27.07.2019 15:48 |

Salzburger Festspiele

Ein Eröffnungs-Akt im Zeichen der „Klimagötter“

Die Salzburger Festspiele 2019 sind offiziell eröffnet. Der Festakt in der Felsenreitschule am Samstagvormittag, an dem weite Teile des offiziellen Österreich teilnahmen, war von einem Thema dominiert: dem Klimawandel. Sowohl Festspielredner Peter Sellars als auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen nutzten ihre Reden für mahnende Worte zum Schutz der Umwelt.

Ein Umdenken, vor allem aber eine Veränderung unseres Handelns, brauche nicht Verbote, sondern auch eine tiefere, sinnliche, lustvolle Komponente, zeigte sich Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler in ihren Begrüßungsworten überzeugt von der wichtigen Rolle der Kultur in der Klimadiskussion. Nicht nur der „Meister der Felsenreitschule“, Peter Sellars, werde dies in seiner „Idomeneo“-Inszenierung zeigen, die am Abend Premiere feiert. Auch zum Festspielthema der Mythen werde man „den Beweis erbringen, dass die Beschäftigung mit den Mythen kein Schwelgen in längst vergangenen Zeiten ist, sondern Auseinandersetzung mit der Gegenwart“.

Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen war vorinformiert, dass Festspielredner Sellars über Klimawandel und Umweltschutz sprechen würde - ein aufgelegtes Thema für den ehemaligen Grünen-Politiker. „Die Klimakrise ist hier. Wir können sie greifen.“ Klimaforschung gebe es seit 100 Jahren, und „die Klimagötter sprechen seit etwa 50 Jahren mit steigendem Crescendo zu uns“, schlug Van der Bellen den Bogen zum Festspielthema der antiken Mythen. „Man könnte meinen, wie in einer griechischen Tragödie steuern wir in einem irreversiblen und nichtlinearen Prozess auf den Abgrund zu.“

Doch, so Van der Bellen, er wäre nicht der Bundespräsident, wenn er nicht auch Hoffnung und Zuversicht aussprechen würde. Man höre von jungen Menschen, die auf die Straße gehen und sehe „politische Parteien, die bisher in dieser Hinsicht nicht auffällig waren, die sich jetzt den Klimaschutz auf ihre Fahnen heften“, erlaubte sich Van der Bellen ein heftig akklamiertes Anstreifen an der Tagespolitik. „Nun, wie ich neulich sagte: Jeder Mensch kann etwas dazulernen.“ Jeder sei gefordert - richtete er sich auch explizit an die im Publikum anwesenden Vertreter aus Energiewirtschaft, Technologie, Finanz und Politik - sich aktiv einzubringen. „Wenn wir so weiterleben wollen, werden wir nicht so weitermachen können.“ Gleichzeitig betonte Van der Bellen die zentrale Rolle der Europäischen Union für die Klimapolitik und warnte vor nationalistischen Bestrebungen: „Wenn wir die Union nicht hätten, dann müssten wir sie erfinden.“

Eröffnungsredner Peter Sellars verband seinen eindringlichen Appell für Umweltschutz mit seiner Rolle als Regisseur der Eröffnungsoper „eines aufbegehrenden, ungeduldigen, ungestümen und genialen 24-Jährigen aus Salzburg namens Wolfgang Amadeus Mozart“. Er deutete den „Idomeneo“ als „Oper über das Meer“ - und die Geschichte vom Vater, der den Sohn opfern soll, als taugliches Gleichnis für eine Gesellschaft, die auf Kosten der nächsten Generation die Umwelt zerstört. „Auf der ganzen Welt sitzen heute Verantwortungsträger an den Hebeln der Macht, die bereit sind, die kommende Generation zu opfern, die sich den dringend zu ergreifenden Maßnahmen und der sofortigen Reaktion auf das, was unser Planet einfordert, verweigern. Wie viele Wirbelstürme sind noch notwendig? Wie viele Hitzewellen?“, fragte Sellars. Die griechische Tragödie lehre uns: „Es gibt nicht das Böse, es gibt nur Ignoranz.“

Mozart habe sich von seinem Vorbild für den „Idomeneo“, der französischen Tragödie „Idomenee“ von Danchet, abgewendet, in dem der Vater den Sohn tatsächlich opfert. „Für Mozart und seine Generation war dieses Ende nicht zu akzeptieren. Es ist eine Epoche vonnöten, in der es nicht mehr tolerierbar sein wird, den schrecklichen Zyklus menschlichen Versagens zu wiederholen.“ Stattdessen habe Mozart eine Aufklärungsutopie geschaffen, deren zentrales Konzept der Gleichheit und Gleichberechtigung er auch durch eine kompositorische Neuerung manifestiert habe: das erste vollendete Opernquartett. Indem er das Quartett in die Oper brachte „und auf soziale und persönliche Interaktionen“ anwendete, sei es Mozart gelungen „Eltern und Kinder, Männer und Frauen, Herrscher und Bürger, Reiche und Arme, Einheimische und Flüchtlinge“ gleichzusetzen.

„Machen wir nicht den Fehler, Profit mit Wert zu verwechseln“, appellierte Sellars und plädierte für Maßnahmen wie die Veränderung der kapitalistischen Ordnung, für pflanzliche Ernährung, die Gleichstellung und Stärkung von Frauen weltweit sowie ein Hinhören auf das Wissen indigener Völker. Die wichtigste Gruppe aber sei die der jungen Menschen. „Kinder, sprecht zu euren Eltern“, ermunterte Sellars. „Eltern, hört auf eure Kinder.“ Heute, in diesem „aufwühlenden Augenblick der Menschheitsgeschichte“, gehe die junge Generation „mit Entschlossenheit und Idealismus auf die Straße.“

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein nutzte ihre Rede für ein Lob der Mythen und der Freiheit der Kunst. „Die Mythen enthalten all das, was das Leben ausmacht: Den Logos und den Mythos, das Trennende und das Verbindende, das Alte und das Neue.“ Und die heuer aufgegriffenen Erzählungen von Medea, Ödipus, Orpheus und Idomeneo zeigten „wie nahe die Festspiele am Menschen und am Menschsein sind“. Beispielhaft und mit politischem Unterton griff sie Medea heraus, der „kein Asyl gewährt“ wird sowie „Idomeneo in schrecklicher Seenot“. Schließlich betonte sie, als ehemalige Verfassungsrichterin, die „umfassende und unteilbare“ Freiheit der Kunst und setzte sie in Differenz zur stets von Kompromissen beschränkten Politik. „Die Kunst darf - ja sie muss - auf den Kompromiss verzichten. Sie muss auch provozieren und verstören.“

Die Welt der Mythen boten auch für Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) die Bezugspunkte - für eine philosophische Betrachtung des Themas Grenzen und Grenzüberschreitung. Zunächst anhand des Kindermordes der Medea und dem Inzest bei Ödipus fragte Haslauer nach den Grenzen, „die uns ausmachen, die in uns liegen, seelisch, philosophisch, kulturell“. Die Kunst sei dabei „die permanente Verhandlung von Grenzverschiebungen; sie relativiert Absolutes“.

Die Kunst selbst kam beim Eröffnungsakt in Form des Mozarteum Orchester Salzburg unter der Leitung von Aziz Shokhakimov sowie mit Solistin Patricia Kopatchinskaja zu Wort. Neben den verpflichtenden Bundes-, Landes- und Europahymnen hielt man sich mit der wohlbekannten, schwungvollen Ouvertüre aus Offenbachs „Orphee aux enfers“ und George Enescus „Rumänischer Rhapsodie“ an das Opernprogramm des heurigen Festspielsommers, zwischen Grußworten und Festspielrede legte Kopatchinskaja mit Ravels „Tzigane“ ihre persönliche, humanistische Mahnung vor - wie immer barfuß. Bis Ende August hat nun wirklich die Kunst das Sagen - insgesamt 199 Vorstellungen werden dann an 16 Spielorten für einen weiteren dichten Festspielsommer zwischen Musiktheater, Schauspiel und Konzert gesorgt haben.

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