Ja, es gibt eine sehr große Kränkung, die ich bis heute nicht verwunden habe. In den ersten drei Volksschuljahren hatte ich eine Lehrerin, die ich über alles geliebt habe. Und sie mich. Sie wurde schwanger. Dann habe ich in der vierten Klasse eine Lehrerin bekommen, eine ältere, verbissene Dame, die mich gehasst hat. Sie hat alles daran gesetzt, mir den Weg ins Gymnasium zu versperren. Sie hat mich seelisch fast zerbrochen. Ich war ja immer das Sonnscheinchen oder der Gassenengel, für die, die mich nicht gekannt haben. Sie hat mir die Zukunft richtig versaut und mutwillig Dreier ins Zeugnis gesetzt. Mir blieb nichts anderes übrig, als in die Hauptschule zu gehen.

In jedem Leben gibt es Wege und Irrwege. Haben Sie einen Weg in Erinnerung, der sich später als Irrweg herausgestellt hat?

Ich war Pressesprecherin von Philips Österreich und hatte dort eine großartige Zeit. Der Vorstandschef, der mich in diese Position gesetzt hatte, ist leider sehr schnell verstorben. Der Nachfolger sagte: „Eine Frau in der Position in einem Weltkonzern? Kommt überhaupt nicht in Frage.“ So hat man damals noch gedacht. Ich antwortete vorlaut: „Okay, wenn Sie mir einen tollen Mann vorsetzen, der mehr weiß und kann, habe ich gar kein Problem.“ Er hat mich dann Stroh zu Gold spinnen lassen, damit ich von selber gehe. Das habe ich aber nicht gemacht. Eines Samstags lese ich eine große Anzeige: „Communications-Manager“ gesucht. Die Anzeige war chiffriert, also wusste ich nicht, um welche Branche es sich handelte. Ich habe mich beworben und alle Stress-Tests bestanden. Schließlich hieß es: „Wir haben uns für Sie entschieden. Wir sind der Flughafen Wien.“ Sie haben doppelt so viel bezahlt wie Philips. Natürlich habe ich den Job angenommen, aber es war eine Katastrophe. Zwar haben mich die Leute an der Führungsspitze akzeptiert, aber die Mitarbeiter ganz und gar nicht. Die hatten nämlich einen Chef, bei dem sie 20 Jahre lang nichts tun mussten. Und so begann das Mobbing. Für mich war das die Hölle. Nach zwei Jahren habe ich aufgegeben. So absurd es klingt, diese Katastrophe hat aber auch gleichzeitig mein Lebensglück begründet. Ich habe ein Projekt für den Zeitungsverleger Hans Dichand realisieren dürfen, und dadurch habe ich Brigitte Seewald kennengelernt, viele Jahre später dann Rolf ... Eine Katastrophe hat immer zwei Seiten.

Gibt es eine Situation, eine dunkle Stunde, in der Sie sich tief verlassen fühlten?

Das war vor genau einem Jahr, als das Konkursverfahren über Intersky erledigt war und ich endlich das letzte Flugzeug verkauft hatte. Da bin ich in ein tiefes Loch gefallen und habe allein nicht mehr herausgefunden. Ich bin zwei Monate nur gelegen und hab das Gefühl gehabt, ich schaffe das nicht mehr. Und genau in dem Moment sagte Rolf, dem es ja auch sehr schlecht ging, einmal etwas Falsches zu mir. Da war für mich die Welt kaputt. Das war so einschneidend, dass ich gesagt habe: So kannst du nicht mehr weiterleben. Ich wollte tatsächlich alles hinter mir lassen, mich von allem trennen, was mir bislang lieb und teuer war. Ich wollte irgendwo ganz neu anfangen. Das war das erste Mal, dass ich in meinem Leben psychologische Hilfe benötigte. Zum Glück habe ich sie angenommen.

Was würden Sie einem Menschen raten, der das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels nicht mehr sieht?

Ich würde die Hand ausstrecken. Ich würde nichts sagen und schon gar nichts raten, weil man in so einem Moment mit Worten nicht überzeugen kann. Es bringt gar nichts, wenn man sagt, Tiefschläge hat jeder einmal erlebt. Das sind Gemeinplätze, die man am wenigsten hören kann. Nein, ich würde die Hand ausstrecken und ganz sachte beginnen, auf kleine Lichtpünktchen zu zeigen. Schau mal, dieser Sonnenstrahl. Heute ... Jetzt ... Schön. Oder: Schau, das kleine Kätzchen. Es ist gerade auf deinen Schoß gesprungen. Mit großen Dingen ist da nichts zu machen, das ist meine tiefe Überzeugung. Mit unscheinbaren Dingen kann man einem Menschen wieder Mut geben. So kommen die kleinen Lichtpunkte am Ende des Tunnels wieder zusammen, und es wird wieder heller.

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„Eine Frau in der Position in einem Weltkonzern? Kommt überhaupt nicht in Frage.“ So hat man damals noch gedacht.

Renate Moser

Wofür haben Sie sich in Ihrem Leben am meisten geschämt?

Das war der Konkurs der Intersky, wie ich tränenüberströmt vor meinen Mitarbeitern stand und sagen musste, es geht nicht weiter, ich habe es nicht geschafft. Wer in den Konkurs geht, hat Fehler gemacht. Er hat etwas falsch gemacht, und dafür hat er die Verantwortung zu übernehmen. Das Tragische war, dass wir die fixe Zusage eines Investors hatten. Der Termin beim Notar war schon fixiert. Am Vorabend dieses Termins, um 19 Uhr, erhielt ich eine Mail, dass das Investment doch nicht zustandekommt. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Das hat mich mit unglaublich tiefer Scham erfüllt. Sogar unser Sohn sagte: „Wie kannst du mir das antun? Ich war so glücklich bei Intersky.“ Sehen Sie, wir waren eine Familie - mit 150 Leuten. Sie haben zum Glück alle sehr schnell wieder einen wunderbaren Job gekriegt. Aber die Scham ist geblieben.

„Der Schmerz rettet das Leben“, sagt Nietzsche. Wie würden Sie diesen Satz interpretieren?

Der Schmerz gibt dem Leben eine Tiefe und rückt vieles wieder in eine andere Perspektive. Der Schmerz ist erforderlich, damit du wirklich ein Mensch mit Gefühlen bist. Sonst bleibst du oberflächlich. Er hilft, die alten Zöpfe abzuschneiden und das Leben wieder in eine neue Richtung zu lenken. Das ist meine Erfahrung.

Wenn Sie in die Welt blicken, Frau Moser: Was bereitet Ihnen gegenwärtig die größte Sorge?

Das ist die Schere zwischen Arm und Reich. Und diese Schere wird früher oder später eine Völkerwanderung auslösen. Wir können tun und lassen, was wir wollen, aber die unfassbare Gier des Westens und auch der Klimawandel werden eine Völkerwanderung auslösen. Die Menschen in Afrika, in Asien, in Südamerika, die können nicht mehr ewig zuschauen. Sie werden in den Norden gehen. Sie werden übers Meer kommen, und sie werden uns nicht am Leben lassen. Das ist meine traurige, aber absolut tiefe Überzeugung. Und es ist die Abrechnung mit dem Westen, der diese Länder viele hundert Jahre lang ausgebeutet hat.

Mit welchem Bild vor Augen möchten Sie sterben, wenn Sie wählen dürften?

Ich möchte mit den Fotos meiner lachenden, strahlenden Enkelkinder sterben. Ich möchte in das Glück der Kinderaugen sehen, in das Glück, das ich vielleicht auch ein wenig weitergeben konnte. Nichts anderes will ich.

Robert Schneider

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