12.02.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Friska Viljor: Mit einer Trennung zum Comeback

Die schwedische Indie-Band Friska Viljor wäre in den letzten Jahren beinahe an einem privaten Familiendrama zerbrochen. Nun kehren sie mit dem Album „Broken“ (erscheint am 15. Februar physisch) zurück und zeigen sich von einer gänzlich neuen, melancholisch-verletzlichen Seite. Die Fans bei den Österreich-Konzerten zeigten sich begeistert. Im Interview ließen Joakim Sveningsson und Daniel Johansson noch etwas tiefer in die Materie blicken.

„Krone“: Joakim, Daniel - nach eurer fast dreijährigen Pause war es alles andere als sicher, dass Friska Viljor überhaupt noch weiter existieren würden. Jetzt habt ihr im Jänner zahlreiche ausverkaufte Shows - u.a. im Wiener Flex - gespielt und wurdet rundum bejubelt. Wie fühlt sich das an?
Joakim Sveningsson:
Absolut großartig. Wir wussten natürlich nicht, wie die Leute das Album „Broken“ aufnehmen und ob sie sich überhaupt an uns erinnern würden. Die neue MTV-Generation - wobei, so sagt man ja gar nicht mehr - hat angeblich keine lange Aufmerksamkeitsspanne mehr. Insofern hatten wir wohl Glück. (lacht) Wir haben wirklich nette und loyale Fans.
Daniel Johansson: In Linz etwa waren auf Nachfrage rund 30 Prozent der Fans noch nie zuvor bei einer Friska-Viljor-Show. Das ist natürlich auch großartig, denn das zeigt uns, dass auch junge Leute noch etwas für uns übrighaben. Es ist ein seltsames Gefühl, dass so viele neue Leute kamen, obwohl wir jetzt von der Bildfläche verschwunden waren. Vor allem, weil das Album digital so knapp vor der Tour rauskam.

„Broken“ habt ihr ungefähr vier Tage vor der Veröffentlichung fertiggestellt…
Sveningsson:
Montag um 10.30 Uhr war es fertig, Freitag kam es raus. (lacht) Geschrieben haben wir daran schon seit den letzten drei oder vier Jahren. Vor zweieinhalb Jahren hat sich das dann erheblich verzögert, aber im Endeffekt ging doch alles gut.
Johansson: Der Grund, warum das mit dem Album so knapp war ist, dass ich ein Zeitoptimist bin. (lacht) Eigentlich sind all unsere Alben immer sehr knapp entstanden, wenn auch nicht so extrem wie „Broken“.
Sveningsson: Nur das Debüt war etwas länger davor fertig, aber da wussten wir nicht einmal, dass das ein Album werden würde. Wir haben einfach im Studio rumgeklimpert und irgendwann hatten wir genug Songs.
Johansson: Wir haben realisiert, dass wir nur mit dem richtigen Zeitdruck arbeiten können. Wir sind einfach ziemlich faul und brauchen immer jemanden, der uns den Finger ins Kreuz bohrt.

Joakim, die neuen Songs resultieren aus deiner schmerzhaften Trennung von deiner Frau und euren zwei Kindern. Ein zerbrechliches, melancholisches, aber auch mutiges Album. Live spielt ihr mitten in der Show einen Block mit diesen depressiven Songs. Wie fühlt sich das für euch und die Leute an?
Sveningsson:
Das war eine der größten Sorgen, ob wir wieder auf Tour gehen sollten. Wir wussten, wir haben diese neuen Songs und wussten nicht, wie sie ankommen würden. Das Feedback war aber wirklich schön. An diesem Teil der Show kommen wir den Leuten sehr nahe und aus dem wir und ihr wird ein gemeinschaftliches wir. Das Feeling ist unbeschreiblich. Es ist wirklich wundervoll.
Johansson: Beim Reeperbahn-Festival im September in Hamburg haben wir einen Test gemacht, wo wir ausschließlich neue Songs spielten. Nach dieser Show wussten wir, dass es klappen würde. Die Überlegung war aber, wie würden wir das Ganze in ein normales Setup einbauen, denn wir haben sechs Alben, die ganz anders klingen. (lacht) Es ist jetzt ein bisschen wie im Theater, wo du verschiedene Showteile hast.

Das Feedback war von den Medien und euren Fans aber überwältigend. Außerdem habt ihr euch und allen anderen bewiesen, dass ihr nach 13 Jahren auch etwas anders als fröhlich-beschwingte Songs kreieren könnt.
Sveningsson:
Wir wussten schon, dass wir solche Songs schreiben können, aber nicht, wie die Leute darauf reagieren würden. Auf den letzten Alben haben wir immer wieder versucht, andere Songs zu schreiben, aber wir kamen nicht so ganz aus unserer Ecke raus. Selbst dann, als wir es versuchten. Dieses Mal sind wir einfach voll reingesprungen und es hat zum Glück gepasst.

Neben all den negativen Dingen, die „Broken“ unweigerlich mitbringt, ist das Positive, dass ihr damit beweist, dass ein Konzeptalbum, das man von Anfang bis zum Ende hören sollte, noch nicht ausgestorben ist.
Johansson:
Wir haben uns klar dafür entschieden, dass wir ein Trennungsalbum schreiben würden. Es war ein bisschen dogmatisch, dass die Texte chronologisch verfasst sind und es einen dramatischen Bogen zwischen all den Songs gibt. Sonst hat man immer die Überlegung, was man als Single auskoppelt oder wie man die Songs ordnet. Das war hier nicht der Fall, weil die Texte und das Konzept schon alles vorgaben. Das war eine interessante kreative Befreiung für uns, weil wir uns nicht so sehr darum sorgen mussten, wie wir alles vermarkten. Das Radio spielt uns trotzdem, aber damit haben wir vor dem Release nicht gerechnet.

Daniel, wie ist es dir dabei gegangen, an einem Album zu arbeiten, das sich ausschließlich um die harte Zeit deines Bandkollegen dreht?
Johansson:
Joakim ist mein bester Freund, es war für mich selbstverständlich. Wir haben unsere Ideen gesammelt und geordnet und ich habe recht schnell realisiert, dass ich mich nicht wohlfühle, wenn ich meine Songs mit Joakims gleichsetzen würde. Es war klar, dass wir eine Geschichte erzählen, aber diese Geschichte ist nicht meine. Ich wollte da nicht im Weg stehen, das war schnell klar. Die Richtung war also vorgegeben.

Wie wichtig für den ganzen Prozess mit den Songs und darüber hinaus ist eure tiefe, langjährige Freundschaft?
Sveningsson:
Die Band würde nicht leben, wenn ich nicht Daniel an meiner Seite hätte. Als meine Trennung passierte war das erste, was ich sagte, dass ich nicht mehr in der Band spielen möchte. Daniel zeigte sich verständnisvoll, redete bedächtig auf mich ein und sagte mir, wir könnten doch zwischen sechs Monaten und zehn Jahren pausieren. Einfach warten und schauen, was passiert. Ohne sein Verständnis hätte es auch gar keine Musik mehr von uns gegeben. Die Freundschaft ist alles für uns, denn ich habe die persönlichen, schmerzhaften Songs immer wieder Daniel geschickt. Ich wusste da noch gar nicht, ob sie für Friska Viljor passen würden oder nicht. Es ging einfach darum, dass wir diesen Schmerz teilen.

Hättest du die Songs ohne Daniels Hilfe sonst solo veröffentlicht? Einfach, um den Schmerz damit rauszulassen?
Sveningsson:
Nein, das glaube ich nicht.

Gab es einen speziellen Moment bei euch, wo ihr dann doch gemerkt hat, das Rad muss sich weiterdrehen und Friska Viljor wird es wieder geben?
Sveningsson:
Daniel und ich gingen im September spazieren und er hatte den Gedanken, dass wir aus den ganzen Ideen ein Konzeptalbum machen könnten. Wir sind ein, zwei Stunden gegangen und haben uns das durch den Kopf gehen lassen und da wir mir klar, ich könnte was daraus machen. Ich wollte nicht immer nur jammern und Daniel hat meinen Schmerz gelindert. Machen wir dieses Album, das sich nur um mich dreht und veröffentlichen wir gleich darauf noch eines, das sich um beide dreht.
Johansson: Die eigentliche Idee - von der ich immer noch überzeugt bin, dass sie andere Bands übernehmen sollten - war, dass wir „Broken“ zwei Minuten vor Mitternacht zu Silvester veröffentlichen und das andere Album zwei Minuten danach, im neuen Jahr. Um das alte und neue Gesicht der Band zu zeigen. Aber im Endeffekt schafften wir nicht einmal das eine Album zu dieser Zeit fertigzukriegen. (lacht)

Das bedeutet aber auch, dass sehr bald mit einem weiteren Album von euch zu rechnen ist?
Sveningsson:
Wir haben große Ambitionen, aber noch kein ganzes Album. Es wird auf jeden Fall noch 2019 erscheinen, das steht fest.
Johansson: Wenn es sich irgendwie ausgeht, dann hoffentlich bis zum Sommer. Wir haben uns aber mit einem Freund lange darüber unterhalten, wie wir es veröffentlichen sollen. Drake veröffentlicht mittlerweile 100 Alben pro Jahr und jeder denkt, das wäre normal. Andererseits willst du aber nicht deine eigenen Erzeugnisse überschatten, denn wenn du so viel rausbringst, gerät das Vorherige schneller in Vergessenheit.
Sveningsson: Wir haben gelernt, die Einflüsse von außen auszublenden. Bis zum Release von „Broken“ war uns egal, was die Presse und alle anderen da draußen denken würden. Das war ungemein befreiend, weil wir einfach kompromisslos draufloskomponierten. Wir veröffentlichen einfach, wenn wir es für richtig halten. Warum sollten wir auf irgendjemanden Rücksicht nehmen? Wir haben uns lange viel zu viel überlegt, was die Medien denken, das war ein Fehler.
Johansson: Man muss auch dazusagen, dass wir dann auf ein Level kamen, wo die Band unsere Mieten zahlte. Beide zusammen haben wir mittlerweile fünf Kinder und es war dann unmöglich, nicht an das Geschäftliche zu denken. Was passiert, wenn die Radios die neuen Songs nicht spielen? Wie ernähre ich meine Familie? Das ist ein absolut zerstörerischer Gedankengang, wenn es darum geht, kreativ zu sein. Als wir „Broken“ produzierten, hatten wir aber beide Vollzeitjobs und überlegten sogar, die Band zu schließen. Finanziell waren wir sicher und deshalb ist „Broken“ auch so mutig und frei ausgeblieben. Wir haben einfach nachts komponiert.

Wird das kommende Album mehr wie ein klassisches Friska-Viljor-Album klingen?
Sveningsson:
Keine Ahnung. Das ist nicht mal gelogen. (lacht) Wir lassen alles offen.
Johnansson: „Broken“ klingt sehr orchestral, mit dicken Piano-Spuren, aber genau das wollten wir. Das war unsere klare Entscheidung. Fast all diese Songs könnten wir auch etwas poppiger machen, indem wir ihnen ein neues Gewand verpassen. Wir wollten wirklich bewusst etwas ganz anderes machen, etwas, das nicht nach uns klingt. Wir gingen quasi „all in“, anders wäre es nicht möglich gewesen.
Sveningsson: Wir haben das Kapitel für zweieinhalb Jahre ganz geschlossen und es dann mit einer ganz neuen Richtung wiedereröffnet. Wir haben jetzt alle Freiheiten und können das nächste Album wirklich so machen, wie wir wollen. Das ist ein verdammt gutes Gefühl. Es ist wie ein absoluter Neustart für die Band, die es schon seit 13 Jahren gibt.

Joakim, du hast dich nach der Trennung für eine Zeit lang ins Partyleben und den Alkohol geflüchtet. Gab es in dieser selbstzerstörerischen Phase Momente, wo du wusstest, jetzt ist es an der Zeit, die Reißleine zu ziehen?
Sveningsson:
Ja, sogar mehrere Male, aber ich will das nicht detailliert ausbreiten. Einen dieser Momente habe ich mit „All Is Good“ auf dem Album verarbeitet. Zwei oder drei Monate lang war ich wirklich neben der Spur und sicher kein guter Vater.

Seht ihr Friska Viljor an sich jetzt in einem anderen Licht? Hat sich die Bedeutung der Band und der Musik für euch nach den Ereignissen verändert?
Sveningsson:
Für mich ist jetzt alles entspannter, ich lege mir keinen Druck mehr auf. Wir sind jetzt offener für alles als je zuvor und das gilt auch für unsere Kommunikation. Für mich hat sich eigentlich alles zum Positiven verändert.
Johansson: Unseren Proberaum haben sie abgerissen, auch in diesem Bereich ist es wie ein Neustart für uns. Wir waren dort ungefähr acht Jahre und sie haben den ganzen Block abgerissen. Wir bauen gerade ein neues Studio, können uns dort aber nicht mehr 24/7 darin aufhalten. Wir sind jetzt eher auf unsere Zimmer daheim angewiesen.
Sveningsson: Bei mir daheim haben wir das meiste von „Broken“ aufgenommen. Das war wirklich nett, denn du wachst in der Früh auf, klingst furchtbar zerkratzt und machst gleich einen Song. Das geht mit einem Sprung ums Eck. Wir waren musikalisch total frei, konnten Bass oder Gitarre spielen, ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen.
Johansson: Wir haben auch mal von einer Idee 35 Takes eingespielt und es war okay. Das machst du nicht, wenn dauernd jemand darauf achtet, was du tust. Es hat also schon auch seine Vorteile. Wir müssen jetzt nur noch ein System finden, wie wir am Geschicktesten gemeinsam kreativ sein können.
Sveningsson: Bei mir daheim geht das am ehesten, denn ich habe die Kinder nur alle zwei Wochen.

Joakim, glaubst du, dass du „Broken“ jemals bereuen wirst? Es ist doch unheimlich persönlich ausgefallen und du wirst Songs daraus wohl dein Leben lang spielen.
Sveningsson:
Nein, das passt so wie es ist. Auch unser allererstes Album drehte sich um eine Trennung und diese Songs zu performen, hat noch bis vor etwa drei Jahren geschmerzt. Es gab immer wieder Momente, wo es mir schwerfiel, die Songs zu spielen. Außerdem ist so etwas eine gute Erinnerung über die Tiefpunkte in deinem Leben. So kannst du die Highlights noch viel besser genießen. Bereut haben wir bislang noch nichts.

Weil ihr die wirtschaftlichen Aspekte in der Band angesprochen habt - gefährden diese Gedanken eure musikalische Kreativität?
Johansson:
Absolut, immer sogar. Das einzig Gute daran ist, dass es Deadlines gibt und dich jemand zu Ergebnissen drängt, aber ansonsten ist das durchaus gefährlich. Vielleicht sollten wir auch nicht wieder eine Tour booken, bevor wir ein Album geschrieben haben. (lacht) Das haben wir nämlich mit der letzten gemacht. Ich habe Joakim nicht erzählt, dass ich schon vor unserem Spaziergang ein Meeting mit unserem Bookingagenten hatte und ich ihm quasi zusagte, dass wir das im Jänner schon hinkriegen würden. (lacht) Wir hatten also eine Tour fixiert und anfangs weder ein Album, noch die volle Gewissheit, dass wir jetzt überhaupt weitermachen würden.
Sveningsson: Im Dezember haben wir überhaupt erst angefangen das Album zusammenzustellen und da hat Daniel schon die Tour gebucht. (lacht) Im Endeffekt war das aber auch eine Entscheidung, die finanziell mitgetragen wurde. Schließlich bringt das auch Geld ein. Es ist aber nicht alles an diesem System schlecht, aber wenn du wirklich auf das Geld angewiesen bist, dann ist das für die Kreativität sehr gefährlich.
Johansson: Wir arbeiten mit unserer Passion. Also unsere Passion wurde zur Arbeit. Das macht die Sache nicht einfacher, denn die meisten Techniker, Lehrer oder Bankangestellten betreiben ihre Jobs nicht auch noch als Hobby. Es ist schön, wenn deine Passion dein Job wird, aber die Passion sollte dir keinen Druck bringen. Verdammt, das ist fast schon zu philosophisch. (lacht)

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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