Sa, 19. Jänner 2019

„Auf barbarische Art“

30.12.2018 12:21

Taucher plündern Schätze vor Küste Albaniens

Lange waren Albaniens Küstengewässer kaum erforscht - nun sind sie ein Hotspot für Schatzsucher auf der Jagd nach versunkenen Schiffen. Unter kommunistischer Herrschaft war die 450 Kilometer lange Küste nur Archäologen und Soldaten zugänglich. Doch heute stehen die Gewässer jedem offen, eine Überwachung kann der arme Balkanstaat kaum finanzieren. Davon werden neben Archäologen auch Plünderer angelockt, die ihre Funde auf dem Kunst- und Metallmarkt lukrativ verhökern.

Der albanische Archäologe und Kunsthistoriker Neritan Ceka erinnert sich an seine Tauchgänge Anfang der 1980er Jahre: „Ich sah außergewöhnlichen Reichtum, Amphoren, Keramik, archäologische Objekte.“ Doch dann hätten europäische und albanische Tauchteams begonnen, „auf barbarische Art zu plündern“, berichtet Ceka. „Ein Großteil dieser Schätze, in einer Tiefe von 20 bis 30 Metern leicht zugänglich ohne spezielle Ausrüstung, ist heute fast vollständig und spurlos verschwunden.“

Seit 2006 fanden Expeditionen der US-Organisation RPM Nautical Foundation rund 40 Wracks entlang der Küste, darunter Schiffe aus dem siebenten Jahrhundert vor Christus und Marineschiffe aus den beiden Weltkriegen. Auch Hunderte Amphoren aus der Römerzeit liegen auf dem Meeresboden.

„Schatzsuche unter Wasser kann große Gewinne einbringen"
Wie viel davon bereits auf dem internationalen Kunsthandelsmarkt gelandet ist, können Experten kaum einschätzen. Weltweit werden dort rund 3,5 Milliarden Euro jährlich umgesetzt, sagt Auron Tare, Vorsitzender des Unesco-Beratungsgremiums für das Unterwasser-Kulturerbe. „Klar ist: Eine Schatzsuche unter Wasser kann große Gewinne einbringen“, sagt auch der Unterwasser-Archäologe Moikom Zeqo.

Objekte auch in Österreich
In Albanien werden Vasen für bis zu hundert Euro verkauft und dann in London und anderen Kunstmetropolen für viel größere Summen versteigert. Viele Funde sind in Privatmuseen auf der ganzen Welt ausgestellt, wie etwa die Glocke des österreichisch-ungarischen Schiffes „SS Linz“, das im März 1918 mit 1000 Passagieren an Bord von einer Mine vor der Nordwestküste Albaniens versenkt wurde. „Diese Objekte, ausgestellt in einem privaten Museum in Österreich, müssen nach Albanien zurückgebracht werden“, fordert Tare.

Daneben haben es Taucher auf den hochwertigen Stahl von Kriegsschiffen des frühen 20. Jahrhunderts abgesehen, der für medizinische und wissenschaftliche Geräte verwendet wird. „Um den Schiffsrumpf auszuschlachten, verwenden die Plünderer Dynamit“, sagt Ilir Capuni von der University of New York Tirana.

Wracks ausgebeutet
2013 war Capuni bei der Entdeckung des ungarisch-kroatischen Dampfschiffes „Pozsony“ dabei, das 1916 vor Durres gesunken war. Vier Jahre später „sahen wir, dass fast nichts davon übrig war“. Ein ähnliches Schicksal ereilte das italienische Lazarettschiff „Po“, das 1941 vor Vlora von einem britischen Torpedo versenkt wurde. Bei seiner Entdeckung war der algenbewachsene Schiffsrumpf intakt, doch seither verschwanden Glocke, Kompass, Telegraph, Licht und Geschirr. Zunächst für 5000 Euro verkauft, erzielen manche Stücke bis zu zwanzigmal so viel beim Wiederverkauf.

Durch ein neues Gesetz werden Schiffswracks inzwischen als Kulturdenkmäler eingestuft. Mithilfe von Interpol will die albanische Polizei gestohlene Kulturgüter aufspüren. Und Luan Perzhita vom Archäologischen Institut Albaniens würde gerne ein Unterwassermuseum bauen, das die Artefakte schützt und Touristen anlockt.

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