27.10.2019 06:00 |

„Krone“-Talk

Van der Bellen mit neuem Hundeglück in der Hofburg

Nach einem souverän gemeisterten Sommer ohne Kanzler durften wir Bundespräsident Alexander Van der Bellen (75) und seinen Bello „Juli“ privat in der Hofburg besuchen. Ein gemeinsamer Gassi-Gang und ein Gespräch über Ibiza, Rauchverbot, E-Scooter sowie Krimiabende vorm TV.

Eine Straßenlaterne - der Klassiker: Das Herrl will links vorbei, das Hunderl rechts und wickelt sich dabei praktischerweise auch gleich noch einmal ums Bein. Dem Hundepräsidenten, pardon, natürlich Bundespräsidenten, geht es da nicht anders als jedem anderen Gassigeher - oder Sebastian Kurz bei seinen Sondierungsgesprächen.

Fröhlich wedelt „Juli“ an der präsidialen Leine samt fahnenrotem Brustgeschirr an diesem sonnigen Herbsttag der Hundezone im Volksgarten entgegen. Schnuppert hier, schnuppert da, und wenn sie einmal kurz Halt macht, kann das den Tierfreund am andere Ende auch nicht in Verlegenheit bringen - er hat alles eingesteckt.

„Juli“ ist in diesem Fall kein Sommermonat, sondern der Name unseres neuen First Flocki. Und „Juli“ kam im Mai, nachdem Van der Bellens über alles geliebte Begleiterin „Kita“ zu Ostern 2018 nach 14 gemeinsamen Jahren aus dem Leben tappste. „Da war ein kleiner Teich in Mürzsteg, der von einer Bergquelle gespeist wird, zwei Enten und unsere ohnehin sehr vorsichtige alte ,Kita‘, die einen Schritt zu viel macht, ins eiskalte Wasser fällt und sich fürchterlich erschreckt. Es war leider sehr schnell klar, dass sie den Kälteschock nicht überlebt“, wirkt Hundefreund Van der Bellen immer noch bedrückt, wenn er vom Abschied spricht. Einige Monate davor war seine Ex-Frau und Mutter der gemeinsamen erwachsenen Söhne gestorben, drei Wochen nach „Kita“ dann der zweite Familienhund „Chico“: „Das war wirklich keine einfache Zeit“, resümiert der 75-jährige.

Diesen Frühling dann plötzlich ein Mail via Facebook: Ob Van der Bellen den Vierbeiner eines verstorbenen Bekannten übernehmen könnte. Die achtjährige „Juli“, ein bisschen kleiner als Kita, aber genauso schwarz mit weißer Schnauze, genauso wohlerzogen, nur halt viel aufgeweckter: „Meine Frau und ich haben erst gezögert, weil ein Hund natürlich auch sehr viel Verantwortung bedeutet und Zeit. Aber dann haben wir von ihrer dramatischen Geschichte erfahren und zugesagt. Sie wurde mit zusammengebundenen Pfoten von einem griechischen Strand gerettet. Fast wäre sie schon von der Brandung erfasst und mitgerissen worden. Einfach schrecklich, wozu Menschen fähig sind“, streichelt das neue Herrl seinem neuen Hunderl über den Kopf.

Beide sind sie überzeugte Grüne und lieben Bäume. Und sie versehen gemeinsam Hofburg-Dienst.

Leine und Leckerlis neben Reden und Regierungsbildung. Sogar Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein erzählte im „Krone bunt“-Interview im Juli über „Juli“: „Ich musste so oft in die Hofburg, dass mich der Hund des Herrn Bundespräsidenten schon schwanzwedelnd begrüßt und sich zu mir auf den Schoß gesetzt hat.“

Van der Bellen lacht: „Sie (,Juli‘, Anm.) ist die größte Geheimnisträgerin der Republik. Sie ist äußerst verschwiegen. Das schätze ich sehr.“ Nur am Nationalfeiertag hat sie frei. Da ist der Trubel zu groß beim „Tag der offenen Tür“ und dem anschließenden Fest für Österreich im inneren Burghof.

Es weht ein frischer Wind
Van der Bellens Büro (das historische Arbeitszimmer von Joseph II.) wirkt drei Jahre nach Amtsantritt, quasi zur Halbzeit, angenehm erfrischt und entschnörkelt. Es weht ein frischer Wind. Und das nicht nur durch das meist offene Fenster. Ein großer Donald Duck mit rotem Herz auf der Flosse direkt neben dem präsidialen Telefon, der berühmte schwarze Nylon-Rucksack neben dem Tisch („Das ist aber schon ein neuer!“) und ein IKEA-Regal im kleinen Rumpelkammerl für die vielen, vielen Bücher. Die Möbel sind hell und klar („Meine Vorgänger hatten noch die alten Möbel mit den vielen Schnörkeln. Das war furchtbar unpraktisch. Man ist dauernd hängen geblieben oder hat sich angehaut.“). Der knorrige Freigeist sinniert: „Kaiser hier, Kaiser dort, Maria Theresia lächelt einem von jeder Ecke entgegen. Manchmal überlege ich schon, ob es einen verändert, wenn man hier arbeitet.“

Hinter dem wichtigsten Schreibtisch der Republik liegt eine Hundedecke. Natürlich ebenfalls fahnenrot. Mit einem Hops macht es sich „Juli“ am Schoß des Bundespräsidenten bequem.

“Krone“: Mit Hund im Amt. Sehen Sie an „Julis“ Reaktion, was von Ihrem Gegenüber zu halten ist?
Alexander Van der Bellen(während er den Hund streichelt): Nein. Sie ist zu allen sehr freundlich.

Hat sie sich auch bei Sebastian Kurz oder Rendi-Wagner auf den Schoß gesetzt?
Nein, das hat sie sich nicht getraut. Sie ist eine große Bereicherung und Freude für alle hier. Wenn wir in der Früh kommen, rast sie den langen Gang entlang und bremst dann wie in einem Cartoon. Da muss man geradezu lachen und fröhlich sein.

Wie war denn Ihr Sommer? Wie haben Sie das Ibiza-Video erlebt?
(VdB räuspert sich.)
 Es war Freitagabend, ich war essen mit meiner Frau, als ein Anruf kam, ich soll schnell kommen, das sei keine Routine mehr. Obwohl ich gehört hatte, es sei etwas im Busch, sah ich das Video mit wachsendem Erstaunen. So etwas gab es noch nie. Dann ging es Schlag auf Schlag. Viele Dinge sind darauf ein erstes Mal passiert: Zum ersten Mal ist ein Minister auf Vorschlag des Bundeskanzlers entlassen worden. Zum ersten Mal gab es im Gegenzug einen Misstrauensantrag gegen ihn. Zum ersten Mal bekamen wir eine Beamtenregierung, zum ersten Mal 50 Prozent Frauen. Zum ersten Mal eine Bundeskanzlerin.

Frau Bierlein war ja eine große Entdeckung. Wie kamen Sie auf sie? Haben Sie auch millionenschwere Berater wie viele andere?
Im Gespräch mit meiner Frau. Ich wollte jemanden, der unabhängig ist. Und ich wollte eine Frau. Sie war Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs und genoss hohen Respekt bei allen Parteien. Das ist bis heute so.

Ihre Frau Doris Schmidauer (56) ist ein sehr politischer Mensch. Sie war Geschäftsführerin im Grünen-Klub. Wird sie mit dem Comeback der Grünen zurückkehren?
Nein, das werden andere machen.

Woher haben Sie in dieser turbulenten Zeit Ihre Ruhe genommen?
(Van der Bellen lacht.)
 Ich war nicht immer so ruhig, wie es vielleicht gewirkt hat. Ich war zeitweise sogar ziemlich sauer. Schlecht geschlafen habe ich nicht. Nur wenig. Aber Gott sei Dank haben wir unsere wunderbare Verfassung, die für alles einen Plan vorsieht!

Und der Rest des Sommers war dann auch noch stressig?
(Van der Bellen zieht seine Krawatte unter dem Hund heraus.)
 Die kann sich aber ganz schön schwer machen. Nein, da lief alles nach Plan. Zuerst Treffen mit unseren Nachbar-Staatsoberhäuptern, Eröffnung der Bregenzer Festspiele, Salzburg, dazwischen herrliche Tage am Attersee, im Kaunertal, in Mürzsteg, und dann kam eh schon das Forum Alpbach.“

Wie erleben Sie als früherer Grünen-Chef den fulminanten Aufstieg der Grünen überall? Auch in Österreich. Freuen Sie sich?
Als Bundespräsident bin ich überparteilich. Aber selbstverständlich freut es mich, dass das Umweltthema endlich wieder wichtig geworden ist.

Und das Engagement der Jungen? Worauf führen Sie das zurück? Was unterscheidet es von den Aubesetzern in Hainburg oder den Atomkraft-Gegnern Ende der Siebziger?
Auch diese Bewegungen kamen von den Jungen. Aber heute sind es fast Kinder. Sie sind noch viel informierter als die Generationen früher. Vielleicht durch das Smartphone und das Internet? Ich beschäftige mich seit 30 Jahren intensiv mit der Klimakrise und merke nun, dass das Thema endlich auch in der Wirtschaft angekommen ist. Es bewegt sich was. Bei der UNO-Konferenz letztes Jahr mit Emmanuel Macron haben all die großen Investmentfonds wie Black Rock oder Unternehmen wie Microsoft berichtet, dass alle nun nur noch nachhaltige Investitionen wollen. Das gibt Hoffnung.

Fahren Sie noch mit der U-Bahn?
Immer wieder einmal. Leider viel zu selten.

Sind Sie schon E-Scooter gefahren?
Nein. Nur früher Tretroller. (lacht) Das war noch ökologischer!

Tut es Ihnen als Raucher zumindest wegen des Rauchergesetzes um die FPÖ leid?
(Van der Bellen streng:)
 Nein! Ich bin ein rücksichtsvoller Raucher. Ich rauche nicht, wenn gegessen wird, oder gehe raus, wenn es jemanden stört.

Was vermissen Sie aus Ihrem alten Leben?
(Van der Bellen seufzt.)
Die Zeit zum Lesen. Am Abend habe ich meist irgendwelche Besprechungen oder Vorbereitungen, oder ich verhocke mich vor dem TV.

Der Bundespräsident vor dem TV? Was schauen Sie?
Politische Sendungen, Nachrichten oder Krimis. Und dann schau ich auf die Uhr und ärgere mich: „Das habe ich wieder nötig gehabt!“

Der Hund ist eingeschlafen und die Hand des Bundespräsidenten auch. Van der Bellen stöhnt: „Sie ist wirklich ganz schön schwer.“

Edda Graf, Kronen Zeitung

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