08.09.2019 14:49 |

Waldsterben 2.0

Eindringliches Plädoyer: Retten wir den Wald!

Waldsterben 2.0. Nicht nur am Amazonas, auch bei uns. Und es sind keineswegs nur die Folgen von Klimawandel und Borkenkäfer, die den grünen Giganten zusetzen. Es ist auch der Mensch und eine verfehlte Waldwirtschaft. Naturschützer Dr. Gerhard Heilingbrunner zeigt auf, was nun dringend getan werden muss - und warum der Wald sonst bald sogar zum echten Problem werden könnte.

Wenn die Bäume in den nächsten Wochen ihr sattes Grün erst bunt verfärben und schließlich abwerfen, um in ihre wohlverdiente Winterruhe zu gehen, wird es still im Wald. Und gleichzeitig dröhnend laut. Denn wenn die Wanderer und Naturfreunde abziehen, rücken Kettensägen und schweres Gerät an.

Sogenannte „Rückegassen“ werden dann brutal in so manchen Tann geschlagen. Das sind bis zu sechs Meter breite Schneisen, durch die sich gewaltige Holz-Erntemaschinen ihren Weg bahnen und tiefe Furchen im sensiblen Naturboden hinterlassen. Der Einsatz von schweren Maschinen bei der Hightech-Holzbringung verdichtet den Waldboden, Mikroorganismen sterben ab, der Waldboden verliert seine Fähigkeit, Unmengen an Wasser zu speichern.

Katastrophale Spirale wird in Gang gesetzt
Eine katastrophale Spirale setzt sich in Gang - die klimabedingten Hitzeperioden mit extremer Trockenheit lassen die Bäume massenhaft absterben. Geschwächte Bäume sind ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer und andere Schädlinge. Sie sind die Folge, nicht die Ursache. Das Waldsterben 2.0 ist in vollem Gang und größtenteils selbstverschuldet durch die Forstwirtschaft.

Durch die gängige Kahlschlagwirtschaft in unseren Wäldern, bei der ganze Waldflächen in einem abgeholzt werden, verliert der Wald seine natürliche Struktur und somit seinen Schutz. Denn ist das Laub- und Nadeldach erst mal gelichtet, fällt immer mehr Sonnenlicht auf den Boden. Der Humus, ein jahrhunderte- bis sogar jahrtausendealter natürlicher CO2-Speicher, wird zersetzt, erodiert und gibt das gesamte gespeicherte CO2 wieder in die Atmosphäre ab, anstatt es weiter zu binden. So wird der Wald sogar zur Quelle des klimaschädlichen Treibhausgases statt zu dessen Schwamm!

Wälder weltweit sind neben den Weltmeeren die wichtigsten natürlichen Klimaanlagen unseres Planeten. Ohne die Bäume wird der Kampf gegen Klimawandel und Überhitzung nicht zu gewinnen sein. Denn Bäume kühlen durch natürliche Verdunstung nicht nur die Luft (ein alter Baum vermag seine Umgebungstemperatur um bis zu sechs Grad Celsius zu senken) und reinigen diese von Feinstaub, sondern produzieren lebensnotwendigen Sauerstoff. Eine alte Buche filtert eine Tonne Feinstaub pro Jahr aus der Luft. Eine hohe Fichte erzeugt täglich (!) ca. 21.000 Liter Sauerstoff. Das ist der durchschnittliche Bedarf von 35 Menschen!

Vor allem aber speichern Bäume jenes CO2, das wir Menschen mit unseren Autos, Flugzeugen und Rindern im Übermaß freisetzen. Meine 120 Jahre alte prächtige Buche hat z.B. sechs Tonnen davon eingelagert. Das entspricht ungefähr dem, was ein durchschnittlicher Österreicher pro Jahr emittiert. Ein echtes Naturwunder, unser Bruder Baum.

Werden Bäume verbrannt, geht dadurch nicht nur ihre vitale Fähigkeit verloren, CO2 einzulagern - sie setzen es durch den Verbrennungsprozess wieder frei. Egal, ob bei der Abholzung des Regenwaldes oder im Biomassekraftwerk, um Ökostrom zu erzeugen. Mehr als die Hälfte der gefällten Bäume endet im Feuer.

Wir haben den natürlichen Baumbestand bereits um die Hälfte reduziert
Knapp die Hälfte (48 Prozent) der österreichischen Staatsfläche ist bewaldet, somit mehr als 3,5 Millionen Hektar unseres Landes. Damit kommen auf jeden Österreicher und jede Österreicherin ca. 0,5 ha Wald. In Deutschland sind es lediglich ca. 0,14 Hektar. Die Fichte ist dabei mit einem Anteil von fast 58 Prozent die bei Weitem häufigste Baumart, die zweithäufigste Baumart, die Buche, liegt hingegen nur bei zwölf Prozent. Natürlicherweise wäre das Verhältnis bei Weitem nicht so deutlich auf Seite der Fichte. Diese wächst natürlich nämlich nur in kühlen Lagen über 800 Höhenmetern. Der Klimawandel verschiebt diese Grenzen weiter nach oben.

Der Mensch hat den ursprünglichen Baumbestand des Planeten bereits auf die Hälfte reduziert. Derzeit werden jedes Jahr ca. 15 Milliarden gefällt oder wie am Amazonas niedergebrannt. Wo gestern noch Regenwald stand, weiden morgen schon Rinder.

Sehr viel besser ist es mit der Waldvernichtung bei uns auch nicht bestellt: In Mönichkirchen (NÖ) zum Beispiel werden trotz Bürgerprotests derzeit 1,2 Hektar Wald per Landesbescheid zugunsten eines riesigen Parkplatzes für die Skischaukel gerodet. Sogenannte Ersatzpflanzungen sind angekündigt. Bis ein kleiner schwacher Setzling allerdings die volle ökologische Kraft eines ausgewachsenen Riesen erlangt, vergehen 70 bis 100 Jahre. Zeit, die auf unserem Planeten nun nicht mehr wirklich bleibt.

Die Fun- und Freizeitgesellschaft fordert ihren Tribut. An Wegrändern wird geschnitten und gelichtet, was das Zeug hält, damit sich Wanderer und Mountainbiker nicht durch möglicherweise herabfallende Äste verletzen.

Es werden nicht nur einzelne Äste entfernt, sondern gleich ganze Bestände
Wie ich schon in meinem Kommentar als Ökojurist vor einigen Wochen in der „Krone bunt“ ausführen durfte, ist hier eine dringende Reaktion der Politik samt nötiger Gesetzesänderung gefragt, um zu einem verantwortungsbewussteren Umgang des Menschen mit seinem Grün zu kommen. Denn das aktuelle Gesetz der „Wegehalterhaftung“ zwingt Grundeigentümer geradezu dazu, Bäume im Wald (!) oder an Wegen zur „Sicherheit für Wanderer und Benützer“ zu entfernen, nur um etwaige Schadenersatzforderungen zu vermeiden.

Meist werden nicht nur einzelne morsche Äste entfernt, sondern gleich ganze Bestände an Wegrändern. Dabei wird weit über das Ziel hinausgeschossen. Dies passiert sogar in National- bzw. Biosphärenparks und hat dramatische Auswirkungen. Ich bitte Justizminister und Umweltministerin zu handeln!

Gefahr für den Wald droht aber nicht nur vom Menschen und kleinem Borken-Getier, sondern auch von gefräßigem Größerem - dem Wild. Wenn der Bestand nämlich überhandnimmt, wird dem Wald die Ressource zur Regeneration entzogen, weil junge Triebe flächenweise weggefressen werden. Vielen Grundbesitzern ist der Zustand ihres Waldes leider ziemlich wurscht, sie erwirtschaften durch Jagdverpachtungen mehr Einkommen als aus der Waldwirtschaft. Besonders betroffen sind davon die Tanne und die Lärche, die durch das mangelhafte Wildmanagement in Österreich vom Aussterben bedroht sind.

Damit unsere Bergwälder nachhaltig wieder intakt werden können, müssen die Wildbestände drastisch reduziert werden und die jagdlich-kommerzielle Trophäenwirtschaft gehört verboten.

Kennen Sie das Wildnisgebiet Dürrenstein in Niederösterreich? Auf 3500 Hektar sieht man hier in einem der letzten Urwälder, wie natürlicher Wald aussieht. Hier wird schnell klar, dass dies nicht viel mit dem uns bekannten bewirtschafteten Wald zu tun hat. Im Dickicht des Buchenwaldes finden sich unzählige umgefallene als auch stehende tote Bäume, diese sind ein reines Paradies für das gesamte Ökosystem. Dieses vermeintliche Chaos lässt den Prozessen der Natur ihren freien Lauf - eine hohe Artenvielfalt auf kleinem Raum und eine Resilienz gegenüber Naturereignissen sind die positive Folge. Denn wenn eine Art „ausfällt“, kann eine weitere Art schnell ihren Platz einnehmen. Diese Flexibilität fehlt den bewirtschafteten und aufgeräumten Wäldern.

Wald ist Heimat für zahlreiche Vögel, Käfer, Säugetiere, Insekten und Mikroorganismen, die nur durch eine hohe Strukturvielfalt und Dynamik existieren können. Die Artenzahl in einer Fichtenmonokultur kann man mit einer gewissen Berechtigung als Waldwüste bezeichnen, denn für die meisten Tier- und Pflanzenarten sind Monokulturen lebensfeindliche Umgebung.

Genauso wie unsensibel abrasierte Grünstreifen am Wegesrand. Vertrocknete Stummeln und Mähmist statt duftender Wildblumen und Kräuter, die Schlupfraum und Nahrung für Bienen, Schmetterlinge und kleine Nager bieten. Ein gesundes Gesumme und Gewurl, das man mit freiem Auge sieht, und das das Herz erfreut.

Nimmt man Klimaschutz ernst, so sollte Österreich den Anteil von Urwäldern von derzeit 0,7 Prozent der Waldfläche auf zwei Prozent bis zum Jahr 2030 erhöhen. Für Ähnliches plädiert auch Bestseller-Autor und Förster Peter Wohlleben in seinem neuen Buch „Das geheime Band zwischen Mensch und Natur“. In einem beeindruckenden Artikel resümierte er zuletzt im „stern“: Längst gehe es nicht mehr um die Gewinnung von Holz, sondern um die Frage, ob wir in 80 Jahren noch Wald haben: „Genau weiß es niemand, aber es gibt eine gute Option: Wir überlassen die Steuerung der Prozesse wieder weitgehend der Natur.“

Holzernte soll nur noch so betrieben werden, dass es die Natur gar nicht merkt. Der Wald soll selbst entscheiden, welche Bäume wo wachsen möchten. Es wird nicht mehr kahl geschlagen, sondern nur noch sanft durchlichtet. „Zusätzlich bekommt der Wald eine Reihe von Reservaten, in denen Bäume ihr wildes Leben völlig ungestört leben dürfen.“ Wie bei uns in Dürrenstein. Denn er weiß selbst am besten, was ihm guttut.

Zehn Gebote zum Schutz der Bäume

  • Alle Prinzipien des nachhaltigen Wirtschaftens sind im Wald konsequent umzusetzen. Nie mehr Holz ernten als nachwächst. Umwandlung der Fichtenmonokulturen in Tieflagen zu Mischwäldern mit kleinen Urwaldzellen, damit unser Wald klimafit wird.
  • Die Lebensraumfunktionen des Waldes für Tier und Mensch im Forstgesetz verankern. Eine nachhaltige Sicherung des Waldes als komplexes Ökosystem mit allen Tieren, Pflanzen, Insekten und Mikroorganismen ist das Gebot der Stunde.
  • Verbot von Kahlschlägen im Wald, da dadurch mehr CO2 freigesetzt als gebunden wird - rascher Umstieg auf Einzelstammentnahmen.
  • Verzicht auf Einsatz von schweren Holzerntemaschinen, damit die Waldböden nicht verdichtet werden, Mikroorganismen überleben und die Waldböden ihre Wasserspeicherfähigkeit nicht verlieren.
  • Rotwildbestände um 50 Prozent reduzieren, kommerzielle Trophäenjagd unterbinden, damit Biodiversität, Mischwald und Naturverjüngung möglich wird und Tannen sowie Lärchen eine Überlebenschance haben. Wildfütterung erfolgt nur mit Heu, auf Kraftfutter muss verzichtet werden.
  • Mehr Auwälder schaffen und damit unser Klima schützen. Bei einer Verdoppelung der Auwaldflächen auf 200.000 Hektar könnten bis 2030 in Österreich zusätzlich zwei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr reduziert werden.
  • Die Umwandlung unseres Waldes muss mit heimischen, klimaangepassten Baumarten wie Tanne, Eiche, Ahorn, Ulmen, Mannaeschen, Hopfenbuchen etc. erfolgen.
  • Die Menschen in den Städten sind vom Klimawandel und den Hitzeperioden besonders betroffen. Wir fordern eine Verdoppelung des Baumbestandes in allen österreichischen Städten, um das urbane Leben der Menschen schöner und erträglicher zu gestalten.
  • Alte Bäume haben ein Grundrecht auf ein Überleben. Bestehende Bäume, Baumgruppen und Alleen in Städten, Märkten und Dörfern müssen vor sinnlosem Baummorden im Forstgesetz bundesweit geschützt werden.
  • Die neue Bundesregierung, der neue Nationalrat muss die Wegehalterhaftung nach dem allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch ändern: „Wer Straßen, Wege im Wald oder am Waldrand unentgeltlich nützt, hat in eigener Verantwortung auf alle waldtypischen Gefahren zu achten.“ Einzelbäume und Baumgruppen in Städten oder auf Marktplätzen sowie in Hinterhöfen oder Alleen entlang von Straßen dürfen von den Gerichten nicht mehr als Bauwerk betrachtet werden. Bäume sind Lebewesen, die Gebäudehaftung ist daher auf Bäume nicht mehr anzuwenden.

Gerhard Heilingbrunner, Kronen Zeitung

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