10.03.2019 08:00 |

Großes Interview:

„Es wird keine abstinente Gesellschaft geben“

Er selbst nennt sich „unerziehbar“, andere nennen ihn Visionär. Er gilt als Mahner der Politik, der dort hilft, wo es gebraucht wird. Georg Schärmer, Direktor der Caritas Tirol, über Verbote, Verständnis und andere Varianten.

In Tirol wurden zahlreiche Projekte gestartet und die Auslandsarbeit begonnen. Warum ist es dennoch die kleinste Caritas des Landes?
Ich denke, man sollte überschaubar bleiben, um nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Es ist vieles unter dem Dach der Caritas entstanden, aber man sollte Projekte auch ziehen lassen. Aktuell haben wir 250 Angestellte, mit denen wir rund 5000 Menschen erreichen: Vom 15 Minuten Gespräch bis zur 24 Stunden Betreuung. Zudem sind 3000 bis 4000 Freiwillige im Einsatz.

Es gibt aber Bereiche, die von der Tiroler Caritas nicht bearbeitet werden. Warum?
Wir haben in Tirol von Seiten der Caritas nie Flüchtlingsheime betrieben. Ich finde einfach, das ist eine Arbeit, die in die öffentliche Hand gehört. Dasselbe gilt für Altersheime. Eine Privatisierung wäre der falsche Ansatz. Was uns aber immer bleibt, ist die Drogenarbeit.

Damit standen Sie zuletzt auch sehr oft im Fokus der Öffentlichkeit. Stichwort Mentlvilla...
Ja, hier muss man das große Bild sehen. Ich habe höchstes Verständnis für die Anrainer. Wir selbst sind ja Anrainer. Wir haben rund 100 Klienten – wobei ich dieses Wort nicht sehr mag – die wir in der Mentlvilla betreuen und die auch ihre Ruhe möchten. Plötzlich kamen rund 100 weitere Personen dazu, die sich rund um die Mentlvilla angesiedelt haben. Lokale, in denen sie sich aufhalten konnten, gibt es nicht mehr. Dazu kamen die Alkoholverbote rund um Bahnhof oder Rapoldipark – die Leute wandern also, suchen sich neue Plätze. Wir werden nie eine völlig abstinente Gesellschaft haben. Also muss man Alternativen zu den Verboten finden.

Gibt es eine Alternative?
Ja, es wurde ein Standort gefunden, an dem es keine direkten Nachbarn gibt. So können die Menschen unter sich sein, aber stören niemanden. Wird dort eine ganzjährige Einrichtung für alkoholkranke Menschen geschaffen, wird das auch zu einer Entspannung rund um Mentlvilla und Kapuzinergasse führen.

Nehmen Probleme rund um suchtkranke Menschen zu?
Nein, aber es verschiebt sich eben alles. Eine Zeit lang wurden nur Verbote ausgesprochen, die auch nachvollziehbar sind, aber es wurden keine Alternativen geboten. Die Zahl der Suchtkranken ist annähernd gleich geblieben, aber durch viel Bewusstseinsarbeit erreichen wir heute mehr Menschen.

Das äußert sich wie?
Als wir mit dem Spritzentausch begonnen haben, haben wir im ersten Jahr 25.000 Spritzen getauscht. Jetzt sind wir bei einer halben Million. Wir erreichen rund 80 Prozent der Suchtkranken – und ersparen dem Tiroler Gesundheitswesen so rund 9 Millionen Euro. Denn neben den Drogen sind es die Begleiterscheinungen durch die Verunreinigung, die zu Problemen führen. Dahingehend ist die Versorgung in Tirol sehr gut aufgestellt.

Wo sind Defizite?
Ein riesiges Thema ist die Altenpflege. Das ist jetzt schon kaum stemmbar, wie soll das in Zukunft gehen? Es wird eine irrsinnige Zivilbewegung brauchen, um das kompensieren zu können. Zudem gibt es eine große Mobilität in Europa. Viele kommen nach Tirol, um nach einem Job zu suchen, landen allerdings in einer Notschlafstelle. Man muss den Menschen vor Ort echte Perspektiven bieten.

Eine gute Nachricht zum Schluss...
Alleine 2018 haben 4888 Jugendliche an Sozialaktionen teilgenommen. Die Jungen wollen etwas tun!

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter

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