29.07.2010 17:47 |

Zipfelmützen-Streit

Gibt es eigentlich auch GartenzwergINNEN?

Sie werden in den Himmel gehoben und auf der Erde zerstampft, geliebt und gehasst, entstellt und verschönert, entführt und geschützt – kein leichtes Leben für die zig Millionen Gartenzwerge, die die (Klein-)Gärten beherrschen. Leicht haben sie es aber auch aus einem anderen Grund nicht, denn, obwohl eindeutig männlich, gibt es keine oder zumindest keine anerkannte Partnerin am Zwergen-Heiratsmarkt.

Für die einen Kitsch, für die anderen Kunst. Kult sind sie eindeutig, die vielen Gartenzwerge, die – angeblich von Deutschland aus – ihren weltweiten Siegeszug bis hin zum jüngsten „Eroberungsland“ China angetreten haben.

Kult polarisiert, so auch die roten „Zipfelmützenträger“. Erschwerend kommt hinzu, dass es kaum gesicherte Fakten gibt, und so sind in vielen Fragen auch die „Nanologen“ (nano= Zwerg, loge= Wissenschaftler“), also Zwergenwissenschaftler, zwar ratlos, aber nie um eine Meinung verlegen.

Die Wiege der Zipfelmützenträger
Ehe es um die Frage der möglichen Partnerwahl gehen kann, muss man sich mit ihrer Herkunft befassen. Auch diese ist nicht eindeutig geklärt und es gibt gleich mehrere Theorien dazu:

Nikolaus-Begleiter: Wegen des Bartes und der Zipfelmütze sollen sie Begleiter und Helfer des heiligen Nikolaus gewesen sein.

Ursprung Sklaverei in Kreta: Nanologen wehren sich entschieden gegen die „Nikolaus-Theorie“ und vermuten die Vorfahren der Gartenzwerge auf Kreta. Zu altgriechischer Zeit sollen kleinwüchsige Sklaven in Silberbergwerken gearbeitet haben. Die Figuren sollen ursprünglich magischen Zwecken gedient haben.

Märchen- und Mythenwesen: Die wahrscheinlichste Wiege der heutigen Gartenzwerge geht allerdings auf Märchen und Mythen zurück, wo Zwerge in der Nacht zum Leben erwachen, die Gärten aufräumen („Heinzelmännchen“) und Blumen zum Blühen bringen. In Fabeln sind Zwerge meist Erd- und Naturgeister, die mit geheimem Wissen und handwerklichen Fähigkeiten den Menschen helfen (soll die Elfe eigentlich aber im Großen und Ganzen auch machen und die ist ebenfalls klein und vor allem eines: weiblich).

Die ersten Gartenzwerge waren übrigens nicht dem gemeinen Volk vorbehalten, sondern hochadeliger Abstammung: Bereits ab dem 18. Jahrhundert fertigten kaiserliche Hofmanufakturen Zwerge an. Beispiel hierfür: der „Zwerglgarten“ im Schloss MIrabelle. Allerdings neigten auch schon die damaligen Zwerge zu wenig vornehmen Verwandten – viele Zwergengalerien in Schlössern und Residenzen wurden aufgrund der immer derber werdenden Figuren wieder geschlossen.

Fixiert auf Schneewittchen?
Kennzeichnend für den „Gartenzwerg-Kult“ ist die scheinbare Ernsthaftigkeit, mit der über die verschiedensten Fragen in den vielen Zwergen-Foren und Plattformen so diskutiert wird, als ob die Figuren tatsächlich lebendig wären. Auswüchse dieser Betrachtungsweise mit durchaus gesellschaftskritischem und –philosophischem Hintergrund sind  z.B. die „Front zur Befreiung der Gartenzwerge“ – Gartenzwerge werden aus ihrer spießbürgerlichen Kleingarten-Idylle befreit und wieder im Wald angesiedelt – oder die „Zwergen-Touristik“: Gartenzwerge sehen endlich die große, weite Welt und schicken Ansichtskarten. Letzteres wurde übrigens auch im französischen Film „Die zauberhafte Welt der Amelie“ aufgegriffen.

Umso interessanter ist vor diesem Hintergrund, dass die Welt der Gartenzwerge keine asexuelle, sondern eben eine rein männliche ist, die laut Zwergenmuseen im Wesentlichen von drei Gattungen beherrscht wird: die Urform, dem „Nanus hortorum vulgaris“ (gemeiner oder gewöhnlicher Gartenzwerg) und der Untergruppen: „Nanus viridarii“ (Lustgartenzwerg) sowie „Nanus pomarii“ (Obstgartenzwerg). Vereinzelt treten auch Giftzwerge (Nanus veneus) auf. Und dann gibt es da natürlich noch jede Menge – nicht anerkannte! – Freaks wie den Rocker-Gartenzwerg, den homosexuellen Gartenzwerg, den „Leck mich doch“-Gartenzwerg, den Business-Gartenzwerg und und und.

Eben noch - als keine echte Zwergin - im Umfeld der Gartenzwerge geduldet, ist die Figur des „Schneewittchens“. Klar, die wartet ohnedies auf ihren Prinzen, ist lange Zeit auch ruhig, weil vergiftet, und stellt somit keine Gefahr für die männliche, frauenlose Idylle dar. Und diese, so fürchten renommierte Zwergenforscher, würde durch den Einzug von weiblichen Gartenzwerginnen empfindlich gestört werden. Provokative Versuche, wie etwa die „Domenica“, eine peitschenschwingende Gartenzwergin, sorgten in Deutschland zwar für ein Gerichtsurteil auf Betreiben eines sich dadurch gestört fühlenden Nachbarn (die Zwergin durfte bleiben!) - als „Freak“ wurde sie aber ohnedies nicht anerkannt.

Die Frauenrevolution
Im Jahr 2000 war es dann soweit: „Gräfin Roda“ erschien auf der Bildfläche und sorgte für so manchen heftigen Streit unter den Gartenzwerg-Liebhabern. Hergestellt wurde sie nämlich in bester Gartenzwerg-Tradition von der anerkannten Gartenmanufaktur in Gräfenroda – daher auch der Name. Das Aussehen erinnert an Schneewittchen, 20 Jahre älter und um mindestens ebenso viele Kilos reicher. Gehüllt in ein züchtiges Dirndl (blauer Rock und weiße Schürze) trägt sie jedoch die bislang rein den männlichen Artgenossen vorbehaltene rote Zipfelmütze. „Ein Skandal“ – so die einhellige Meinung unter den traditionellen Zwergenforschern. Auch die „Internationale Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge“ trat auf den Plan und sprach von einer „Schändung der Gartenzwerg-Ehre“ und „es sei unvorstellbar, dass nun auch Frauen mitmischen wollen“. Erhebt sich also die Frage nach den tatsächlichen Wünschen und Ängsten der strikten Gartenzwerginnen-Gegner – und ob sie in traditionell-britischen reinen Männerclubs nicht viel besser aufgehoben wären…

Trotz fehlender Anerkennung erregte Gräfin Roda viel Aufmerksamkeit, und die Verkaufserfolge der Gartenzwergin sind ebenfalls beachtlich. Auf weitere Gartenzwerginnen-Typen müssen die  armen Gartenzwerge aber auch weiterhin warten.

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