Schmerzvoll, melancholisch, düster und verspielt – so klingt das brandneue Album „Zerfall“ der Grazer Post Black-Metal-Band Ellende. Was für Formatradio-Ohren schmerzhaft sein kann, wird für offenere Musik-Connaisseure zu einem frühen Eldorado der 2026er-Klangkunst. Mit dem Genre-Meisterwerk kommt das steirische Projekt am 18. Jänner live in die Szene Wien.
Im so melancholisch wie auch musikalisch breit aufgeschlagenen Subgenre Post Black Metal haben Bands aus Österreich in den letzten Jahren eine globale Führungsrolle eingenommen. Das Wiener und Salzburger Duo Harakiri For The Sky wurde etwa dreimal für den Amadeus nominiert, erreichte mit dem letzten Album „Scorched Earth“ einen beeindruckenden zehnten Platz in den heimischen Albumcharts und tourt unentwegt durch die Weltgeschichte. Und zwar wirklich überall: Zwischen Pensacola und Passau oder zwischen Belo Horizonte und Brisbane. Deren Livegitarrist Marrok hat mit Anomalie selbst ein Projekt, das mit romantisch-harschen Sounds die Fanherzen erfreut, während der Harakiri-Schlagzeuger Paul Färber seit 2012 auch bei den Grazern von Ellende den Ton angibt.
Die schweren Seiten des Lebens
Und damit schließen wir den Kreis zur eigentlichen Band des Geschehens, denn so wie Harakiri For The Sky seit gut fünf Jahren die dunkle Metal-Welt erobern, sind jetzt die Steirer am Zug. Dieser Tage erschien mit „Zerfall“ das bereits sechste Album des eigentlichen Ein-Mann-Projekts von Lukas Gosch. Der 35-Jährige sammelte schon als Teenager erste Band-Meriten in lokalen Underground-Combos und gründete das Projekt 2011 ursprünglich, um ein ganz persönliches Ventil für seine innersten Gedanken und Emotionen zu haben. Ellende lässt sich inhaltlich gerne als „Elend“ oder auch „fremd“ oder „verbannt“ umschreiben und steht unzweideutig für die schweren Seiten des Lebens. Alben wie „Todbringer“, „Lebensnehmer“ oder „Ellenbogengesellschaft“ lassen dementsprechend wenig Raum für eine andere Interpretation.
Über die Jahre spülte Goschs Musik aber immer mehr Interessierte zu den Spotify-Playlisten und vor die Bühnenkanten. Mittlerweile greift er auf eine eingespielte Live-Band aus Gleichgesinnten und Vertrauten zurück und schreit seine intrinsischen Sorgen und Schmerzen nicht mehr nur ins einsame weststeirische Studiomikrofon in Bärnbach, sondern von allen Bühnen quer durch Europa. Wer bislang an der vollmächtigen Authentizität der Kompositionen gezweifelt hat, wird mit dem neuen Werk endgültig eines Besseren belehrt. Der Musiker wurde vor nicht allzu langer Zeit mit einem brutalen familiären Schicksalsschlag konfrontiert und zog sich nach dem ersten Schock in sich selbst zurück, um für die breite Emotionspalette zwischen Trauer, Wut, Verständnislosigkeit und Lethargie die richtigen Worte und die richtige Musik zu finden.
Black Metal, Prog Rock, Kraut Rock
So ist „Zerfall“ im Prinzip das Album geworden, das Gosch mit Ellende seit Anbeginn des Projekts gesucht hat: Eine ehrliche, ungeschönte und zutiefst schwermütige Reise in die innersten Poren des eigenen Selbst, in denen man die Schmerzen nicht betäuben, sondern sich ihnen bewusst aussetzen möchte. „Ein Schmerz in der Brust, aber ich lebe / ein Stich im Herz, aber ich lebe (noch jetzt)“ singt er etwa im ergreifenden Track „Wahrheit Teil II“ und lässt der Pein freien Lauf. Musikalisch wagt sich das Ellende-Mastermind dabei in neue Sphären und akzeptiert keine Grenzen mehr. Progressive Schlenker durchziehen das bunte Treiben und erinnern immer wieder an die Experimentierfreudigkeit von Pink Floyd oder Tangerine Dream. Kompromisslose, ausufernde Black-Metal-Raserei paart sich mit Reminiszenzen an die Verspieltheit der krautrockigen 70er-Jahre – ohne dass diese mutige Melange jemals zu stark ins Schräge ausufert.
Der stärkste und wegweisende Song „Zerfall“ steht dabei programmatisch in der Albummitte. Er ist das Bindeglied zwischen purer Verzweiflung und aufkeimender Hoffnung, zwischen der Angst vor dem psychischen Elend und der Erkenntnis, dass die Zeit vielleicht nicht alle Wunden heilt, aber temporär abstumpfen lässt, auf andere Gedanken bringt und einen langsam und sanft von den schwersten und schlimmsten Emotionen trennt, sodass eine Neukalibrierung möglich ist, ohne dabei das Gestern zu vergessen oder es zu verstoßen. „Zerfåll muss sein, bis i was Neues bin“, heißt es dialektisch im Titelsong – eine Richtungsentscheidung und das Versprechen an sich selbst, nun eben Kraft und Lebensenergie von zwei Personen zu schultern, um weitermachen zu können. „Zerfall“ ist eine Ode an die Resilienz und das Weitermachen, auch wenn die Ausweglosigkeit scheinbar überhandgenommen hat. So schön, schmerzhaft und verspielt war Black Metal bislang selten. Ein Album, das seine Schönheit aus dem nicht verhinderbaren Schmerz des Lebens zieht.
Live in Wien
Ellende befinden sich mit den befreundeten Bands Firtan und Karg auch gerade auf Europatour. Abgeschlossen wird diese am 18. Jänner mit einem Konzert in der Wiener Szene. Unter www.oeticket.com gibt es noch Restkarten für die Top-Show – langsam wird es damit aber eng. Weitere Live-Termine werden wohl im Laufe des Jahres folgen.
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