06.01.2019 08:00 |

Kolumne „Im Gespräch“

Von Erwartungen und Gottvertrauen

Nie sind Scheidungsanwälte so gefragt wie nach den Sommer- und nach den Weihnachtsferien. Also immer dann, wenn der Alltag unterbrochen wird. Wenn Menschen Zeit haben. Zeit, sich zu fragen: Wo stehe ich, und was will ich im Leben? Wer bist du? Und bist du gut für mich?

Ich habe mich schon oft gefragt, warum es ausgerechnet jene Phasen im Leben sind, die schließlich zur Trennung führen. Vielleicht weil Menschen in diesen Ruhephasen erkennen, wie deutlich Erwartung und Realität auseinanderklaffen. Und die Enttäuschung über die enttäuschten Erwartungen ist groß. Sie bahnt sich ihren Weg in Gedanken und Gefühle und hinterlässt ihr wohldosiertes Nervengift. Erwartungen: Wir haben sie alle. An uns, an unser Leben, an andere. So und so soll es laufen. Dies und das wollen wir erreichen. So und so verhält sich ein liebender Partner, eine gute Mutter, eine vorbildliche Vorgesetzte, ein liebes Kind und wehe es kommt anders.

Nicht die Enttäuschung ist das Problem
Die Erwartungen sind es. Erwartungen geben uns ein Gefühl von Kontrolle. Sie spalten die Welt in Schwarz und Weiß: Erfüllt – Weiß! Enttäuscht – Schwarz! Grau ist nicht vorgesehen. Erwartungen sind rückwärtsgerichtet. Sie kopieren Idealvorstellungen und projizieren sie in die Zukunft. Sie verengen unseren Blick, machen uns unfrei und blind für das Hier und Jetzt. Und für das, was zu uns kommen will.

Eine verstorbene Freundin, von der ich viel lernen durfte, sagte immer, wenn etwas so völlig anders kam als erwartet: „Wer weiß, wofür es gut ist.“ Ja, oft lässt sich das erst im Nachhinein feststellen. „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts“, so drückte es der dänische Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard aus. Manchen Menschen macht das Angst. Sie wollen lieber erst verstehen, dann leben.

Nicht, was wir erwarten, zählt
Zugegeben: Leicht ist es nicht, so zu leben. Es gehört eine gute Portion Gottvertrauen dazu. Ein Gottvertrauen, wie wir es gerade an diesem Epiphanias-Tag von den Weisen aus dem Morgenland lernen können. Diese Weisen machten sich aus großer Ferne bis nach Bethlehem auf, um den neugeborenen König zu sehen. Sie konnten nicht wissen, was sie erwartet. Daher suchten sie das Neugeborene zunächst irrtümlicherweise in Jerusalem. Wo sonst als in der Hauptstadt könnte ein Herrscher zur Welt kommen? Oft sucht man das Richtige am falschen Ort. Steuert das vermeintlich Große an. Dabei findet sich die Erfüllung ganz woanders, als man denkt.

Und auch wenn sich die Weisen ziemlich sicher kein Baby im schmutzigen Futtertrog erwartet hatten, zogen sie nicht enttäuscht von dannen, als sie die Krippe schließlich fanden. Stattdessen empfanden sie umwerfende Freude über das, was sie gefunden hatten. Im Kind in der Krippe erkannten sie, was wirklich wichtig und mächtig ist: die Liebe Gottes, die allen Erwartungen zuwider gerade dort ist, wo wir sie nicht vermuten. Nicht, was wir erwarten, zählt. Sondern was wir finden, wenn wir hinsehen.

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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