23.06.2019 11:40 |

Streit um die Uferbox

Viel Beton und viel Stoff für Aufregung

2006 errichteten die ÖBB im Zuge des Neubaus vom Salzburger Hauptbahnhof am Salzachufer eine Infobox. Der Aufschrei um den Betonklotz mit Blick auf die Festung war groß - der Andrang ebenso.

Johannes Gfrerer muss nicht lange nachdenken, als ihn die „Krone“ am Telefon erreicht. „Ja“, sagt er nach einer sehr kurzen Atempause, „das weiß ich noch sehr genau ...“

Es war im Juni 2006. Johannes Gfrerer war bei den ÖBB tätig, für die Öffentlichkeitsarbeit. Zwei große Projekte standen damals auf der Agenda der Bundesbahnen: Die Sanierung des Hauptbahnhofes und der Neubau der S-Bahn von Freilassing bis Golling. Für Salzburg infrastrukturelle Meilensteine.

Viel Beton und viel Stoff für Aufregung

Gfrerer ging in die Abteilung „Infrastruktur“, die beide Projekte plante. Dort hielt er das erste Mal die Skizze mit einer Infobox in der Hand. Groß, viel Beton, viel Stoff für Aufregung.

Noch mehr, als Gfrerer die Box direkt an der Salzach bei der neuen S-Bahn-Station „Mülln-Altstadt“ platzieren wollte. „Meine Idee war, dass man dort aus dem Zug aussteigt, den Start des Spaziergangs in die Altstadt symbolisiert und gleich die Information über die Nahverkehrsverbindung bekommt.“

Nebst der Ausstellung mit den Fakten zur Baustelle wollte er ein Café samt Aussichtsplattform haben. „Immerhin ist von dort der Blick auf die Festung besonders und es gab freie Sicht auf den laufenden Bau der Eisenbahnbrücke, sehr spektakulär zum Anschauen.“

Im Zuge der Diskussion um die Neugestaltung der Salzach-Ufer ein schier unmögliches Vorhaben - war es aber nicht. „Unser Draht in die Abteilungen von Stadt und Land war sehr gut. Ich bin mit den Plänen also zur Beamtenschaft gegangen und wir haben eine Lösung gefunden. Heute würden wir sagen, eine österreichische“, schmunzelt Gfrerer. Kernpunkt: Keine Steher in die Uferböschung. Rest offen.

Innerhalb kürzester Zeit hat Gfrerer seine ÖBB-Infobox am Salzachufer bauen lassen. Mit viel Beton („Sie hat ja auch halten müssen“) und wie ausgemacht ohne Steher. Ende Juni eröffneten die Bau-Ausstellung sowie das Café.

Es dauerte nicht lange, da kam der zuerst mediale und dann der politische Aufschrei. „Eigentlich unfassbar“, schrieb etwa die Salzburg-Krone. „Nicht alle sind über den grau-roten Neubau glücklich“, hieß es in einem ORF-Bericht.

Die Kritik aus der Bevölkerung ließ auch nicht lange auf sich warten: „Ich weiß nicht was da sein soll“, outete sich ein Passant. „Eine Haltestelle?“, fragte eine Fußgängerin. An ein auffälliges Info-Center mit Info-Screens sowie Schautafeln zum knapp 200 Millionen Euro teuren Ausbau der S-Bahn dachte niemand. Gfrerer rückblickend: „Wir wollten mit der Box ja auffallen weil ja auch informieren.“

Dass die Infobox just am Salzach-Ufer stand, das störte hingegen keinen. Im Gegenteil: „Der Aufschrei war schnell wieder vorbei, auch, weil der Andrang ziemlich groß war“, erinnert sich Gfrerer zurück.

Sogar mehr als nur groß: Touristen wie Einheimische pilgerten regelrecht zu dem Betonklotz am Salzachufer, nahmen auf der Terrasse am Dach Platz und genossen die Aussicht auf Innenstadt oder eben die Brückenbaustelle - jeder wie er mochte.

Für vier Jahre war es Salzach-Café

Vier Jahre lang war die ÖBB-Infobox beliebtes Ausflugsziel und Blickfang beim Flanieren über die Salzachufer. 2010 wurde sie nach Fertigstellung des Gleisbaus zum Hauptbahnhof gebracht, wo die Sanierung weiter lief. „Das die Box nur temporär am Salzachufer stand, war sicherlich mit ein Grund, warum sie so schnell genehmigt wurde“, räumt Gfrerer ein.

Darüber nachzudenken, wie das Café heute aussehen würde, ist müßig. Nicht sich daran zu erinnern: Oft ist die Aufregung über Bauprojekte nur halb so groß wie dann das Interesse daran. Johannes Gfrerer hat es einfach versucht. Und es gelang.

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