Fr, 24. Mai 2019
12.05.2019 16:00

Peter Habeler

„Mein Idealbild: Ohne Rucksack aufsteigen“

Alpinlegende Peter Habeler hat die schwierigsten Gipfel der Welt bezwungen. Am Dienstag ist er Gast bei den Tiroler Gesundheitsgesprächen zum Thema Stress. Davor sprach er mit der „Tiroler Krone“ über die Natur als Entspannungshilfe, seine persönlichen Stressmomente und Butterbrot.

Herr Habeler, wann waren Sie das letzte Mal so richtig gestresst?
Da muss ich weit zurückdenken. Natürlich gibt es am Berg Momente, in denen du an die Grenzen stößt. Da geht’s ans Eingemachte, ums Überleben. Stress in geballter Form. Ich hatte aber das Glück, immer die besten Partner an meiner Seite zu haben. Wenn man nicht weiter weiß, braucht es einen starken Partner.

Das ist am Berg so, das ist auch in vielen anderen Bereichen des Lebens so. Aber reicht das als Stressbewältigungsstrategie?
Ich möchte jetzt kein Kapitel über das positive Denken daraus machen – aber ich habe es mir angewöhnt, immer das Gute, das Machbare, das Positive zu sehen. Diese Haltung hilft enorm. Du musst daran glauben, dann tut sich immer wieder ein Haltegriff auf. Ich kann mich an Situationen erinnern, in denen auch ich gedacht habe, es geht nicht mehr weiter: Ein Wettersturz in den Dolomiten, der Begleiter schwer verletzt. Uns war klar, dass wir so schnell wie möglich raus müssen. Und wir haben es geschafft. Woher wir letztlich die Kraft nahmen, ist schwer zu erklären. Die einen mögen es mit einer höheren Macht in Verbindung bringen. Ich sage, es ist die Summe aus mehreren Kraftspendern: richtiges Training, eine gute innere Einstellung, Intuition.

Das alles kann man lernen. Aber wie?
Vieles im Leben hat man selbst in der Hand. Aus meiner Erfahrung braucht es als Basis dafür aber gute Lehrer in der Jugend. Menschen, die dir etwas zutrauen. Auch meine Mutter war für mich wichtig, weil sie mich ziehen ließ. Sie hat mir damit vermittelt, dass ich es schon richtig mache. Als Bergsteiger brauchst du Selbstvertrauen, damit du in entscheidenden Situationen nicht zu zweifeln beginnst.
Wenn ich eine Erstbegehung mache, brauche ich neben einem guten Partner und Kraft das Vertrauen darauf, dass es gut geht. Reinhold Messner und ich haben auch bei der Erstbesteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff ganz darauf vertraut, dass wir es schaffen – (lacht) und zum Glück wusste wir nicht, was alles auf uns zukommt.

Ist der Berg ein guter Lehrmeister für das Leben?
Für mich ist er das. Das Bergsteigen hat mir gezeigt, dass es sich auszahlt, aus der Komfortzone hinauszugehen. Mit beiden Beinen am Boden stehen ist schon richtig. Aber es lohnt sich auch, den sicheren Steig zu verlassen und einfach einmal nach oben zu greifen, auch wenn der Fels brüchig erscheint. Bei einer Erstbegehung betritt man völliges Neuland und muss die Bereitschaft haben, ins Unbekannte zu gehen. Diesen Mut kann man in vielen Situationen gut gebrauchen.

Aber ist nicht auch der Leistungsdruck am Berg ein enormer Stress? Man beobachtet das schon im Hobby-Bereich, in dem nur mehr unter den Aspekten „schneller, weiter, höher“ das Naturerlebnis gesucht wird.
Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber Reinhold Messner und ich haben uns als Team nie so vom Leistungsdruck stressen lassen. Ja, wir wollten etwas Neues wagen. Dieser Reiz war immer da. Wir waren aber immer bereit, umzukehren – ohne uns als Versager zu fühlen. Mich hat der Leistungsdruck nie wirklich belastet. Ich habe immer gerne trainiert. Und ich hatte natürlich Ziele vor Augen. Aber das Tun war nicht vom Streben nach neuen Rekorden bestimmt. Vielleicht glaubt das nicht jeder. Aber das möchte ich vermitteln: Letztlich macht nur die Freude am Tun außergewöhnliche Erfolge möglich und kann uns vor dem Ausbrennen – oder neudeutsch Burnout – schützen.

In den Phasen zwischen den Expeditionen: Wie konnten und können Sie entspannen, neue Kraft schöpfen?
In der Natur. Hinaus, auf einem Stein sitzen, in die Gegend schauen. Mehr brauch ich nicht. Ich kann gut alleine sein und einfach leben. Das habe ich mir seit der Jugend bewahrt.  Mein Idealbild: Bergsteigen ohne Rucksack. Natürlich nicht in der Praxis, sondern als Sinnbild. Viele Touren sind nur machbar, wenn man möglichst viel Ballast abwirft und sich für den Aufstieg leicht macht. So halte ich es auch im Leben. Es klingt vielleicht kitschig: Ein Butterbrot auf der Hütten, ein Schluck Wasser aus dem Bach, die Berge vor Augen – mehr brauche ich nicht. Viele Menschen denken zu kompliziert und hemmen sich selbst damit. Sie sehen alle Möglichkeiten und bleiben unentschlossen stehen. Es gibt viele Wege auf den Berg. Aber man wird nicht am Gipfel ankommen, wenn man alle gehen will.

Gesundheitsgespräche am Dienstag in Innsbruck
Stress und Burnout - wenn der Druck zu groß wird„ - am Dienstag (14. Mai) finden die 11. Tiroler Gesundheitsgespräche der Tirol Kliniken in Kooperation mit der “Tiroler Krone" und ORF Tirol im ORF Studio 3 am Innsbrucker Rennweg statt. Moderation: Barbara Kohla. Am Podium sitzt neben Experten aus den Fachbereichen Psychiatrie und Psychologie Everest-Legende Peter Habeler. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei. Beginn ist um 19.30 Uhr. Anmeldung erbeten unter Telefon: 0512-566533 oder Email studio3.tirol@ORF.at Alle Infos: www.tirolergesundheitsgespraeche.at

Claudia Thurner
Claudia Thurner

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