21.01.2020 06:00 |

„Krone“-Interview

Darkest Hour: „Die Familie steht an erster Stelle“

Seit mittlerweile 25 Jahren sind Darkest Hour eine Institution im Metalcore und haben sich in all diesen Jahren niemals irgendwelchen Trends angebiedert. Das könnte durchaus das Geheimnis der Langlebigkeit und des Genre-Erfolgs sein. Bevor es an die Arbeit zu einem neuen Studioalbum geht, kommt das Quintett aus Washington für zwei Shows nach Österreich, um das Jubiläum zu feiern. Mit Gitarrist und Gründungsmitglied Mike Schleibaum blicken wir noch einmal auf eine einzigartige Karriere zurück.

„Krone“:Mike, erst letztes Jahr wart ihr in der Wiener Arena mit euren alten Freunden Unearth zu Gast, heuer geht‘s mit einem weiteren starken Paket gleich weiter...
Mike Schleibaum:
Wir sind wirklich gute Freunde und das schon seit vielen Jahren. Es ist jedes Mal schön, wenn man in so einer Konstellation unterwegs sein kann. Wir sind so etwas wie die ältere Version des Metalcore, auch wenn es das Genre schon lange vor uns gab. Wir fielen damals in die große Zeit dieser Szene und Unearth als auch wir sind wohl ein gutes Beispiel für den Höhepunkt des Genres. Etwas mehr Aggression, keine Clean-Vocals, mehr Punk und auch mehr Death Metal. Heuer feiern wir unser 25-jähriges Bestehen, nur auf ein neues Album müsst ihr noch länger warten. Wir werden zuerst unseren Backkatalog durchforsten, neu auflegen und viel live spielen. Wir wollen weiterhin mit unseren Freunden unterwegs sein.

Werdet ihr denn heuer extensiv an einem neuen Album arbeiten?
Wir haben darüber geredet und schreiben die ganze Zeit so dahin, sind immer kreativ. Bis wir aber die passende Richtung finden, wird es wohl noch dauern. Wir jonglieren immer zwischen Kreativität und Livekonzerten und da müssen wir das Verhältnis oft in Ungleichgewicht stellen. Im Endeffekt müssen bei uns immer fünf Leute zum richtigen Zeitpunkt zusammenfinden. Das ist nicht immer so einfach.

Angelehnt an deine vorige Antwort: Viele Metalcore-Bands hassen die Bezeichnung „Metalcore“. Du scheinst damit kein Problem zu haben, obwohl ich euch eher als Melodic-Death-Metal-Band sehe…
Als dieser großer Hype rund ums Millennium losbrach, wollten wir eigentlich nur deshalb raus, weil wir nicht zu dieser Art von „Mainstream Metal“ gehören wollten. Die Bezeichnung hat polarisiert und das tut sie heute noch. Die Leute, die Sepultura, Slayer, Megadeth, Testament oder Exodus hörten, konnten damit überhaupt nichts anfangen. Das machte auch Sinn, denn sie hatten ihre Favoriten und wollten da nichts dazwischenschieben. Heute sind Bands wie wir oder Unearth mehr als 20 Jahre da, haben acht oder neun Alben veröffentlicht, mehrmals die Welt betourt und alle Trends überlebt. Wir sind mittlerweile selbst eine Konstante. Wir haben den Begriff Metalcore lange abgelehnt, aber heute sind wir okay damit. Wenn du eine Mischung aus Hardcore im Stile von Minor Threat, den Gorilla Biscuits oder Seven Seconds mit Metal wie Metallica, Pantera oder Slayer haben willst, sind wir schon die richtige Baustelle für dich. Die Clean-Vocals haben sich erst später etabliert, da waren wir schon mehr eine melodische Death-Metal-Band. Wir waren jahrelang im Vorprogramm von Machine Head unterwegs und wollten lieber als Heavy-Metal-Band gelten. Im Metalcore gab es früher keine Chance zu altern, aber heute spielen wir in Europa größere Shows als je zuvor. Der Begriff ist kein Schimpfwort mehr wie früher.

Was habt ihr denn besser gemacht als andere Bands, dass ihr alle Hypes überlebt habt und auch dem Niedergang des Metalcore rund um das 2010er-Jahr, als es überhaupt nichts mehr Neues und Kreatives gab, entfleuchen konntet?
In erster Linie war die Szene nie wirklich kaputt und du solltest sehr respektvoll sein, was die Arbeit und die Hingabe aller Bands anbelangt. Wir haben konstant Alben veröffentlicht, die ganze Welt gesehen, andere Musiker inspiriert und in gewisser Weise unsere eigene, verrückte Geschichte geschrieben. Solange du dich darauf fokussierst, fällst du nicht in die üblichen Fallen, wie etwa sich ständig mit anderen Bands zu messen, die Seele für das Geld zu verkaufen oder sich Trends zu beugen. Am Wichtigsten war bei uns sicher der Fortschritt. Darauf haben viele andere, mit denen wir gestartet sind, vergessen. Wir haben die Bandmitglieder ausgewechselt, wenn es nötig war und haben auch immer den Sound adaptiert und erweitert. Als der Metalcore dahinsiechte und die alte Thrash-Welle hochkam, ignorierten uns alle Medien, aber wir haben unbeirrt weitergemacht. Allein die letzten beiden Alben von uns sind komplett anders als früher - obwohl uns immer noch Leute attackieren, weil sie meinen, wir würden immer gleich klingen. Wer sind Darkest Hour? Was ist unser Kern? Was wollen wir erschaffen und herausbringen? Das sind die Kernfragen, die man sich stellt, um die richtige Balance zu finden. Das ist ein niemals endender Prozess.

Mittlerweile liegt der letzte Besetzungswechsel immerhin schon sieben Jahre und damit zwei ganze Alben zurück…
Ja, wir sind mittlerweile relativ stabil. Wir haben in knapp 25 Jahren elf Mitglieder ausgetauscht. Das ist jetzt nicht so wenig, aber auch nicht extrem.

Wie wichtig ist denn Freundschaft innerhalb einer Band? Eben das, das über das Musikalische und Kreative hinausgeht?
Ich würde eher sagen, dass wir Geschwister sind und weniger Freunde im herkömmlichen Sinne. Du wählst natürlich deine Bandkollegen, aber sobald sie ein Teil deiner Band und an allen Prozessen beteiligt sind, bist du so verbunden wie mit einer Familie. Selbst wenn Mitglieder gehen oder gehen müssen, bist du mit ihnen in gewisser Weise auf ewig verknüpft. Jeder war ein Teil dieser Geschichte. Das kannst du niemals ändern. Es ist wichtig, dass wir uns mögen und sehr gut miteinander auskommen. Es hat jeder in der Band ein Tattoo, das ihn damit verbindet. Man muss immer positiv bleiben und einfache Regeln befolgen. Etwa niemals mit der Frau oder Freundin eines anderen etwas anfangen. Das klingt witzig, aber die Historie zeigt, dass das oft ein Problem war. Die wichtigste Regel ist stets, ehrlich zu sein. Jeder zu jedem. So wie du zuhause bist, musst du auch in der Band sein. Natürlich standen wir an Weggabelungen, wo wir wichtige Entscheidungen treffen mussten. Aber die Bands, die nicht den Mumm dazu hatten, die gibt es ohnehin nicht mehr.

Eurer Gitarrist Michael Carrigan war letztens gar nicht mit auf Tour, weil er heiratete.
Er hat eigentlich sogar zwei Europatouren verpasst, das ist schon verrückt. Wahrscheinlich glaubt er selbst nicht mehr daran, dass das noch etwas wird. (lacht) Auf der Tour mit Parkway Drive war er zur Hälfte dabei. Die ersten zwei Male lag es an privaten Dingen, die einfach schwierig waren, weil er auch kein sehr zugänglicher Mensch ist. Das letzte Mal auf der Tour mit Unearth war es eigentlich schon ärgerlich. Er wusste von der Tour und hat die Hochzeit auch so geplant, aber dann musste er sie irgendwie umplanen und es war ihm nicht möglich, die ganze Europatour zu machen. Er hat sich selbst großen Druck auferlegt, das irgendwie zu schaffen, aber es war für alle Parteien besser, es dann bleiben zu lassen. Wenn du jemanden magst, mit dem du das halbe Jahr im Van verbringst, gemeinsam auf der Couch schläfst und großartige Songs für ein Album wie „The Eternal Return“ geschrieben hast, dann musst du ihm auch zugestehen, dass die Familie manchmal an erster Stelle steht. Mit Drummer Travis Orbin hatten wir Glück, weil er auch eine andere Band hat, viele Sprachen spricht und einfach ungemein umgänglich ist.

Es ist nicht selbstverständlich, dass man die Familie in diesem Business an die erste Stelle setzt. Da gab es von Bandleadern schon ganz andere Entscheidungen, die dann unweigerlich zu Trennungen führten.
Viele Dinge, die mit Ex-Mitgliedern passiert sind, hätten wir rückblickend wohl besser lösen können. Einer hatte ein kleines Kind und wir hatten nicht die Toleranz, zu akzeptieren, wie sehr er es vermisste. Ein anderer war gerade trocken und wir merkten nicht wie schwer es ihm fiel, bei den Versuchungen auf Tour nicht jede Nacht drei Flaschen Jack Daniels zu vernichten. Wir haben natürlich auch daraus gelernt und wenn du deine Leute auch noch zum 40-jährigen-Jubiläum in der Band haben willst, musst du Opfer bringen und Privatprobleme tolerieren und akzeptieren.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dir 1995, als damals 18-Jähriger, gedacht hast, dass Darkest Hour einmal ein 25-Jahre-Jubiläum feiern würden?
Nicht einmal ansatzweise. Wir fanden diese Band immer genial und hatten viel Spaß. 2004 tourten wir etwa mit dem originalen Line-Up von Black Sabbath, fast mit dem kompletten „Painkiller“-Line-Up von Judas Priest, mit Slayer samt Dave Lombardo, Slipknot, Superjoint Ritual und Hatebreed. Wenn du das erlebst und dann so richtig auf den Geschmack kommst, dann gibt es keine andere Möglichkeit mehr. Wir sind dadurch nur noch tiefer in das Business eingetaucht. Auch, weil wir etwas verrückt sind. Zudem haben wir Glück, dass wir Familien haben, die unseren Weg unterstützten. Wir haben immer unseren Traum verfolgt und hören nicht damit auf. Wir hatten auch nie den Megadurchbruch, der uns voll austicken ließ. Seien wir uns ehrlich - Riesenerfolge sind meist ungesund. Egal für welchen Künstler.

Man muss natürlich auch viele Opfer bringen, um einen solchen Lifestyle über die Jahre hinweg leben zu können.
Die Leute daheim verstehen uns, die Leute in den Bands verstehen das natürlich auch. Geburtstage, Familienfeiern, oft sogar Begräbnisse - du bist dann einfach nicht da. So schön es auch ist, in einer solchen Band zu spielen, das vollständige Fehlen eines herkömmlichen Lebens im Alltag ist oft schon hart. Manchmal ist es wie eine Folter und du musst Wege finden, das Beste daraus zu machen.

Gab es auch mal Zeiten, wo es dir schwerfiel durchzuhalten? Wo du ernsthaft überlegt hast, den Hut bei Darkest Hour draufzuhauen?
Es gab öfters längere Phasen, wo unser Sänger John Henry und ich bewusst versucht haben, uns zu meiden. Er war in Los Angeles, ich in Washington D.C. und es kriselte schon öfters. Wir haben dann einfach lange nicht geredet und das machte die Probleme nur noch schlimmer. Wir haben aber immer durchgehalten und uns auch in Krisenzeiten zusammengerauft. Wir hatten viele Line-Up-Wechsel und hitzige Diskussionen, wo wir denn musikalisch hinwollen, aber am Ende hat der Teamgeist immer gewonnen. Man muss ehrlich zu sich selbst sein, um solche Probleme ausreden zu können. Am Ende sind wir gestärkt aus jeder Krise herausgegangen. Es hat uns noch enger zusammengebracht und somit auch die Band weitergeführt.

Habt ihr jetzt, wo ihr schon mitten in euren 40ern steckt, eine andere Perspektive auf die Band und das Musikbusiness generell?
Oh ja. Da wir das Glück hatten, so viel Zeit mit den wirklich großen Kalibern der Metalszene auf Tour zu verbringen, haben wir einiges gelernt. Etwa, dass es irgendwann wirklich gar nicht mehr um Geld geht, weil ausreichend vorhanden ist und es kein erstrebenswertes Ziel mehr darstellt. Wenn dich die Leute lieben und du kreative Freiheiten hast, hast du eigentlich alles erreicht. Andererseits willst du natürlich ein Ziel erreichen und verbessern. Nimm Metallica. Natürlich konnten sie „Masters Of Puppets“ nicht übertreffen, aber mit dem „Black Album“ ein anderes Meisterwerk erschaffen. Jeder sucht immer noch neuen Herausforderungen, das ist Teil des Musikbusiness. Wichtig ist auch, deine Erwartungen in der Band an jene deiner Bandmitglieder zu knüpfen, ansonsten endet das schnell in einer Katastrophe.

Auch ein Tom Araya oder James Hetfield konnten sich früher nicht vorstellen, dass ihre Band 30 oder gar 40 Jahre alt werden würde.
Es ist auch wirklich nicht so einfach, mit zunehmendem Alter jeden Abend laut, schnell und wild zu spielen. Ich musiziere auch in anderen Projekten, die ganz anders klingen und für mich ist klar, dass es dort leichter ist, länger durchzuhalten. Aber kann ich im Alter von 60 noch headbangen? Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Wer weiß, ob ich überhaupt noch die Haare dafür habe. Ein großes Geschenk dieser Band ist auch, dass sie uns erlaubt, uns immer jung zu fühlen. Die Fans geben uns so viel Energie, die direkt in uns einfließt. Wenn du diesen Erfolg und das Level aufrechterhalten willst, dann ist so ein Zuspruch ungemein wichtig. Du machst die Dinge ja nicht nur für dich.

Würdest du deinem 18-jährigen Alter Ego, das damals die Band gründete, einen bestimmten Rat geben mit dem Wissen und der Erfahrung von heute?
Nimm nicht alles so ernst. Das ist der wichtigste Ratschlag überhaupt. Es muss immer die richtige Balance gegeben sein. Die meisten Fehler passierten uns, als wir Dinge übereilten, unsicher waren oder nicht genau zuhörten. Man muss schnell lernen, was wichtig ist und auch, dass es wichtig ist, Fehler einzusehen und sie sich einzugestehen. Es geht darum, wie du Dinge handhabst, die du in den Sand setzt. Du kannst auf deinen Fleiß, deinen Einsatz und dein Talent bauen - alles andere passiert. Ich würde als 18-Jähriger auch gar nicht darauf hören, aber man muss einfach cool bleiben, weil in so einer Band einfach so viel passiert.

Gibt es eigentlich Songs, die du aus gewissen Gründen nicht mehr spielen willst? Die vielleicht so überhaupt nicht mehr dein Wesen widerspiegeln?
Es gibt bestimmte Songs, die John auch nicht mehr so singen kann wie früher und die irgendwie einfach nicht mehr reinpassen. Wir haben wohl auch nicht mehr die ganz rüden Punk-Vibes der ganz frühen Songs und es gelingt uns auch nicht, die ganzen Töne, Dissonanzen und Delays in der Liveproduktion adäquat wiederzugeben. Wir sagen niemals nie und spielen immer noch - so gut es geht - Songs von möglichst allen Alben. Es gibt aber definitiv welche, die wohl nie mehr live vorkommen werden. Sie passen einfach nirgends mehr rein und zerstören den Spannungsbogen.

Wird es heuer zum 25-Jahre-Jubiläum eigentlich ein paar Spezialshows geben? Das kultige „Undoing Ruin“ wäre etwa auch 15 heuer…
Eine Idee war, das Set zweizuteilen in einen Teil mit den Hits, die die Leute hören wollen und einen anderen, wo es Instrumentals, selten gespielte Stücke oder echt abgefahrenes Zeug zu hören gibt. Vielleicht jene, die mehr Prog-Zitate aufweisen. Es gibt auch ein Haufen B-Sides, die wir mal spielen könnten. „Undoing Ruin“ war übrigens das bislang einzige Album, das wir einmal auf einer Tour in seiner Gänze gespielt haben. Ich will nicht ausschließen, dass wir auch darauf Lust bekommen.

Live in Wien und Graz
Im Zuge ihrer „25th Anniversary Tour“ spielen Darkest Hour am 27. Jänner in der Wiener Arena. Mit an Bord haben sie Freunde und Wegbegleiter wie Fallujah, Bloodlet oder Uni Misere. Karten für die Show gibt es noch unter www.oeticket.com. Am 12. August gibt es ein Wiedersehen beim „Rock in Graz“ auf den Kasematten am Grazer Schlossberg. Das Festival hat auch u.a. As I Lay Dying und Despised Icon an Bord. Tickets dafür findet man unter www.napalmrecords.com

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Mittwoch, 19. Februar 2020
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