Familie unter Schock

„Sehe immer Michelles aufgerissene Augen!“

Sie sitzen beieinander, reden über Michelle, spenden einander Trost. Die drei Geschwister und die Mama von Michelle F. (16) halten nach dem Mord fest zusammen. Die Mutter traut sich nicht, zu schlafen: „Dann sehe ich Michelles aufgerissene Augen.“

Das Telefon steht nicht still, alle wollen wissen, ob es stimmt, dass Michelle tot ist. „Ich mag schon gar nicht mehr abheben“, sagt Mama Ramona F. (52). Sie fand gemeinsam mit Tochter Nadine (18) das tote Kind: „Ich war so froh, dass die Beziehung vorbei war. Und dann kam sie nach einer Spitals-Kontrolle wegen einer Beinverletzung am Donnerstag mit ihm heim. Sie sagte nur: ,Mama, es ist mein Leben, wir haben uns ausgesprochen.‘ Was soll man denn da machen, ich kann ihr den Freund ja nicht verbieten.“

Hündin „Maja“ wollte unbedingt ins Zimmer
Seit Donnerstag lebte der mutmaßliche Täter Saber A. in der Wohnung in Steyr-Münichholz, am Samstagvormittag sprach die Mutter das letzte Mal mit ihrer Tochter - durch die geschlossene Tür. Hündin „Maja“ wollte unbedingt hinein, durfte aber nicht. „Saber rief mich dann zweimal an, wo ich sei, ich war jedes Mal mit ,Maja‘ Gassi“, sagt die 52-jährige Mutter.

Am Abend, als die ältere Tochter Nadine (18) heimkam und die Tür zu Michelles Zimmer verbarrikadiert war, brachen Mutter und Tochter gewaltsam ein. „Ich hab die Tür eingetreten“, erinnert sich Nadine im Interview. Drinnen war alles verwüstet. „Unter den Decken sah ich dann eine Zehe hervorschauen. Dann haben wir Michelle gefunden. Sie lag am Rücken, hatte aufgerissene Augen, überall war Blut“, erzählt die geschockte Mutter.

Bilder, die sie und Nadine nie mehr aus dem Kopf bekommen werden. Psychologische Hilfe hat die Familie nicht in Anspruch genommen, Freunde sind für sie da. Auch die ältere Tochter (29) und der Bruder (20) sind da.

Großer Bruder macht sich Vorwürfe
Der 20-Jährige macht sich Vorwürfe, dass er vielleicht seine Schwester hätte retten können: „Saber hat mir erzählt, dass er in Afghanistan einen Mann getötet habe und deshalb geflohen sei. Wäre ich doch zur Polizei gegangen, aber es gab ja keine Beweise.“ Saber wollte übrigens im Dezember seine Eltern nachholen und ein Haus für sich und Michelle kaufen ...

Michelles Schwester Nadine: „Er brach ihr das Herz“
Die große Schwester Nadine begleitete Michelle zum ersten Date mit Saber, tröstete sie, als er ihr mit einer Schulfreundin das verliebte Herz brach, und fand nun ihren kalten Körper im Kinderzimmer in Steyr. Die „Krone“ sprach mit Nadine.

„Krone“: Die Beziehung von Saber und Michelle, wie würden Sie diese beschreiben?
Nadine: Michelle war verliebt und Saber wollte am Ende alles kontrollieren. Sie musste alle Telefonnummern aus dem Handy löschen, auch die ihrer Familie. Nur seine durfte gespeichert sein. Sie durfte keinen anderen Burschen ansehen oder gar mit einem reden. Eigentlich sollte Michelle ohne sein Beisein die Wohnung nicht mehr verlassen.

Warum hat sie das alles mitgemacht?
Sie war eben verliebt. Sie haben sich über Facebook kennengelernt. Er war damals noch in Wien und ich war dabei, als sie sich auf der Donaulände in Linz das erste Mal trafen. Er ließ sich wegen ihr auch im Vorjahr ins Heim nach Steyr versetzen.

Wie gab sich Saber eigentlich gegenüber den Geschwistern und Ihrer Mama?
Im Grunde sehr zuvorkommend und auch nett. Es gab kein lautes Wort. Am Donnerstag hatte er auch eine große Schachtel Pralinen für Mama mit, nachdem sie sich versöhnt hatten. Ich ärgerte mich, als ich erfuhr, dass sie wieder zusammen sind.

Warum ging die Beziehung eigentlich schief?
Michelle zeigte einer Schulfreundin das Foto ihres Freundes, und die sagte dann, dass sie mit ihm zusammen sei. Und da kam Michelle dahinter, dass er sie betrogen hat. Da machte sie mit ihm Schluss. Aber er ließ nicht locker, wollte wieder zurück und hat es geschafft, Michelle zu überreden.

Ohne Sie wäre die Tat noch eine Nacht lang unentdeckt geblieben.
Ich kam zu Besuch, wollte eigentlich schon am Nachmittag kommen, es wurde dann aber 23 Uhr. Weil ich mit Michelle noch etwas zu bereden hatte, wollte ich zu ihr ins Zimmer. Mama hätte sie sicher in Ruhe gelassen, erst in der Früh, wenn sie nicht zur Arbeit gegangen wäre, hätte sie etwas bemerkt. Ich bin über meine tote Schwester gestolpert. Wie soll man das je vergessen?

Markus Schütz, Kronen Zeitung

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