Fr, 16. November 2018

Armin Meiwes

15.10.2018 06:32

Rotenburgs Kannibale: „Irgendwann komme ich frei“

Dieser Fall ist in die Kriminalgeschichte eingegangen: 2001 tötete der damals 40-jährige Armin Meiwes einen Mann - um ihn zu verspeisen. Gerichtspsychiater halten den Deutschen nach wie vor für brandgefährlich. Aber er träumt von einem Leben in Freiheit.

Rotenburg an der Fulda, Ortsteil Wüstefeld. Die Landschaft: idyllisch. Wiesen, Felder, Wälder. Weit voneinander entfernt stehen sieben Häuser. In einem von ihnen hat Armin Meiwes gewohnt, hier hat er seine grauenhafte Tat begangen.

Das Gebäude mit dem riesigen Garten rundum befindet sich noch immer in seinem Besitz. Die Türen sind herausgerissen, die Fensterscheiben zerbrochen, im Inneren befinden sich desolate Möbel. Auf einem verwitterten Holztisch stehen verstaubte Schüsseln. Hat der Täter daraus von seinem Opfer gegessen?

Steaks und Braten habe er aus seinem „Freund“ Bernd Brandes zubereitet, „wir hatten das gemeinsam vor seinem Tod so beschlossen“, erklärte Meiwes einst in Interviews - und dass diese „besonderen Abendmahle sehr gepflegt abgelaufen“ seien, „im Kerzenschein, mit Rotwein-Begleitung“.

Die irren Fantasien des Täters - und des Opfers
Meiwes und Brandes hatten einander Anfang 2001 per Internet kennengelernt, in einem „Kannibalen-Chat“. Meiwes, damals 40, Computertechniker von Beruf, suchte nach einem Mann, der sich von ihm schlachten lassen würde. Und Bernd Brandes (43), ein Diplomingenieur aus Berlin, wünschte sich nichts mehr, als von einem ihm sympathischen Menschen „in sich aufgenommen“ zu werden. Perverse Sehnsüchte, die in ihrer Gegensätzlichkeit zueinanderpassten.

Immer und immer wieder schrieben die beiden Deutschen einander über ihre abnormen Fantasien, am 9. März wurden sie in die Realität umgesetzt. In Rotenburg an der Fulda.

Brandes galt seitdem als „vermisst“, Meiwes führte nach außen hin sein Leben als Biedermann fort. Arbeitete fleißig, ging manchmal abends kegeln, war sonst viel daheim. Und gab bald abermals in diversen Foren einschlägige Annoncen auf.

Aufgrund des Hinweises eines Innsbrucker Studenten wurde im Dezember 2002 die Kripo auf ihn aufmerksam. Sie machte bei ihm eine Hausdurchsuchung, beschlagnahmte Fleischstücke aus seiner Tiefkühltruhe.

„Kurz danach“, erinnert sich Anwalt Harald Ermel, „rief mich Herr Meiwes an und bat um einen Termin. Wir kannten einander, ich hatte ihn bereits wegen einer Verkehrsstrafe juristisch beraten. Aber diesmal, sagte er gleich, ginge es um etwas ganz anderes.“ Das Geständnis des Täters in der Kanzlei, „und dann fuhren wir zusammen zur Polizei“.

„Seine Neigung ist nicht wegtherapierbar“
Armin Meiwes hatte die Chats mit Brandes gesichert, er verfügte über umfangreiches Videomaterial, von Gesprächen mit seinem Opfer - und von seiner Tat. Er glaubte, ungeschoren davonzukommen: „Hier sind die Beweise: Brandes wollte, dass ich ihn umbringe.“

Bei seiner ersten Schwurgerichtsverhandlung im Jänner 2004 plädierte sein Verteidiger auf „Tötung auf Verlangen“. Urteil: Totschlag, acht Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein, im Mai 2006 fand ein neuer Prozess statt. Meiwes bekam lebenslang.

Im November 2017 stellte er einen Antrag auf Entlassung. „Seine Neigung“, meint Ermel, „ist nicht wegtherapierbar. Aber er ist intelligent und er begreift, dass es unrecht wäre, sie abermals auszuleben. Daher wird er das auch nicht wieder tun.“

Psychiater sind anderer Meinung, sie halten Meiwes für brandgefährlich, er muss vorerst hinter Gittern bleiben. Trotzdem, er träumt weiterhin von einer Zukunft „draußen“.

Im Gefängnis fand er eine Partnerin
Sollte der mittlerweile 57-Jährige freikommen, „will er“, so sein Anwalt, „völlig neu beginnen“. Eine „nette Frau“ - geschieden, eine Tochter - habe ihm „kurz nach seiner Verhaftung ein Aufmunterungsschreiben ins Gefängnis geschickt“, in der Folge entwickelte sich eine Brieffreundschaft zwischen den beiden und später eine „echte Beziehung“, inklusive regelmäßiger Treffen in einer „Kuschelzelle“.

Meiwes’ Wunsch sei, mit seiner Freundin zusammenzuziehen, wieder als Computertechniker zu arbeiten - und ein ruhiges Dasein zu führen. Das Haus in Rotenburg an der Fulda möchte er renovieren lassen. Dort zu wohnen, könne er sich nicht vorstellen - wegen der vielen Kriminaltouristen, die es laufend besichtigen.

Auch die Menschen in der Gemeinde sind von den „Eindringlingen“ genervt. „Langsam sollte doch Gras über die Sache gewachsen sein“, sagen sie. Gegen die Rückkehr des Kannibalen in den Ort hätten sie aber keine Einwände: „Denn wir kennen ihn alle nur als besonders freundlichen Mann.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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