Handke-Premiere:

Irren durchs Labyrinth der Familie

Oberösterreich
08.12.2019 17:00
Porträt von krone.at
Von krone.at

Eine intensive, fesselnde Reise vom Mikrokosmos der Familie zu den großen Zusammenhängen der Geschichte ist die neue „Immer noch Sturm“-Inszenierung von Stephanie Mohr, die am Geburtstag von Autor Peter Handke in den Linzer Kammerspielen ihre Premiere feierte. Ein dreistündiges Fest der Sprache!

Während Nobelpreisträger Peter Handke in Schweden der Preisverleihung entgegenpolterte (siehe unten), irrte sein Alter Ego in den Linzer Kammerspielen durch das Labyrinth seiner Familie. Denn in „Immer noch Sturm“ erkundet die Ich-Figur Handkes anhand der Geschichte seiner Vorfahren auch jene der Slowenen. Regisseurin Stephanie Mohr lässt den „Ich“-Darsteller Christian Higer durch ein Gewirr an Lautsprechern (Bühne: Florian Parbs) und Vergangenheit wandern. Er nimmt dabei das Publikum an der Hand und führt es gleichzeitig als Protagonist und Erzähler durch das Dickicht der Sprache, das Handke aufgetürmt hat. Statt viel zu streichen, dröselt Mohr das Konvolut mit vielen kleinen Kniffen auf, sodass es leichter verdaulich wird. Wolfgang Schlögl liefert live den unruhigen Soundtrack und lässt Geräusche vom Schreiben und Apfelessen durch den Raum schwirren.

Beeindruckendes Schauspielensemble
Nicht nur besonders lustvoll einen Apfel essen kann Anna Rieser als „Meine Mutter“. Vom unschuldigen Mädl über die mondäne Diva bis zur zweifelnden Mutter zeigt sie ihre Wandlungsfähigkeit. Packend auch Julian Sigls Weg als Bruder Gregor vom Obstbauer zum glühenden Partisanen (Kostüme: Nini von Selzam). Gunda Schanderer passt die sture, spröde Schwester Ursula wie eine zweite Haut, woher sie das hat, zeigt Katharina Hofmann als Großmutter. Lutz Zeidler (Großvater), Benedikt Steiner (Valentin) und Markus Ransmayr (Benjamin) runden das Ensemble ab, das trotz einiger Versprecher die schwerwiegende Aufgabe beeindruckend meisterte.

Trotz oder gerade wegen einiger gar pathetischer Textstellen eine exzellente Gelegenheit, sich dem umstrittenen Nobelpreisträger jetzt zu stellen!

Jasmin Gaderer/Kronen Zeitung

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