21.02.2020 06:52 |

Legende im Interview

Stich: „Unterpremstätten war das Extremste“

Tennis-Legende Michael Stich im krone.at-Interview: Der Wimbledon-Sieger von 1991 sinniert über Dominic Thiems Spieltaktik, dessen „Match“ mit Sascha Zverev, Nick Kyrgios‘ Temperament, legendäre Fights mit Thomas Muster, Extreme in Unterpremstätten, seine Liebe zur Wiener Stadthalle und die dort erlittene fürchterliche Verletzung.

„Ich habe mich schon auf Ihren Anruf gefreut, ich mag den österreichischen Dialekt so gerne.“ Man soll als Journalist am Telefon, zumal in ostösterreichisch ideologisierten Beamten-Stuben, ja schon einmal griesgrämiger begrüßt worden sein als im Büro der Michael-Stich-Stiftung. Für gelernte Wiener fast unverschämt freundlich verbindet die Dame am anderen Ende der Strippe zu Michael Stich, der ebenfalls bestens gelaunt 15 Minuten lang aus dem Nähkästchen plaudert. Der österreichische Slang des Fragenstellers? „Kein Problem, ich habe acht Jahre in Österreich gelebt, das krieg ich hin.“

krone.at: Bei Eurosport-Koryphäe Matthias Stach meinten Sie vor etwa eineinhalb Jahren, dass Sie Probleme hätten, sich ein Tennis-Match in voller Länge anzuschauen, weil Ihnen Kreativität und Spielwitz bei den meisten Spielern fehlten. Trifft das auch auf Dominic Thiem zu? Langweilt er Sie?
Michael Stich: Eine unfaire Einstiegsfrage (lacht). Ich mag Dominic sehr gern. Er hat sich unglaublich entwickelt, hat viel Potenzial, ist ein sehr kompletter Spieler. Auf Rasen muss er wohl noch einen Erfahrungsprozess durchmachen, aber selbst dort spielt er inzwischen richtig gute Matches. Nicolas Massu macht einen tollen Job, auch Günter Bresnik hat das davor gemacht. Ich glaube aber, dass noch Potenzial vorhanden ist, sein Spiel wesentlich variabler zu gestalten. Er sollte meines Erachtens vermeiden, zu oft lange Rallys zu spielen. Deswegen bin ich selbst ja früher regelmäßig ans Netz gelaufen. Man sieht ja auch, dass die „Alten“, vor allem Federer, ihr Spiel angepasst haben und öfter den Weg ans Netz suchen. An der Grundlinie wird’s für sie immer schwieriger. Technisch hat sich Thiem super entwickelt, hinsichtlich Spieltaktik ist aber wohl noch Luft nach oben.

Auch wenn es nicht Ihr Lieblingsthema ist: Wo sehen Sie Thiem im Vergleich zu Zverev, den Thiem bei den Australian Open geschlagen hat? Wer von den beiden hat das größere Potenzial?
Das kann man nicht sagen. Beide sind Weltklasse-Spieler, beide verfolgen eine ähnliche Spielphilosophie - trotz unterschiedlicher körperlicher Voraussetzungen. Zverev verfügt über den besseren Aufschlag, Thiem ist von der Grundlinie aus besser. Der Spielstil von Stefanos Tsitsipas, etwa, ist ja schon wieder ein anderer. Der sucht früher das Risiko. Aber um ehrlich zu sein, bin ich nicht nahe genug an der täglichen Arbeit dran, als dass ich eine klare Analyse tätigen könnte.

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Dominic Thiem sollte vermeiden, zu oft lange Ralleys zu spielen.

Michael Stich

Wo sehen Sie dieser Tage - abgesehen von Kyrgios - echte Typen im Tennis?
Dass bei dieser Frage immer wieder sofort der Name Kyrgios fällt, obwohl die sportlichen Erfolge nicht überragend sind, zeigt ja, dass die Fans auf solche Typen reflektieren. Ich glaube, dass am Ende des Tages zu wenige Emotionen am Platz gezeigt werden. Ich finde es gut, wenn ein Spieler auch einmal den Schläger wirft und nicht immer so tut, als wäre ihm alles egal. Die jetzige Generation versucht ja, das Publikum auf ihre Seite zu bekommen. Aber ich würde gerne mehr Ecken und Kanten sehen - auch außerhalb des Platzes.

Die Instagram-Postings der Spieler reichen Ihnen nicht?
Ich bin kein Instagramer. Aber was dort gepostet wird, sind ja gefilterte Nachrichten, damit alles gut aussieht. Haben Sie schon einmal schlechte Nachrichten auf Instagram vernommen? Aber immer nur die heile Welt zu zeigen, ist halt nicht das reale Leben, und schon gar nicht der Sport.

Dominic Thiem hat sich vor Kurzem von Thomas Muster getrennt, mit dem Sie sich manch legendären Fight geliefert haben. Der durchschnittliche österreichische Tennis-Fan denkt natürlich sofort an die Davis-Cup-Schlacht von 1994 in Unterpremstätten …
Jaja (lacht) …

Keine Sorge, wir werden fairerweise auch noch auf das French-Open-Achtelfinale 1996 zu sprechen kommen.
Alles in Ordnung, ich hatte und habe mit Tom kein Problem, wir mögen und schätzen uns. Das in Unterpremstätten war ein tolles Match, leider mit dem schlechteren Ausgang für mich. Trotz Niederlage möchte ich diese Partie aber nicht missen.

Obwohl die Stimmung in der Halle, wie Sie es einmal genannt haben, eigen war, weil die österreichischen Fans nicht nur Muster anfeuerten, sondern auch versuchten, Sie aus der Konzentration zu reißen?
Unterpremstätten war diesbezüglich das Extremste, das ich erlebt habe - natürlich basierend auf der Rivalität zwischen Österreich und Deutschland. Es war schon heftig. Wenn die eigenen Spieler angefeuert werden, ist das total legitim. Etwas anderes ist es, beim Aufschlag des Gegners reinzurufen, um ihn aus dem Konzept zu bringen. Aber rückblickend betrachtet, war’s auch nicht so schlimm, solch eine Stimmung hat ja den Davis Cup auch ausgemacht. Außerdem war das nicht der Grund, warum ich verloren habe. Thomas war halt um den einen Punkt besser.

Abgearbeitet. Jetzt also French-Open-Achtelfinale 1996. Österreich rechnet mit der Titelverteidigung von Thomas Muster. Und Michael Stich entpuppt sich als Party-Crasher und eliminiert Muster.
Ich habe immer gerne gegen Tom gespielt.

Ihre Head-to-Head-Bilanz gegen ihn ist mit 3:2 ja auch positiv.
Ich glaube, er mochte mein Spiel nicht so, weil ich sehr variabel gespielt habe. Ich kam in diesem Jahr von einer schweren Verletzung zurück, hatte Höhen und Tiefen und ging ohne Erwartungshaltung in die French Open. Mir ist viel gelungen, ich habe gut gespielt. Wenn man also weiß, dass Muster mein Spiel nicht so mochte, ist es auch nicht die große Überraschung, dass ich gegen ihn gewonnen habe - auch wenn er zu diesem Zeitpunkt auf Sand als schier unschlagbar galt.

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Thomas Muster mochte mein variantenreiches Spiel nicht sehr gerne.

Michael Stich

Das Stadthallen-Turnier in Wien zählte zu Ihren Lieblingsturnieren. 1991 gewannen Sie dort als Wimbledon-Sieger. Und Sie kamen zu der vor Wimbledon vereinbarten Gage, obwohl Sie - Wienerisch gesagt - wahrscheinlich auch aufreiben hätten können. Das taten Sie dem damaligen Turnierdirektor Leo Huemer aber nicht an.
Richtig, das war keine Option. Ich habe auch unmittelbar nach meinem Wimbledon-Sieg in Gstaad gespielt, wie ausgemacht. Ich habe stets versucht, Vereinbarungen einzuhalten. Leo Huemer war immer extrem fair und respektvoll mir gegenüber. Das wollte ich im Gegenzug auch sein.

1995 dann die fürchterliche Verletzung in der Wiener Stadthalle. Haben Sie das Video jemals angeschaut?
Natürlich habe ich es irgendwann gesehen, aber ich muss heute noch wegschauen. Und ich erfahre dann auch immer einen Phantomschmerz im Knöchel (lacht).

Haben Sie Folgeschäden davongetragen?
Nein. Ich wurde perfekt operiert und habe keine Probleme.

1991 gewannen Sie Wimbledon. Teilen Sie den Eindruck, dass in Deutschland das größere Thema war, dass Boris Becker das Finale verloren hat, denn dass Sie es gewonnen haben?
Nein. Es war für viele schon eine Überraschung damals, keine Frage. Aber wenn man sich die Titelseiten von damals ansieht, merkt man schon, dass mir Tribut gezollt wurde. Als rein deutsches Finale wurde das Match natürlich hochstilisiert. Aber mir ging es ja nicht um den Sieg gegen Boris. Hätte ich gegen Stefan Edberg gewonnen, wäre der Titel genauso viel wert gewesen.

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Boris Becker und ich sind nie Erzfeinde gewesen.

Michael Stich

Überhaupt sind Becker und Sie ja - anders als manchmal dargestellt - keine Erzfeinde.
Das waren wir nie. Wir waren Konkurrenten im gleichen Job, das hat uns beide zu besseren Tennisspielern gemacht.

Im Vorjahr feierte die Michael-Stich-Stiftung ihr 25-jähriges Jubiläum. Wie läuft der Einsatz für HIV-infizierte Kinder?
Das Thema HIV und AIDS ist noch immer nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gibt nach wie vor viele Vorurteile. Die Medizin ist sehr weit gekommen. Wir können den Erkrankten heute ein wesentlich besseres Leben ermöglichen als noch vor 20 Jahren. Trotzdem sterben immer noch viele Leute daran. Wir wollen die Aufklärungsarbeit vorantreiben, versuchen, Kinder und Jugendliche zu informieren, wie man sich schützen und damit umgehen kann. Aber es liegt noch immer viel Arbeit vor uns.

Im Sommer werden Sie bei Falkensteiner in Zadar, Kroatien, Urlaubsgäste betreuen. Wie das?
Es geht um ein Tenniscamp, so etwas Ähnliches habe ich vor einigen Jahren schon einmal gemacht. Mir macht es Spaß, Menschen die Grundsätze des Tennissports näherzubringen. Ich will erklären, dass Tennis nicht nur mit Kraft, sondern sehr maßgebliche mit Technik funktioniert. Mein Credo als Spieler war: Tennis ist ein Spiel, und das muss gespielt und nicht erarbeitet werden. Dann macht’s auch Spaß.

Wie geht’s Ihnen als HSV-Fan eigentlich dieser Tage? Mit Schaub, Harnik und Hinterseer spielen dort ja drei Österreicher.
Die letzten Jahre waren schwierig. Diese Saison besteht die Möglichkeit, aufzusteigen. Das wäre für den Verein und die ganze Stadt eine tolle Geschichte. Die Österreicher liefern dazu, wie bei jeder Mannschaft, in der Österreicher spielen, wertvolle Beiträge.

Michael Fally
Michael Fally
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