16.01.2020 06:00 |

Neues Album „Manic“

Halsey: Persönliche Therapie ohne Heilungsgarantie

„All In“ geht US-Popstar Halsey auf ihrem dritten Album „Manic“. Die 25-Jährige erzählt in 16 Songkapiteln von den zahlreichen Schattenseiten und Verfehlungen ihres Lebens und verpackt diese Geschichten in ein Pop-Korsett, das keine Berührungsängste für anderen Genres zeigt. In gewisser Weise ist es ein schonungsloses Erwachsenwerden, das mit sich selbst hart ins Gericht geht.

Irgendwann kommt bei jedem der Moment der Offenbarung. Der Zeitpunkt, an dem man sich nicht mehr hinter Geschichten versteckt oder allumfassende Themen vorschiebt, sondern in medias res geht. Schonungslos, offen, ehrlich, authentisch. Kein Platz mehr für Plattitüden, keine Zeit für Ausflüchte. Gerade im Maintream-Pop kreist über den Künstlerinnen immer noch das Damoklesschwert des Perfektionismus. Die Haare müssen glänzen, das Outfit bitte schön sehr eng sein und nicht vergessen die Brüste zu betonen. Auf der Bühne soll das Rockerl dann lieber eine Nummer kürzer und der ausladende Tanzschritt ein bisschen grätschender sein. Der Wow-Effekt soll schließlich eher visuell, denn auditiv erzeugt werden. Nicht nur Lady Gaga und Wunderkind Billie Eilish entsagen sich diesen veralteten Dogmen mit Vehemenz, auch Ashley Frangipane hat so absolut gar keine Lust, den obsoleten Mechanismen des Pop-Business Folge zu leisten.

Tragödien sonderzahl
Seit ihrem 17. Lebensjahr ist sie nachgewiesen bipolar, das Elternhaus ist zerrüttet, als Jugendliche treibt sie sich auf der Straße rum, kommt in Kontakt mit Drogensüchtigen und übersteht schlussendlich einen Selbstmordversuch. Als sie 2014 eher zufällig von einem Musikproduzenten entdeckt wird, setzt sie alles auf eine Karte und geht auf Tour. Dieser plötzliche Stress hat eine Fehlgeburt zur Folge, an der sie noch lange zu nagen hat. Doch unter dem Künstlernamen Halsey - ein Anagramm ihres Vornamens Ashley - ist die Amerikanerin längst drauf und dran die Popwelt zu erobern. Schon mit dem 2015er Debüt „Badlands“ erobert sie den US-Markt, zwei Jahre später mit „Hopeless Fountain Kingdom“ die ganze Welt. Währenddessen legt sie sich mit Branchenkolleginnen wie Iggy Azalea und Demi Lovato an, propagiert Feminismus und Suizid-Prävention und unterstützt den linksliberalen Bernie Sanders schlussendlich erfolglos im US-Wahlkampf. Halsey ist die perfekte Blaupause für den modernen weiblichen Popstar. Süßlich, wenn es Sound und Song verlangen. Bitter und kompromisslos, wenn es um Image und Verkörperung geht.

Nun also „Manic“, manisch. Akkurater lässt sich ein Album nicht nennen, das von einer Künstlerin geboren wird, deren Lebenslauf schon mit 25 Jahren spannender und tragischer ist, als andere in ihrer kompletten Existenz. Abrücken von fantasievollen Geschichten und erfundenen Erzählungen war die Devise. Raum schaffen für einen beinharten Seelenstriptease, der sich kompromisslos mit den Schattenseiten einer Person befasst, deren Ruhm und Glanz nicht über die vielen Narben auf der Seele hinwegtäuschen kann. Jedes einzelne der 16 Songkapitel soll eine bestimmte Lebensphase aus der Vergangenheit widergeben. Nostalgie ohne Verklärung. Schon lange klang keine vertonte Autobiografie mehr so roh und unmissverständlich. Für Halsey ist „Manic“ ein therapeutischer Schritt in ein besseres Leben, doch der Heilungsprozess ist damit maximal eingeleitet. Auch wenn viele Songs in ein zuckerhaltiges Pop-Korsett geschnürt sind, stechen Schmerz und Leid der eigenen Erfahrungen stets durch.

Neuorientierung
Die bekannten Electropop-Pfade verlässt Halsey für „Manic“. So wie sie sich inhaltlich völlig neu orientiert, macht sie das auch musikalisch. In der Realität heißt das, dass sie genau dort wildert, wo sie die größten Inspirationen für ihr eigenes Tun bekommt. Country-Anflüge bei „You Should Be Sad“, wo sie schonungslos mit Ex-Freund G-Eazy abrechnet, Rock-Einflüsse bei „3AM“ oder sanftmütige Soundreferenzen im eindrucksvollen „Finally // Beautiful Stranger“. „Das Album ist eben manisch“, gab sie nach den ersten Single-Veröffentlichungen bekannt, „es hat von allen ein bisschen. Es war wirklich so: Scheißegal, was ich eigentlich machen wollte, warum sollte ich es nicht einfach versuchen?“ Diese radikale Kompromisslosigkeit steht Halseys buntem Album sehr gut zu Gesicht. Nie zuvor haben sich Verletzlichkeit und daraus resultierende Stärke so kongruent vermischt. Der wilde Parforce-Ritt gleicht manchmal einer Theaterbühnentragödie, ohne jemals ins Lächerliche abzudriften.

Halsey kämpft auf „Manic“ um ihren Platz auf dieser Welt. Um das korrekte Wahrgenommenwerden einer grundehrlichen Frau in einem oberflächlichen Business. Rapper Dominic Fike, Suga von den Key-Poppern BTS und die kanadische Rock-Legende Alanis Morissette tauchen als Gäste auf, womit sich Halsey gleich mehrere Kindheits- und Jugendträume erfüllen durfte. Trotz der bunten und stilistisch völlig durchmischten Ausrichtung gerät „Manic“ nicht zum schrägen Panoptikum. In den richtigen Momenten macht die Verletzlichkeit dem Selbstvertrauen Platz, sorgen massentaugliche Pop-Momente für ein versöhnliches Ende. Die angstvollen und düsteren Texte paaren sich mit weichen Melodien. Bei „Killing Boys“ und „I Hate Everybody“ rücken die Rachefantasien schon in bedenkliche Gefilde, doch Halsey weiß es geschickt, Wut und Trauer rechtzeitig abzuhandeln. Mit Leichtfüßigkeit kann ihr Drittwerk nicht dienen, doch als Statement und Anleitung für all die Zurückgelassenen und Missverstandenen ihrer Generation ist „Manic“ eine trostspendende Klangbibel. Jetzt wäre dann langsam auch mal ein Österreich-Livetermin fällig…

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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