27.02.2020 06:00 |

Album „Torch // Flame“

Johnossi: Ein Wellental der Kompositions-Gefühle

Die beiden schwedischen Lebensmenschen John Engelbert und Ossi Bonde gehen seit mehr als 15 Jahren durch alle Höhen und Tiefen. Nach einer experimentellen Phase haben sie sich auf ihrem brandneuen Album „Torch // Flame“ wieder ihrer alten Stärken besinnt und in einem feudalen schwedischen Landhaus auf basischere Songs und neue Einflüsse gesetzt. Mehr dazu erzählten uns die beiden im Interview in Berlin.

„Krone“:John, ein letzter Österreich-Aufenthalt ist noch gar nicht so lange her. Du bist 2019 im Juni doch privat extra nach Wien gefahren, um dir Tool live anzusehen? Ist das korrekt?
John Engelbert:
Absolut richtig. Sie haben nur ein paar Festivals und wenige Einzelshows gespielt und solche Bands will ich nicht auf Festivals sehen. Ich war mit ein paar Freunden unterwegs und wir blieben gleich ein paar Tage hier. Das war einfach ein schönes, langes Wochenende. Meine Frau und ich sind auch nach Berlin gefahren, um Lana del Rey zu sehen. Solche Trips machen einfach Spaß.

Eine Art von Fluchtmöglichkeit bietet auch ihr euren Hörern auch mit eurer Musik an. Ist das etwas, worauf ihr stolz seid bzw. was man durchaus als Ziel von euch als Musiker bezeichnen kann?
Engelbert:
Es ist eine Ehre für uns, wenn das so ist. Dann haben wir alles richtig gemacht.
Ossi Bonde: So will ich auch Musik hören. Wenn du den Punkt erreichst, wo deine eigene Musik dem Eskapismus anderer dient, dann hast du wirklich etwas geschafft. Das Gefühl ist fantastisch und uns viel wert.
Engelbert: Es bedeutet, dass die Leute in den Sound einfließen können und ihre Gefühlsebenen in der Musik ausbreiten. Im Endeffekt mögen sie die Musik einfach, so simpel das auch klingt. Wenn du deine Musik nicht teilen wolltest, dann würdest du sie ja erst gar nicht veröffentlichen.
Bonde: Musik dient oft als Backgroundsound, aber wenn jemand sagt, er kann sich richtig damit identifizieren, gehört das zu den größten Komplimenten, die man kriegen kannst. Du berührst jemanden in seinem Herz und seinem Leben. Das muss man erst einmal schaffen.

Wenn wir über Ziele reden - wusstet ihr vor dem Entstehungsprozess von „Torch // Flame“, wohin ihr genau wolltet? Welche Richtung es dieses Mal werden sollte?
Engelbert:
Das ist bei jedem Album anders. Normalerweise kommt die Klarheit im Prozess. Wenn wir ein paar Songs haben, dann wissen wir ungefähr, in welche Richtung das Album sich als Ganzes dreht. Passiert das aber nicht und dauert es zu lang an, wird es problematisch. Du willst nicht am Ende darüber denken, wie der Rahmen des Albums aussehen soll. Hier war er ganz normal im Songwriting-Prozess zu erkennen. Wir hatten dieses Mal eine eher imaginäre Vision des Konzepts, wohingegen zum Beispiel unser Album „Mavericks“ sehr klar war. Da ging es um Eskapismus, ein spirituelles, höheres Selbst. Nun waren wir in einer alten Villa außerhalb Stockholms und haben uns dort für die Aufnahmen eingesperrt. Wir haben alte Fotos angesehen und dann gewusst, das Album sollte eine Art Dokumentation dessen werden, was wir bislang so machten. So Foto-basiert sind wir zuvor nie vorgegangen. Alles, was mit diesem Album zu tun hat, sollte mit diesem September 2019 zu tun haben, in dem wir in der Villa waren. Alles was du hörst und siehst, stammt von dort. Viele Songs haben wir vorher geschrieben, aber der Aufnahmeprozess entstand dort.
Bonde: Der Schreibprozess startete schon ein Jahr davor, denn dafür brauchen wir immer viel Zeit. Wenn wir ins Studio gehen, sollte es keine Zweifel mehr geben, sondern wir wollen direkt loslegen. Aufnehmen ist für uns ein sehr delikater Prozess, weil wir die Songs selbst schon sehr lange kennen und sie dort erstmals wirklich zum Leben erwachen und die Form kriegen, die auch die Welt hören wird.
Engelbert: Der Schreibprozess ist eigentlich meist meine Angelegenheit. Ich spiele Gitarre und stelle die Ideen dann Ossi und Mattias Franzén vor, der auf diesem Album erstmals auch mitschrieb. 90 Prozent werden jedenfalls verworfen und wenn ich drei Stunden herumsitze und spiele, dann bleibt meist das über, was in der fünften Minute von Stunde zwei übrigbleibt. Man muss aufmerksam sein, denn sonst lässt man zu viel über, dass man eigentlich nicht braucht. Es dauert sehr lange, bis die Form passt und ein Song inspiriert dann meist den nächsten. Wenn du merkst, du hast zu viele langsame Songs, dann musst du eben einen Rocker schreiben, aber das erkennst du alles erst am Ende. Man darf nie die Spur verlieren.
Bonde: Die Zeit ist unheimlich wichtig. Allein schon deshalb, um nichts zu überstürzen.

Ihr habt mir schon vor drei Jahren in einem Interview gesagt, dass ihr bewusst immer drei bis vier Jahre pro Album braucht. Es bei euch gar nicht anders möglich wäre.
Bonde:
Es kommt immer darauf an, wie fokussiert du bist. Derzeit sind wir total in der Gegenwart und das ist immer hilfreich. Wenn wir auf Tour sind, sind wir aber voll drinnen und denken nicht an neue Songs. Anders hat es bei uns nie geklappt. Es dauert eben immer länger, wenn man ein Album so kreiert. Wir haben dieses Mal gut eineinhalb Jahre für die Kreativphase gebraucht und in der Zeit versucht, die Ideen zu festigen und zu formen.
Engelbert: Wir wollen das nächste Album etwas schneller machen. Es soll zumindest keine vier Jahre mehr dauern. Man kann sehr lange im Aufnahmeprozess steckenbleiben und dann sofort auf Tour gehen, aber du kommst dann schwer zurück zum Schreiben. Es ist wie beim Surfen. Wenn die guten Wellen kommen, musst du aufs Board. Aber es kommen nicht unendlich viele gute Wellen, du musst dann wieder warten. Ich hoffe, dass wir dieses Mal einfach zwei Wellen auf einmal erwischen. (lacht)

Spezielle Plätze habt ihr schon immer gebraucht. Nicht nur jetzt diese alte Villa am schwedischen Land, vor dem Vorgänger „Blood Jungle“ habt ihr euch in den Tiefen Perus dem Ayahuasca hingegeben.
Engelbert:
Es macht großen Spaß, seine Arbeit an ungewöhnlichen Plätzen zu verrichten. Wir haben trotzdem gewisse Regeln, die wir immer einhalten. Aber wenn wir schon eine gewisse Inspiration verspüren, dann tauchen wir gleich ganz tief darin ein. In der Villa mussten wir mit den Dingen arbeiten, die dort waren. Natürlich haben wir ein Studio reingebaut, aber wir hatten keine Ahnung, wie die Räume klingen würden. Das war Detailarbeit, bis Ossis Drums wirklich gut klangen. Wir mussten auch akzeptieren, dass es gewisse natürliche Grenzen gab, weil die Villa nicht alles zugelassen hat. Ich kann zum Beispiel Monate an einen Gitarrensound verschwenden. Das haben wir bei „Blood Jungle“ so gemacht und das war im Endeffekt furchtbar. Das Album war schon gut, aber der Prozess dorthin war einfach viel zu lang. Wir haben dieses Mal wesentlich schneller gearbeitet. Tom Morello von Rage Against The Machine, der immerhin einer der besten Gitarristen aller Zeiten ist, entschied sich sehr früh, welche Pedale und Verstärker er verwenden würde. Es war vielleicht nicht die ultimativ perfekte Vision seines Sounds, aber er war eigenständig und Morello wurde mit dem leichten Setup zu einem der besten Gitarristen der Welt. Ich bin überzeugt davon, dass niemand auf der Welt in der Lage ist, eine Akustikgitarre mit sechs Saiten mit solchem Feedback durch den Verstärker zu jagen, wie ich das mit Ossi mache. Das ist unsere Eigenständigkeit, die uns zu Johnossi macht.
Bonde: Deshalb ist es so wichtig für uns, alles so zu machen, wie wir es für richtig halten. Das verstehen andere nicht immer, aber es ist für uns essenziell. Wenn du heute eine Party hast und morgen dieselbe mit den gleichen Gästen und dem gleichen DJ, wird es trotzdem nicht zweimal dasselbe sein. Für uns ist es also wichtig, ein Gefühl dafür zu haben, wie wir die Dinge in Angriff nehmen.

Was sagt das Zwischenspiel im Titel „Torch // Flame“ aus. Was wollt ihr mit diesem Werk eigentlich genau sagen?
Engelbert:
Wir wollten, dass das Album gleich heißt wie ein Song. Das hatten wir seit „Mavericks“ nicht mehr. Als wir keinen Titel hatten, haben wir die Songs noch einmal überdacht und überlegt, welche Nummer das Album tragen könnte. Die Wahl fiel dann auf „Torch // Flame“, weil es der poetischste und spirituellste Song ist. Für uns ist die Bedeutung vielseitig und die Leute sollen auch möglichst selbst herausziehen können, was sie für richtig halten. Du hast die Fackel. Das Licht, mit dem du nach neuen Dingen in deinem Leben suchst und das dich immer den nächsten Schritt in deinem Abenteuer gehen lässt. Damit fütterst du dann die Flamme in dir. Sie ist deine Präsenz und dein Leben. Ein heiliges, schönes, aber auch fragiles Licht, das wesentlich basischer ist als die Fackel. Du brauchst im Endeffekt aber beides, um zu existieren - wie bei Yin und Yang. Beides braucht sich, um die Balance zu halten.

Wer von euch ist nun die Fackel und wer die Flame?
Bonde:
Das ist eine gute Frage. Es gibt nicht so viele Unterschiede, was unsere Persönlichkeiten angeht. Wir haben natürlich viele Ähnlichkeiten und zusammen sind wir eben Johnossi. Es hängt immer mit der Situation zusammen, in der wir uns befinden. Das ganze Yin-Yang-Ding durchzieht die Band aber seit den allerersten Tagen. Manchmal ist John die Fackel, manchmal bin ich sie. Das kann sich am nächsten Tag schon wieder komplett drehen, aber das macht die Sache auch so spannend und einzigartig.

Hängt das auch damit zusammen, dass dieses Album ein bisschen die Stärken und markanten Punkte all eurer bisherigen Alben verinnerlicht? Nicht in Form eines Best-Ofs, aber durchaus mit dem Gefühl einer Rückschau.
Engelbert:
Das könnte man schon so sagen. Vom Sound her könnte „Torch // Flame“ auch unser zweites Album sein. In diesem Sinne sind wir wohl etwas zurückgegangen und zudem ist das Album eine Reaktion auf „Blood Jungle“. Wir wollten nicht mehr so einen langen, konfusen Prozess gehen. Es war damals hart, aber wichtig, doch dieses Mal sollte alles viel akkurater gehen und der Kern von Johnossi sollte kompakter gemacht werden. Zudem hat auch Mattias an Songs mitgeschrieben.
Bonde: Die Entwicklung vom Debüt zu diesem Werk kannst du schon klar heraushören. Stillstand war nie eine Option, aber wir müssen auch ehrlich zu uns selbst sein. Ich hoffe, dass die Leute diesen Weg mitgehen, denn für uns gäbe es keine andere Option.

Mattias ist ja schon lange als Pianist und Keyboarder mit euch unterwegs. Habt ihr so viele Jahre gebraucht, um das nötige Vertrauen aufzubauen, ihn auch wirklich selbst Songs mitschreiben zu lassen?
Engelbert:
Nachdem wir „Transitions“ aufgenommen hatten, verstärkte er uns im Live-Segment. Als wir „Blood Jungle“ machten, war er kein Teil des Songwritingprozesses und damals ging es uns auch nicht so gut. Es passte einfach nicht. Das Piano war aber immer ein wichtiger Zusatz für unseren Sound. Auf „Blood Jungle“ hatten wir Drum-Maschinen, andere Verstärker und viele Spielereien, weil wir einen Hip-Hop-Produzenten hatten. Es war einfach eine sehr experimentelle Phase. Dieses Mal wollten wir aber, dass das Piano gleichberechtigt mit Gitarre und Schlagzeug ist, weil das auch live der Fall ist. So konnte Mattias Songfragmente auf dem Piano schreiben, denn wir wissen, dass er ein toller Songwriter ist. Es war schnell klar, dass er Teil des Albums sein würde.
Bonde: Gleich zu Beginn haben wir uns darauf geeinigt, dass er Teil unserer Blase werden würde. Das hat sich ganz natürlich angefühlt, denn er ist auch schon lange bei uns dabei und passt einfach gut in unsere Welt. Viele Songs würden niemals so klingen wie jetzt, wenn wir ihn nicht hätten.
Engelbert: Er hat mir viel Druck von den Schultern genommen. Wir haben sehr klare Rollen in der Band. Ich schreibe die Songs, zeige sie Ossi und wir arrangieren sie dann zusammen. Wenn es etwas zu verbessern gibt, muss das wieder ich machen. Jetzt gibt es aber einen anderen, der diesen Weg auch gehen kann und das ist für mich wirklich eine große Erleichterung. Viele Songs auf „Torch // Flame“ hatten Mattias‘ Grundideen.

Könnt ihr euch nicht vorstellen, dass aus dem angestammten Duo Johnossi über kurz oder lang ein Trio werden wird?
Engelbert:
Vielleicht. Irgendwie sind wir das schon, aber der Name der Band ist eben Johnossi.
Bonde: Es hat schon einen Sinn, warum der Kern der Band so ist wie er ist. Wir wollten immer zusammen Musik machen und es ging immer den gemeinschaftlichen Gedanken. Aber klar - hättest du mich vor 15 Jahren gefragt, ob wir ein Piano in unseren Songs haben möchten, hätte ich dich wahrscheinlich ausgelacht. Die Dinge können sich also sehr wohl verändern. Die Balance heute passt gut wie sie ist, aber Johnossi werden immer Johnossi bleiben. Nicht nur vom Wort her, sondern auch vom tieferen Sinn und der Technik.
Engelbert: So haben wir immer die Option ihn zu feuern, wenn wir Lust dazu haben. (lacht)

Ihr habt vorher erwähnt, „Torch // Flame“ hätte ganz gut euer zweites Album sein können. War die Nostalgie an sich ein wichtiger Teil des Arbeitsprozesses?
Bonde:
Wir sind keine Nostalgieband, aber man tendiert schon manchmal dazu, sich zu überlegen, mit welcher Art von Naivität man früher gearbeitet hat. Anfangs war die Industrie kein Thema und wir haben einfach Musik gemacht, weil wir sie lieben. Ganz ohne deshalb nostalgisch zu werden, war das einfach eine schöne, unbeschwerte Zeit. Wir wollen aber auch ein neues Gefühl haben und Mattias ist ein wichtiger Teil davon. Er hat etwas Neues, Farbenfrohes, Aufregendes in die Band gebracht, das wir in den letzten Jahren vielleicht etwas verloren hatten.

Wie hat sich eure Freundschaft und schlussendlich auch Arbeitsbeziehung über die letzten gut 15 Jahre verändert oder entwickelt?
Engelbert:
Das ist eine schwere Frage. Wir sitzen noch immer hier und reden miteinander, ohne uns an die Gurgel zu gehen. Wir sind gute Freunde und ein wichtiger Grund dafür ist auch, dass wir wissen, wann jeder von uns die Distanz zum anderen braucht. Es ist interessant. Wenn es ein Problem oder eine Diskussion gibt, könnte ich relativ schnell mit meinen Geschwistern zu schreien beginnen. Ich würde aber lieber zwei- oder dreimal darüber nachdenken, bevor ich in Gegenwart von Ossi laut werde. Dafür sind mir Freundschaft und Band zu wichtig.
Bonde: Die Beziehung zwischen uns wäre ohne Band sicher etwas anders, aber wir verbringen wirklich viel Zeit miteinander. Es ist wichtig, die Unterschiede und Marotten zu akzeptieren. Unsere Liebe geht einfach tiefer als man glaubt, es ist wie in einer Familie. Mein Respekt vor John ist so groß, dass ich diese Freundschaft niemals aus Unbedachtheit riskieren würde. Man muss sich das immer vergegenwärtigen, wir sind schließlich wie Brüder.

Live in Wien
Mit ihrem neuen Album „Torch // Flame“ und diversen Klassikern kommen Johnossi am 21. März für eine Österreich-Show ins Wiener Flex. Weitere Infos und Karten für das Konzert erhalten Sie unter www.oeticket.com

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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