Mi, 21. November 2018

Am Samstag in Wien

06.11.2018 07:00

Popband Chvrches: Keine Parodie ihrer selbst

Beim „Ahoi! The Full Hit Of Summer“ gaben die schottischen Electropopper Chvrches diesen Sommer ihr Österreich-Debüt und holten sogar The-National-Sänger Matt Berninger auf die Bühne - am Samstag gibt es im Wiener Gasometer die erste Headliner-Show bei uns. Im Vorfeld sprach das Trio rund um Sängerin Lauren Mayberry mit uns über One-Hit-Wonder, gestiegene Selbstsicherheit und den Sprung über den großen Teich.

Flirrende Indie-Klänge, eindringliche Electronica und eine nahezu elfenhafte Stimme, der man bei den ersten Durchläufen niemals einen Erwachsenenstatus zugebilligt hätte. Als vor ziemlich genau sechs Jahren die Single „The Mother We Share“ europaweit in den Indie-Radios Einzug fand, hatten Szenehipster mit den Chvrches eine neue Lieblingsband. Tanzbarer Electropop mit weiblichen Vocals und hoher Melodielastigkeit war nicht zuletzt durch Künstlerinnen wie Robyn oder The Knife en vogue und so wurden auch die Schotten prompt von szenerelevanten Magazinen und Blogs in den Himmel gefeiert. Relativ schnell folgten erste große Touren als Support, die Aufnahme in die renommierte BBC-Soundlist und das wundervolle Debütalbum „The Bones Of What You Believe“, dessen Strahlkraft sich bis in die USA und Australien ausbreitete.

Mehr als nur eine Stimme
Wichtigster Baustein des Erfolgs ist natürlich die fragile Stimme von Frontfrau Lauren Mayberry, die es aber nicht nur im musikalischen Sinne zu höherer Popularität schaffte. Sie trat 2011 als letzter Baustein der Band bei und überredete ihre zwei Mitstreiter das ungooglebare Churches auf Chvrches abzuändern (auch um religiösen Vorurteilen den Wind aus den Segeln zu nehmen). Mayberry sah ihre Rolle in der Band nicht nur als Frontfrau, sondern auch als feministisches Szenesprachrohr. Mit abgeschlossenem Jura- und Journalismusstudium in der Tasche, sorgt sich die 31-Jährige um weit mehr als den nächsten Auftritt in einer nicht näher definierten Halle. Jahrelang hatte sie mit Internettrollen zu kämpfen, musste anonymisierte Vergewaltigungsandrohungen über sich ergehen lassen und zog sich für einige Zeit abseits der Bühne so gut wie möglich aus der Öffentlichkeit zurück.

Den allergrößten Hype der frühen Jahre haben Chvrches mittlerweile überstanden, der Internet-Hass hat sich etwas gelegt oder wird einfach stärker ignoriert. Diesen Frühling erschien mit „Love Is Dead“ das dritte Studioalbum der Band und es dreht sich mitunter um das Erwachsenwerden, das Ringen mit den inneren Dämonen und wohl auch ein bisschen um den Platz im Rampenlicht, den die Band sich über die Jahre erarbeitet hat. So spiegelte etwa die erste Single-Auskoppelung „Get Out“ ein typisch-schottisches Lebensgefühl wieder, wie Mayberry erzählt. „Wenn du dich gerade am sonnigsten Platz der Welt befindest, fühlst du dich so misanthropisch und makaber wie niemals sonst. Das ist eine typische Glasgow-Sache.“ Aufgenommen haben Chvrches das Album erstmals in Los Angeles mit Größen wie Steve Mac (u.a. Shakira) oder David Allan Stewart (Eurythmics). Obwohl das Werk wesentlich glattgebügelter und massentauglicher ausfiel war es dem Trio wichtig, nicht die europäischen Wurzeln zu kappen.

Freude an der Musik
Größere Bühnen, Headliner-Shows und vor allem wesentlich mehr Radio-Airplay gaben dem eingeschlagenen Weg Recht. Ein wichtiger Teil zum Erfolg war die früh eingeleitete Promotion für das Album. „Obwohl es erst im Mai veröffentlicht wurde, haben wir schon im Jänner die ersten Interviews dafür gegeben“, rekapituliert Soundtüftler Martin Doherty im Gespräch mit der „Krone“, „es muss bei uns jetzt nicht so sein wie bei Beyonce oder Frank Ocean, die ohne Ankündigung am nächsten Tag ein Album veröffentlichen, aber wir werden beim nächsten Mal nicht schon monatelang im Vorfeld über das Werk reden.“ Mitunter geht es auch darum, die Spannung für die Fans so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, ergänzt Mayberry: „Freude und Zwanglosigkeit an der Musik gehen oft automatisch verloren, wenn die Menschen schon im Vorfeld so viel über ein Produkt lesen. Ein Benotungssystem von eins bis zehn ist zwar nett, aber im Endeffekt interessiert uns das Feedback der Fans und nicht jenes der Journalisten.“

Eine unterschiedliche Erwartungshaltung zwischen Fans und ihren favorisierten Künstlern ist immer gegeben, insofern sind Chvrches auch bemüht, diverse Hoffnungen nicht zwingend zu befriedigen. „Die Beziehung zwischen Musikern und Fans ist sehr stark von Vertrauen geprägt. Wir werden sie beim Schreiben von Songs nicht um Erlaubnis fragen, müssen aber soweit an sie glauben, als dass sie uns zumindest eine Chance geben. Wenn du nur nach den Erwartungshaltungen von anderen komponierst, wirst du eine traurige Parodie deiner selbst.“ Seit dem Debütalbum sind Chrvches in allen Bereichen gereift. Als Songwriter, Musiker, Sänger, Komponisten und schlussendlich auch als Menschen an sich. „Wir haben es geschafft, uns verstärkt Ungezwungenheit in unserem Tun zu erlauben, denn ansonsten würde die Musik zur Qual werden. Wir wissen, dass wir als Freunde innerhalb der Band am Glücklichsten sind und das kreative Chaos mehr Spaß macht als eine aufgezwungene Ordnung. Natürlich hat es etwas gedauert, bis wir uns dem gewahr waren.“

Glück der Hitlosigkeit
Den Fluch des One-Hit-Wonders konnten die Schotten bislang jedenfalls entgehen. Dass die Band permanent im Radio gespielt wird, aber noch keinen klassischen Überhit hatte, sieht sie als uneingeschränkten Vorteil. „Sei vorsichtig mit solchen Wünschen“, warnt Mayberry, „bei vielen Künstlern ist nach einem Megahit auf dem Debütalbum dann nichts mehr Relevantes passiert. Du hast zwar einen speziellen Moment kreiert, kommst aber nie mehr aus dieser Falle raus. Ein tolles Gegenbeispiel sind etwa Portugal. The Man. Sie haben neun Alben, touren unermüdlich und eine treue Fanschar, die ihnen wohlwollend und mit Respekt entgegenkommt. Bei uns ist das ähnlich und verdammt cool.“

Doherty ergänzt: „Das ist wie bei den Darstellern von ,Friends‘ oder Al Bundy aus ,Eine schrecklich nette Familie‘ - sie sind so stark mit dieser Rolle konnotiert, dass ein Abweichen schon gar nicht mehr möglich ist. Wenn eines in der Musikwelt so fix ist wie das Amen im Gebet, dann die Tatsache, dass du garantiert keinen Hit schreibst, wenn du einem nachjagst. Ich komme aus einem kleinen Eck in Glasgow und hätte diesen Erfolg ohnehin nie kommen sehen. Für mich wäre jeder weitere Schritt in unserer Karriere ein Bonus.“

Live in Wien!
Am 10. November spielen Chvrches mit ihren „semigroßen“ Hits und dem neuen Material im Wiener Gasometer ihre erste österreichische Einzelshow. Im Vorprogramm sind die vielversprechenden Wiener Anger zu sehen. Alle Infos und Karten für das Konzert erhalten Sie unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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