Mi, 23. Jänner 2019

„Krone“-Interview

11.11.2018 06:00

Wie haben Sie Ihren Humor bewahrt, Herr Kandel?

Eric Kandel war erst neun, als er an der Hand seines Bruders vor den Nazis in die USA floh. Mit Österreich hat sich der Nobelpreisträger später versöhnt. Ein Gespräch über das Erinnern und das Vergessen.

Seine Festrede zur Eröffnung des Hauses der Geschichte wurde am Samstag live auf den Wiener Heldenplatz übertragen. Dort stand Adolf Hitler am 15. März 1938 am Balkon, und 200.000 Österreicher jubelten ihm zu. Acht Monate später musste Eric Kandel vor der Nazi-Herrschaft fliehen. Seine Rede las der Zeithistoriker Oliver Rathkolb, denn Kandel konnte aufgrund einer Erkrankung nicht nach Österreich kommen. Die „Krone“ erreichte den Nobelpreisträger, der am vergangenen Mittwoch 89 Jahre alt wurde, telefonisch in New York.

„Krone“: Mister Kandel, wie geht es Ihnen?
Eric Kandel: Schon ein bisschen besser, aber gestern ging es mir wirklich „lousy“. Es ist vielleicht besser, wenn wir Englisch sprechen, weil mein Deutsch naturgemäß auf dem Niveau eines Neunjährigen stehen geblieben ist. (Er lacht. Also switchen wir beim Telefongespräch spontan zwischen Deutsch und Englisch.) Also, ich habe eine schlimme Verkühlung und liege im Bett. In diesem Zustand ist es besser, nicht zu fliegen. Ich bin natürlich sehr traurig, dass ich nicht bei den Feierlichkeiten dabei sein kann. Dieses Haus der Geschichte ist eine wichtige Sache, weil es Österreich an die dunkleren Seiten seiner Vergangenheit erinnert.

Woran erinnern Sie sich?
Natürlich an die Flucht. Ich bin ja mit meinem damals 14-jährigen Bruder zunächst nach Brüssel gefahren, weil dort schon meine Tante und mein Onkel waren, und dann von Antwerpen mit einem Dampfer in die Vereinigten Staaten. Meine Mutter strahlte beim Abschied so viel Zuversicht aus, dass wir uns bald wiedersehen würden, dass ich überhaupt keine Angst hatte.

Wann hatten Sie Angst?
In der „Kristallnacht“, zwei Tage nach meinem Geburtstag. Mein Vater führte ein Spielwarengeschäft am Alsergrund und hat mir ein kleines Spielzeugauto geschenkt, das man am Boden herumrollen konnte. Am 9. November sind die Nazis in unser Haus gekommen. Sie haben uns hinausgeworfen, und sie haben uns alles weggenommen: den Pelzmantel meiner Mutter, die ganzen Bücher und meine Geburtstagsgeschenke. Auch das rote Spielzeugauto. Ich vermisse es bis heute.

Sie schreiben in Ihrer Rede, dass Ihr Vater 1938 mit einer Zahnbürste die Straße vor seinem Geschäft putzen musste und dass Ihre Schulfreunde nicht mehr mit Ihnen reden durften. Wie kann man so etwas vergessen?
Man kann es nicht vergessen, aber ich führe in den USA ein so gutes und privilegiertes Leben, dass der Zorn und die Enttäuschung irgendwann der Versöhnung Platz gemacht haben. Als ich 2000 den Nobelpreis bekam, riefen mich viele Leute aus Wien an und sagten: Wunderbar, ein österreichischer Nobelpreis! Ich protestierte: Das ist ein jüdischer Nobelpreis!

Wie ist heute Ihr Verhältnis zu Österreich?
Es hat viele Jahre gedauert, bis sich unsere Beziehung verbessert hat. Ich verdanke es Persönlichkeiten wie Heinz Fischer, er ist ein wunderbarer Mensch. Auch die Wissenschaftler Anton Zeilinger und Josef Penninger zähle ich heute zu meinen Freunden. Aber natürlich bleibt eine Enttäuschung - keine persönliche -, dass Österreich im Gegensatz zu Deutschland auch nach dem Krieg nicht gut umgegangen ist mit uns Juden.

Was meinen Sie konkret?
Österreich hat leider nichts, oder sagen wir sehr wenig getan, um seine jüdische Gemeinde wieder zurückzuholen. Es ging so viel verloren. Die Juden haben in sozialer, finanzieller und intellektueller Hinsicht so viel zum Leben in Österreich beigetragen. 1933 lebten noch 191.000 Juden in Österreich, heute sind es nur noch rund 9000. Deutschland hat sich bemüht, die jüdische Gemeinde zurückzuholen, Österreich nicht.

Bundeskanzler Sebastian Kurz hat den Familien von NS-Vertriebenen nun die österreichische Staatsbürgerschaft angeboten.
Sehr gut und sehr richtig! Das ist ein vielleicht ein erster Schritt.

Viele Fotos zeigen Sie lachend und mit einer roten Fliege. Wie haben Sie trotz allem immer Ihren Humor bewahrt?
Ich trage tatsächlich immer Fliege und ich lache auch gern und viel. Ich hatte es schwer mit den Nazis, ich wäre in Österreich fast umgekommen, aber dann war das Leben gut zu mir. Ich bin in den Vereinigten Staaten auf eine sehr gute Highschool gegangen, später auf die Harvard-Universität, ich hatte eine phantastische Karriere, ich habe den Nobelpreis gewonnen. Ich kann mich also nicht beklagen. Ich habe jeden Grund, jetzt glücklich zu sein, und das bin ich auch.

Sie sind am 7. November 89 geworden. Wie hält der weltberühmte Gedächtnisforscher seine Hirnzellen frisch?
Ich habe das auch in meiner Rede gesagt: Das Beste gegen Gedächtnisverlust im Alter ist Bewegung! Gehen setzt in den Knochen ein Hormon namens Osteocalcin frei, das direkt ins Blut und dann ins Gehirn wandert. Deshalb gehe ich jeden Tag zu Fuß in die Arbeit und wieder nach Hause, das sind täglich zweieinhalb Meilen (vier Kilometer, Anm.). Der Weg führt mich durch einen wunderschönen Park. Am späten Nachmittag gehen meine Frau und ich dann noch einmal zwei Meilen (gut drei Kilometer, Anm.).

Sie haben meinem Kollegen Kurt Seinitz einmal gesagt, dass Ihr Herz im Dreivierteltakt schlägt. Ist das noch immer so?
Ja, mein Herz tanzt noch immer im Dreivierteltakt. (Beginnt zu summen) Wien, Wien, nur du allein!

Was hören Sie, wenn Sie traurig sind?
Auch da höre ich gerne ein paar Takte Walzer, das stimmt mich gleich heiter. Aber auch Bach, Beethoven, und natürlich Mozart. Meine Frau und ich lieben klassische Musik, wir gehen auch zehn- bis 15-mal pro Saison in die Oper.

Kochen Sie auch österreichisch?
Meine Frau ist Französin, sie kocht mir kein Wiener Schnitzel (lacht). Ich könnte es mir selbst zubereiten, aber das ist mir zu aufwendig. Wir haben hier in New York wunderbare Österreicher, in deren Restaurants ich jederzeit ein Original Wiener Schnitzel essen kann.

Wann kommen Sie wieder nach Österreich?
Bestimmt schon bald. Ich komme sehr gerne nach Wien. (Summt wieder) Wien, Wien, nur du allein.

Der Forscher des Gedächtnisses
Geboren am 7. November 1929 als Sohn eines jüdischen Spielwarenhändlers in Wien. In der Nacht der Novemberpogrome, zwei Tage nach seinem neunten Geburtstag, stürmte die Gestapo das Haus. Eric floh mit seinem älteren Bruder in die USA, die Eltern kamen später nach. Dort studierte er Medizin und bekam im Jahr 2000 für seine Forschungen über das Gedächtnis den Nobelpreis verliehen. Kandel versöhnte sich mit Österreich und nahm - zur US-Staatsbürgerschaft - auch die österreichische Staatsbürgerschaft wieder an. Er lebt mit seiner Frau Denise in New York.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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