Heldenepos

Charisteas stürzt Frankreich vom Sockel

Sport
26.06.2004 16:12
Otto Rehhagels griechische "Fußball-Götter" haben Titelverteidiger Frankreich sensationell vom Sockel gestürzt und erstmals das Halbfinale einer Europameisterschaft erreicht. Der Stürmer Angelos Charisteas erzielte am Freitagabend vor 45.390 Zuschauern in Lissabon in der 65. Minute per Kopf das Siegtor und schrieb so ein weiteres Kapitel einer unglaublichen EM-Geschichte.
Gegen Tschechien oder Dänemark spielendie als krasser Außenseiter ins Turnier gestarteten Griechenam kommenden Donnerstag in Porto nun sogar um den Einzug ins Endspiel.
  
Erster Sieg gegen die "Grande Nation" 
Für die Griechen war es der erste Sieg gegendie "Grande Nation" überhaupt, die ihren Traum vom drittenEM-Titel nach 1984 und 2000 nicht verwirklichen konnten und wiealle Europameister vor ihnen den Titel nicht verteidigten. FrankreichsNationaltrainer Jacques Santini kassierte nach 21 Spielen ohneNiederlage mit der "Equipe Tricolore" die erste Pleite. Es warzugleich seine letzte, denn nach der EM wechselt Santini als Vereinscoachzu Tottenham Hotspur. 
  
Nichts mehr zu verlieren 
Laut Rehhagel ging es für die Griechen nachdem historischen Einzug ins Viertelfinale nur noch um den Spaßam Fußball. "Wir haben nichts zu verlieren und könnengegen die beste Mannschaft der Welt locker aufspielen", sagte"Rehakles", wie der gestrenge Deutsche von den Hellenen genanntwird. Für den einzigen Deutschen im EM-Viertelfinale warenmit dem Spiel im "Estádio José Alvalade" ganz unangenehmenErinnerungen verknüpft. In der selben Arena war am Mittwochdie DFB-Auswahl an Tschechiens B-Team gescheitert. 
  
Zidane abgemeldet 
Überraschend war das respektlose Auftreten desAußenseiters, dem Rehhagel die bei Werder Bremen erprobte"kontrollierte Offensive" verordnet hatte. Griechenland bestimmtein der ersten Halbzeit das Spiel. Der zur Bewachung des französischenKapitäns Zinedine Zidane abgestellte Konstantinos Katsouranisbegnügte sich nicht damit, die Kreise des Fußball-Genieszu stören. Bedrängt von Bixente Lizarazu, kam der Mittelfeldspielervon AEK Athen in der 15. Minute aus Nahdistanz zu einer verheißungsvollenGelegenheit. Doch der Ball sprang nur an den Innenpfosten. 
  
Nur Barthez in Normalform 
Barthez war der einzige Franzose in Normalform underneut zur Stelle, als sich Kasouranis ein weiteres Mal am Torschussversuchte (27.) und Verteidiger Panagiotis Fissas mit links aus22 Metern abzog (37.). Der Titelverteidiger, der Verteidiger WillySagnol auch Patrick Vieira ersetzen musste, spielte ohne Espritund Raffinesse. Zidane, der durch seinen 14. Einsatz gemeinsammit Lilian Thuram zum EM-Rekordspieler aufstieg, war ein Schattenseiner selbst. Thierry Henry, der in der ersten Halbzeit nur eineKopfball-Chance hatte (24.), wurde von Georgios Seitaridis andie Kette gelegt. 
  
Pfiffe für Frankreich 
Die Fans waren von den ärmlichen Darbietungender Fußball-Künstler derart enttäuscht, dass vorder Pause Pfiffe und - in Anspielung an das mitreißendeerste Viertelfinale zwischen den Gastgebern und England - "Portugal"-Rufeertönten. Das packte die Franzosen an der Ehre. In der zweitenHalbzeit schalteten sie einen Gang höher. Henry schoss vierMinuten nach Wiederanpfiff im Fallen nur knapp am rechten Pfostenvorbei (49.). Danach brannte es einige Male lichterloh im griechischenStrafraum, doch die in der Defensive sehr disziplinierten Hellenenhielten dem Druck stand, und das Tor fiel auf der anderen Seite.
  
K.o.-Stoß von Charisteas 
Völlig frei köpfte Charisteas eine Flankevon Kapitän Theodoros Zagorakis ins Tor (65.). In der Schlussphasewechselte Santini in Sylvain Wiltord, Louis Saha und JérômeRothen noch drei Offensivkräfte ein - doch der Sturmlaufkam zu spät, mehr als eine Kopfball-Chance durch Henry (87.)sprang nicht mehr heraus. 
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