05.12.2019 07:00 |

Im „Krone“-Gespräch

Lewis Capaldi: Das brandneue Wunderkind des Pop

Nicht erst seit Ed Sheeran wissen wir, dass es für den weltumfassenden Erfolg nicht viel mehr als gutes Songwriting, Humor und das Internet braucht. Der erst 23-jährige Schotte Lewis Capaldi schickt sich an, zum nächsten großen Top-Star zu werden und erreicht das mit einer Lässigkeit, wie man sie nur in der ungezwungenen Jugend haben kann. Vor seinem gefeierten Konzert im ausverkauften Wiener Gasometer versuchten wir dem großen Hype auf den Grund zu gehen.

Der Erfolg liegt nur wenige Tage zurück und trotzdem scheint es ihm egal zu sein. Als die „Krone“ den schottischen Durchstarter Lewis Capaldi kurz vor seinem restlos ausverkauften Konzert im Wiener Gasometer zum kurzen Gespräch trifft, hat er Historisches geschafft. Seine allseits beliebte, im Radio auf- und ablaufende Single „Someone You Loved“ erreichte kurz zuvor Platz eins in den amerikanischen Billboard-Charts. Das sind nicht nur die wichtigsten Single-Charts der Welt, sondern auch wertvolle Parameter für andauernde Weltkarrieren - zumindest in den meisten Fällen. Capaldi ist zudem der erste schottische Staatsbürger seit der legendären Sheena Easton, dem dieses Kunststück gelingt. Und Eastons Nummer eins datiert aus dem Jahr 1981. „Das Gefühl ist natürlich ein gutes, aber ich nehme das nicht allzu ernst“, wischt er etwaige Beifallsbekundungen nonchalant vom Tisch, „gute Konzerte zu spielen ist das einzige, das mich kümmert. Natürlich ist all das verrückt und sonderbar, doch wenn ich dauernd daran denken würde, würde ich langsam den Verstand verlieren.“

Noch unverbraucht
Das erst vor Kurzem 23 gewordene Bürscherl aus dem rustikalen Glasgow ist persönlich noch nicht ganz dort angekommen, wo sein öffentlicher Status von jauchzenden Medien und einer enthusiasmierten Branche hingeschrieben wurde. Er spricht im breitesten Glasgewian-Dialekt und fordert das nicht-Native-Speaker-Gegenüber schwer heraus. Er sitzt im lässigen Schlabberpulli auf der Couch, fährt sich des Öfteren durch die Haare und lässt noch nicht einmal im Ansatz anklingen, dass hier das nächste Popwunder in der Mache ist. Sein Humor - er bezeichnet sich etwa gerne als schottische Beyoncé - ist berüchtigt und ehrlich und er haut lieber einen derben Kalauer raus, als sich in routinierte Phrasendrescherei zu ergeben. „Der Schlüssel zu einem richtig schönen Leben ist doch, sich selbst nicht immer zu ernst zu nehmen. In TV-Shows oder Radiosendungen scherzen doch alle über dich. Wenn du das nicht mitträgst, hast du verloren. Es ist völlig egal, wie viele Leute dich nerven oder auf ein Podest heben wollte. Es ist immer wichtig, die Lockerheit zu bewahren und dich daran zu erinnern, dass du nichts Besseres bist.“

Dass Lewis eben nicht mehr nur Lewis ist, erkennt der smarte Schotte mit dem Schlafzimmerblick an ganz einfachen Vorkommnissen. „Mich nennen eigentlich alle Freunde, meine Familie und die Nachbarn Lewis. Wenn jemand den Zusatz ,Capaldi‘ verwendet, dann weiß ich, es geht ums Geschäft. Kein Mensch aus meinem wahren Vertrauenskreis würde jemals meinen Nachnamen in den Mund nehmen. Das mag nach außen hin nur ein minimaler Unterschied sein, aber er macht wahnsinnig viel aus.“ Die Parallelen zu Englands beliebtesten Rotschopf Ed Sheeran lassen sich mannigfaltig ziehen. Beide sind Alleinunterhalter, beide begeisterten mit einfachsten Akkorden die Massen, beide lassen sich von den Mechanismen des Business nicht in die Zange nehmen und erhalten sich Humor und Menschlichkeit und beide feiern in den USA Erfolge, ohne das aktiv in Angriff genommen zu haben. Vielleicht ist gerade das ein entscheidender Teil des Triumphs, dass hier eben nicht die Verbissenheit eines Robbie Williams herrscht, der in Übersee einen Bekanntheitsgrad hat wie in Meidling Franz Huber.

Über Nacht erfolgreich
Capaldi bekam als Neunjähriger erstmals Gitarrenunterricht und trat - wie in Schottland üblich - schon ab dem zwölften Lebensjahr in lokalen Pubs auf. Fünf Jahre später war ihm klar, dass er Profimusiker werden müsse. „Diese Zeit war wahnsinnig wichtig für mich. Ich habe tatsächlich bis zu meinem 20. Lebensjahr keinen einzigen Song aufgenommen, weil ich mich nie bereit dazu fühlte. Meiner Meinung nach mussten genug Übung und Erfahrenheit da sein, um mit einem Song wirklich Klinken putzen zu gehen.“ Im Mai 2017 veröffentlicht er seinen allerersten Song „Bruises“ und spürt erstmals am eigenen Leib, wie die Musikindustrie heute funktioniert. Der Song wird in kurzer Zeit 28 Millionen Mal auf Spotify gestreamt, Virgin und Capitol Records riechen den Braten, nehmen ihn unter Vertrag und stellen ihm für die Debüt-EP „Bloom“ Grammy-Produzent Malay zur Seite.

Nach ersten Touren in Nordamerika und Europa bringt „Someone You Loved“ den endgültigen Durchbruch und auch das juvenil-trotzig benannte Albumerstwerk „Divinely Uninspired To A Hellish Extent“ schießt in Großbritannien auf die eins und reüssiert rundum mehr als respektabel. „Auf dem Album steckt die Rückschau meines Lebens, nicht mehr und nicht weniger“, blickt er darauf zurück. Wissend, dass das anstehende zweite Album die eigentliche Schwierigkeit sein wird. „Natürlich, denn in den letzten zwei Jahren ist weitaus mehr passiert als in den neun Jahren davor“, lacht er, „eigentlich ist es ausgeschlossen, dass mir nichts dafür einfällt.“ Sein kleines mobiles Studio nimmt er überall mit hin, dort bastelt er auch backstage bei Konzerten an Ideen. Sex, Drugs und Rock’n’Roll gibt es ohnehin schon lange nicht mehr. Capaldi ist einer der vielen jungen Musiknerds, bei denen sich Job und Passion zu einem undefinierbaren Pudding vermischen.

Anecken bei den Großen
So sanft er selbst auch singt und mit seiner natürlichen Unbeholfenheit die Herzen der „Normalos“ öffnet, so sehr ist er schon im Musikbusiness verankert. Selbst hört er am liebsten US-Rap von Kendrick Lamar oder Frank Ocean. Das einstige One-Direction-Fünftel Niall Horan ist einer seiner besten Freunde und selbst die vergangenen Sommer breitgetretene Fehde mit Raubein Noel Gallagher (Capaldi trug sein Shirt und Gallagher revanchierte sich gewohnt charmant harter Kritik an seiner Musik) sieht er mit Humor. „Oasis sind eine meiner absoluten Lieblingsbands und habe mittlerweile unabhängig voneinander auch schon beide Brüder getroffen. Ich finde sie liebenswert, trotz all der Dinge, die uns im Netz angedichtet werden. Ich mag auch ihre Soloprojekte und habe größten Respekt davor, was sie musikalisch auf die Reihe kriegen.“

Für sich selbst hat Capaldi trotz des erdrutschartigen Erfolgs ein durchaus schlüssiges Konzept für die Zukunft herausgebildet. „Die Arctic Monkeys haben auf ihren ersten drei Alben eine klare Fortführung ihres Könnens gezeigt, ohne dass das allzu kalkuliert wirkte. Das wird bei mir wahrscheinlich nicht anders sein. Gerade auch deshalb, weil ich nicht der Typ bin, der sich neu erfinden könnte.“ Dabei hat Capaldi mehr in sich stecken, als manche aufgrund seiner zwanglosen Erscheinung vermuten würden. Auf der unlängst veröffentlichten Extended-Version seines Debütalbums gibt es mit „Before You Go“ einen Track, auf dem er den Selbstmord seiner Tante verarbeitete, die Suizid verübte, als er noch ein kleines Kind war. Doch bei seinen Konzerten regieren trotzdem Freude und Verbundenheit. Und wenn selbst der große Sir Elton John seinen Sanktus gibt, dann steht einer langen und erfolgreichen Karriere wohl wenig ihm Weg.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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