14.01.2020 06:00 |

Neues Album „Rare“

Selena Gomez: In Würde erwachsen geworden

Fünf Jahre lang mussten Fans des einstigen Teene-Stars Selena Gomez auf ein neues Album warten, mit ihrem Drittwerk „Rare“ kann die mittlerweile 27-Jährige die Erwartungen aber nicht nur erfüllen, sondern sogar übertreffen. Zwischen tanzbarem Electropop, melancholischen Balladen und pumpenden Bässen sinniert sie über die Krisen ihrer Vergangenheit, ohne Trends nachzuhecheln oder um Mitleid zu heischen. Ex-Liebe Justin Bieber darf dabei natürlich nicht fehlen.

Ein Schelm, wer an doppeltes Marketing-Kalkül denkt. Selena Gomez und Justin Bieber waren über Jahre hinweg das Traumpaar der Generation Hannah Montana und haben sich des Öfteren öffentlichkeitswirksam gezofft und wieder verbündet. Die ewig anmutende On/Off-Beziehung der beiden Weltstars und Social-Media-Helden dominierte die Klatschspalten quer über den Globus, während musikalisch bei beiden längst keine Glut mehr loderte. Vier Jahre nach seinen letzten neuen Songs kam der an Lyme-Borreliose erkrankte Bieber unlängst mit der Single „Yummy“ und der Ankündigung eines neuen Studioalbums um die Ecke, gleich fünf Jahre nach ihrem letzten Werk „Revival“ legt die einstige Disney-Prinzessin Selena Gomez mit ihrem Comebackalbum „Rare“ nun aber vor. An privaten Narben und Krankheiten hatten beide zu kiefeln. Selena litt an Depressionen, Panikattacken, der Lupus-Erkrankung und musste eine Nierentransplantation über sich ergehen lassen. Sicher nicht leicht zu verkraften war außerdem, dass Bieber nur ein halbes Jahr nach dem endgültigen Beziehungsende Model Hailey Baldwin ehelichte, während sich Gomez bewusst aus dem Licht der Öffentlichkeit rückte.

Melancholie mit Würde
Für die mittlerweile 27-Jährige wäre es Society-wirksam ein Leichtes gewesen, ihr Comebackalbum zu einer vertonten Vendetta gedeihen zu lassen, aber Gomez entscheidet sich auf „Rare“ glücklicherweise für einen bunten Querschnitt der jüngeren Vergangenheitsbewältigung, ohne dem Verflossenen das verbale Beil anzusetzen. Wobei die Single-Auskoppelung „Lose You To Love Me“ aus dem Herbst 2019 etwas Anderes anzudeuten scheint. In einem der wenigen zurückgelehnten und balladesken Momente auf ihrem dritten Album öffnet Gomez ihr gebrochenes Herz, auch wenn sie Causa nach außen hin natürlich als anonyme Adressierung bezeichnet. Abseits des gesamten Klatschrummels zeigt Gomez aber vor allem, welch wunderbar sanfte Stimme sie besitzt, um einen solch melancholischen Song mit Würde zu tragen. Durch ihre harten letzten Jahre spürt man der Nummer auch die Authentizität an, die vielen anderen Popkünstlerinnen bei solch tragenden Songs allzu oft fehlt.

„I need it to hate you to love me / I needed to lose you to love me“ klingt vordergründig zwar nach einer postpubertären Kalenderspruchsubsummierung, erhält durch die grazile Instrumentierung und Gomez‘ verletzlicher Stimme eine ungeahnte Intensität. Natürlich ist Bieber auf „Rare“ allgegenwärtig, das bezeugen schon die Lyrics im Titeltrack „Rare“ oder „Let Me Get Me“, doch Gomez changiert geschickt mit den Inhalten, die trotz aller Einblicke in ihre Persönlichkeit nie zu viel von ihrem Privatleben preisgeben. Als globaler Megastar, der durch seine Krankheiten auch Schwäche und Verletzbarkeit zeigte, musste Gomez mehrmals durch sehr prekäre Situationen schreiten, die sie auf „Rare“ zumindest andeutet. „Vulnerable“ ist etwa eine unzweideutig intime Abarbeitung ihrer schlimmsten Phasen, auf „Cut You Off“ befreit sie sich wirkungsvoll von den Dämonen der Vergangenheit. Klanglich passiert das alles mit kaum vorhandenem Autotune und nur zwei Features von 6LACK („Crowded Room“) und Kid Cudi im Closer „A Sweeter Place“, die im Prinzip beide verzichtbar gewesen wären.

Inhaltliche Statements
Gomez trägt ihr mit Abstand erwachsenstes Album nämlich auch mühelos allein, dafür sorgen nicht nur die wundervollen Electropop-Songs, die zwar zeitgemäß, aber niemals zwanghaft klingen, sondern auch ihre gereifte Sicht auf das Leben und seine Tücken. Durchhalte- bzw. Motivationshymnen wie der Disco-Stampfer „Dance Again“, „Fun“ oder „Ring“ stellen die positive, zukunftsbetrachtende Seite der Künstlerin in den Vordergrund. Getragen wird das bunte und durchaus gereifte Album aber freilich von der eingangs erwähnten Ballade „Lose You To Love Me“, die nicht umsonst ihre erste Single-Nummer-eins in den USA wurde. Auf Langstrecke und bei mehrmaligem Hören wirken manche Nummern wie „Look At Me Now“ doch etwas zu zwanghaft für den Charterfolg konstruiert, aber „Rare“ ist nicht nur ein inhaltliches Statement, sondern auch ein musikalisch gelungenes Werk über eine Person, die schon nach einem knappen Drittel ihres Lebens bücherfüllende Erlebnisse zu berichten hat.

Das schwierige Erwachsenwerden haben andere in der Pop-Historie schon würdeloser abgehandelt. Warten wir nun auf den Justin-Bieber-Output später in diesem Jahr, das selbstverständlich von derselben Plattenfirma vertrieben wird…

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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