17.11.2019 08:00 |

Starke Abwanderung

Almbauer warnt: „Die Grenzgebiete werden sterben“

Ein Blick weg von politischen Machtzentralen: Vor der Wahl besucht die „Krone“ Menschen in steirischen Regionen. Was bewegt sie? Was leisten sie? Wie sehen sie das Land? Der Auftakt führt nach Murau. Wir trafen junge Menschen, die ihre Region schätzen. Aber auch einen Bauern, der ein düsteres Zukunftsbild malt.

Eine Stunde dauert das Gespräch schon, und das Kaffeehäferl am Tisch vor Christian Bachler ist noch immer voll. Draußen auf 1450 Metern Seehöhe schaut der Winter vorbei, in der Stube zeichnet der Bauer aus Krakauhintermühlen ein düsteres Bild. „Die Grenzgebiete werden sterben“, so der 37-Jährige. „Immer mehr Junge ziehen weg. Von meinen Schulkollegen sind die meisten in Graz, Salzburg oder Wien.“

Es gibt nur wenige Arbeitsplätze, der Tourismus konzentriert sich auf größere Orte. Landwirte hören auf, Flächen wachsen zu. Und dann noch der Klimawandel. „Wir erleben seit 15 Jahren unheimliche Veränderungen. Es ist viel zu warm.“ Seit 1968 befindet sich eine offizielle Wetterstation am Hof, Bachler verfügt also über viele Daten.

Dürre selbst nach schneereichem Winter
Wasserprobleme auf den Almen seien bis vor Kurzem kein Thema gewesen. Doch selbst nach einem schneereichen Winter wie dem letzten herrschte im Sommer Dürre. „Wenn jemand noch am Klimawandel zweifelt, soll er zu mir kommen. Wir erleben ihn live.“

Auf den Almen beobachtet Bachler auch einen gesellschaftlichen Wandel. „Viele glauben, sie sind im Disneyland. Die Wertschätzung wird geringer.“

Der Unmut wird größer
Von der großen Politik fühlt man sich hier im Stich gelassen, der Unmut werde größer, so Bachler. Hat sich nichts zum Besseren gewandelt? Bachler denkt länger nach, ihm fällt nichts ein. Wie könnte die Region überleben? Tourismus sei die einzige Hoffnung, meint der Bauer, kombiniert mit einer gut positionierten Alm-Kulinarik und einer starken Landwirtschaft.

„Wenn ich einsteige, ist das Entschleunigung“
25 Kilometer weiter ist die Stimmung viel positiver. Im Traditionsgasthof Hotel Lercher in der Stadt Murau sprechen wir mit den Töchtern Anna und Martha. Anna arbeitete vier Jahre lang im “Steirereck„ in Wien, dem besten Restaurant des Landes. Nun ist sie voll im Familienbetrieb eingestiegen. Martha studiert Soziologie und pendelt zwischen Wien und Murau: “Ich habe zwei Lebensmittelpunkte. Ich glaube, das wird künftig öfters vorkommen."

Durch die (gemächliche) Murtalbahn ist eine gute öffentliche Verbindung gegeben. „Wenn ich dort einsteige, ist das eine Entschleunigung. Man kommt runter.“ Eine Sorge: Wenn die Koralmbahn 2025 in Betrieb geht, könnte die Obersteiermark zentrale Bahnverbindungen verlieren.

„Es ist wichtig, einmal wegzukommen“
Die Schwestern schätzen das Landleben, die Natur, die kühle Luft beim Öffnen der Fenster an Sommermorgen, das lebendige Vereinsleben, den sanften Tourismus. „Es ist aber wichtig, einmal wegzukommen und über den Tellerrand zu blicken“, meint Anna. Aus dem Umfeld der beiden sind viele weggezogen. Einige würden gerne wieder zurück, doch die Rahmenbedingungen müssten passen.

„War darauf eingestellt, auspendeln zu müssen“
Gepasst hat es Johannes Miedl (26). Der Oberwölzer studierte in Villach und fand dann einen passenden Arbeitsplatz: Er ist Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsverbands Murau. „Jobs mit akademischem Hintergrund sind in der Region nicht so weit verbreitet. Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, auszupendeln.“

Er ist in der Region tief verwurzelt, durch Familie, Landjugend, Musik, Rotes Kreuz. “Das soziale Umfeld bindet auch viele, die nur an den Wochenenden da sind." In seiner Generation gebe es eine starke Tendenz zurück, so Miedl. Work-Life-Balance und Natur werden wieder wichtiger.

„Im Denken hat sich einiges geändert“
Natürlich habe Murau mit seiner Randlage, weit weg von der Hauptstadt Graz, zu kämpfen. „Die Region hat aber Selbstbewusstsein aufgebaut und weiß sich zu artikulieren. In den letzten Jahren hat sich einiges im Denken geändert.“

„Einsamkeit wird großes Thema
Veränderungen gut nachvollziehen kann auch Gunilla Plank. Sie ist Kultur-Projektleiterin bei der Holzwelt und organisiert das erfolgreiche Stubenrein-Festival. Sie kommt dabei mit vielen ins Gespräch, kennt die Sorgen der Wirte, aber auch im sozialen Bereich: „Durch die Abwanderung entstehen Lücken. Einsamkeit wird ein großes Thema.“

Was charakterisiert für sie Murau? „Bodenständigkeit, handwerkliches Geschick, der große Zusammenhalt, die landwirtschaftliche Prägung.“ In Murau werde noch viel Wissen gelebt, das anderswo erst wieder eine Renaissance erlebt, etwa selbst hochwertige Lebensmittel herzustellen.

„Ausheimische“ haben emotionale Bindung
Viel Potenzial sieht Plank in den „Ausheimischen“: Menschen aus der Region, die woanders wohnen, aber eine emotionale Bindung zu ihrem Herkunftsort haben. „Die Frage ist, wie sie ihre Fähigkeiten einbringen können.“ In Graz, ihrem zweiten Wohnsitz, initiiert sie etwa Treffen für solche „Ausheimische“. Denn eines ist für Plank klar: „Das Potenzial von Murau, das sind die Menschen.“

Jakob Traby
Jakob Traby
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